Zeitung Heute : Chronistin des Alltags

Ute Mahler hat in ihren Modefotografien das Lebensgefühl der DDR eingefangen

von

Ute Mahlers Zeit als Modefotografin ist längst vorbei. Vor zwölf Jahren hat sie das letzte Mal Mode fotografiert. In der DDR gehörte sie zu den wichtigsten Fotografen für die Modezeitschrift Sibylle: „Dafür bin ich immer noch bekannt im Osten“, sagt die heute 60-Jährige.

Das letzte Mal fotografierte sie Mode für den Stern. Der Vorschlag kam von der Redaktion. Sie wollte fünf rothaarige Mädchen am Strand. Da Oktober war, schlug die Redaktion als Ziel die Karibik vor – „aber ich wollte nach Rügen.“

Ute Mahler muss eine Weile suchen, bis sie in im Atelier unterm Dach ihres Hauses in einem Karton die Bilder gefunden hat. Es sind durchinszenierte Fotos, denen man die Idee, unbeschwerte Schnappschüsse eines Ausflugs zu sein, trotzdem ansieht. Sie sind nie veröffentlicht worden. „Ich glaube, in der Woche, als die Modestrecke erscheinen sollte, ist Lady Di gestorben, da war´s erledigt.“

Allzu sehr bekümmert sie das nicht. Aber Bilder haben für sie auch einen Wert, wenn sie in einem Karton liegen. Das liegt in ihrer Biografie begründet. Ein Fotograf vom Stern sagte ihr einmal, dass seine besten Bilder die seien, die auf einer Doppelseite erscheinen. „Für mich waren während der DDR meine besten Bilder die in einem Karton, die ich nur Freunden zeigte.“

Ihre Modefotografien sind nicht nur unter anderen Bedingungen entstanden als die ihrer Westkollegen, sie wollte auch etwas anderes. Mode war für sie Gebrauchsfotografie, aber sie wollte auch immer das wirkliche Lebensgefühl der Menschen in der DDR zeigen.

Das hält Ute Mahler für eines der wichtigsten Merkmale der DDR-Modefotografie: „Man sieht immer, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Natürlich kann man auch in der Brigitte Strömungen der Zeit entdecken, aber in deren Fotos geht es eher um Lebensstil. „Wir waren alle nicht nur Modefotografen, wir haben Einflüsse aus den verschiedensten Bereichen eingebracht. Sibylle Bergemann kam vom Porträt, und ich wollte immer Reportagefotografin sein.“

Das sieht man auch ihren mehr als 20 Jahre alten Modefotos an, die auch heute noch als gute Bilder funktionieren und nicht nur als historische Dokumente. Irgendetwas stört immer die perfekte Inszenierung in ihren Bildern, wie auf denen für die Modestrecke zur Kleidung für Schwangere aus dem Jahr 1982. Ist es das dicke Paar, das vom Betrachter abgewandt auf dem Bordstein hockt und auf die Straße schaut, oder ist es die junge Frau, die dort im Gras liegt, gerade so, dass man an ihrer Körperhaltung die Pose erkennt? „Ich habe das Model gebeten, sich an das Paar heranzuschleichen und sich in den Grünstreifen zu legen.“

Auf Ute Mahlers Bildern sollte man den Bruch sehen. „Ich wollte nicht, dass es aussieht wie die Realität. Das wäre, als würde man mit Freunden zusammensitzen und lügen.“

Die Frauenkommission des ZK machte den Fotografen der Sibylle die Arbeit nicht leicht. „Die haben uns einfach nicht verstanden.“ Da hieß es: „Unsere Frauen sind doch glücklich, könnt ihr die nicht im Neubaugebiet zeigen?“ Da gab es fließendes Wasser und Strom, nicht wie im Prenzlauer Berg Toiletten auf halber Treppe und bröckelnde Fassaden. „Also sind wir in die Neubaugebiete gefahren. Und dann gab es richtig Ärger.“ Ute Mahler stellte ihre Models vor einen Gitterzaun, durch den ein Plattenbau zu sehen war, oder vor eine rohe Betonwand.

Sie fotografierte noch für die Sibylle, bis das Magazin 1995 eingestellt wurde. Da hatte sie schon längst ihre zweite Karriere begonnen, 1990 konnte Ute Mahler endlich reisen und all die Fotos veröffentlichen, die sie bis dahin nur für sich gemacht hatte: „Um mich zu vergewissern, dass ich die Dinge auf meine eigene Weise gesehen habe.“

Ihre Reportagen für Magazine wie Stern und Merian warten nie mit dem großen, weltbewegenden Moment auf, aber sie erzählen fast lakonisch vom Leben. Zum Beispiel die Arbeit im Bundesgerichtshof in Karlsruhe, wo sie telefonierende Beamte, Putzenfrauen im Gerichtssaal und Roben fotografierte.

Dabei will sie nie zu beiläufig sein. Sie will mit ihren Fotos immer etwas erzählen. „Ich komme oft nach Hause und sage: Schau mal, was ich erlebt habe.“ Mit ihrem Mann Werner, ebenfalls Fotograf, den sie schon in der Schule kennenlernte, hat sie jetzt zum ersten Mal zusammengearbeitet. „Wir gehen in Vorstädte und suchen nach jungen Frauen, die für uns Mona Lisen sind.“ 70 Porträts sind so entstanden. Das Projekt Mahler/Mahler ist die dritte Phase in ihrem Fotografenleben. Jetzt entscheidet nur noch sie, welche Bilder sie machen möchte.

Sieben Modefotos von Ute Mahler sind bis zum 10. März in der Galerie für moderne Fotografie zu sehen. Schröderstraße 13 in Mitte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar