Claudine André : „Ich glaube, Sex macht mutiger“

Claudine André (61) findet, Menschen könnten eine ganze Menge von Bonobos lernen. Sie selbst isst auch mal das Gras, das ihr die Affen aus dem Wald bringen.

Claudia André
Claudia André -Foto: Mike Wolff

Frau André, Sie leben im Kongo, einem der gefährlichsten Länder der Welt. Haben Sie noch Ihre Waffen im Haus?



Inzwischen ist das verboten. Aber mein Mann und ich haben jahrelang mit einer Kalaschnikow neben dem Bett geschlafen.

Und die hätten Sie bedient?

Oh ja, wenn es nötig gewesen wäre.

Gewalt ist eine menschliche Art, Konflikte zu lösen. Sie haben gesagt, Sie hätten von Tieren etwas Vernünftigeres gelernt: von den Bonobos, den Zwergschimpansen, um die Sie sich seit Jahren kümmern.

Die Bonobos sind sehr friedliebend, sie vermeiden Konflikte, indem sie verhandeln.

Wie läuft das ab?

Wenn sich eine Gruppe Bonobos einem Baum voller Früchte nähert, fangen sie schon auf dem Weg dahin an, zu klären, dass jeder etwas zu essen bekommen wird. Das läuft über sexuelle Kontakte, die alle untereinander haben. Durch die wird Spannung abgebaut. Wenn die Tiere dann beim Baum ankommen, sind alle entspannt genug, um gemeinsam zu essen.

Verhaltensforscher haben eine Art Prostitution bei Bonobos entdeckt: Sex gegen Nahrung.

Das erlebe ich anders. Ich habe oft beobachtet, dass ein Bonobo einem Artgenossen, der gerade etwas frisst, förmlich in den Teller klettert, ohne dass er etwas abbekommen hätte.

Bei Bonobos dauert Sex im Schnitt 13 Sekunden.

Ja, es ist sehr beiläufig. Wie Kommunikation eben, wie reden.

Und macht es den Affen Spaß?

Manchmal schon, dann hört man das. Aber es geht beim Sex weniger um Vergnügen als um Frieden und Gelassenheit. Bonobos sind sehr scheue Tiere, haben vor vielem Angst, sie sind keine Kämpfer. Vielleicht macht Sex sie auch mutiger.

Aber was können Menschen von den Bonobos lernen? Sie können sie ja schlecht kopieren.

Wir können lernen, friedlicher zu sein, weniger kämpferisch, gruppenorientierter. Manchmal denke ich, dass unsere Kultur und Religion uns daran hindern, mehr wie die Bonobos zu sein.

Auch promiskuitiv und bisexuell?

Ohne die ganzen Tabus gäbe es vielleicht auch viel mehr bisexuelle Menschen.

Wie ist es, wenn Sie mit solchen Vorschlägen in den USA um Unterstützung für die Bonobos werben?

Seit die Bonobos als Sextiere bekannt sind, ist es in den USA nicht mehr so leicht. Dabei ist Sex gar nicht das ganze Leben der Bonobos. Ich erinnere mich an ein Fernsehteam, das zwei Tage lang in „Lola ya Bonobo“, unserer Schutzstation, drehen wollte, wo inzwischen 56 Affen leben. Die Fernsehleute haben die ganze Zeit auf eine Sexszene gewartet, aber nichts geschah, kein Konflikt entstand, der durch Sex geregelt werden musste. Am Ende hat das Kamerateam nach Viagra gefragt!

Und wenn Besuchergruppen kommen?

Oh ja, das kann in der Affengruppe heftige Konflikte auslösen. Ich erinnere mich an den Besuch einer belgischen Schulklasse, die brachte einen riesigen Geschenkkorb voller Äpfel mit ...

Sie lachen.

... ja, stellen Sie es sich vor: Eine erste Klasse, das heißt lauter Sechsjährige, steht vor den Affen, und die verhandelten auf ihre Weise, wer welchen Apfel bekommt.

Eine Orgie.

Mein Kollege, der normalerweise die Führungen macht, hat gesagt: Es sind deine Landsleute, tschüss! Die Kinder kreischten, der Lehrer ist knallrot geworden und ich auch!

Wenn die Bonobos so viel Sex haben, wieso sterben sie dann aus?

Weil sie nur in einem bestimmten Gebiet leben, im Kongo. Dort denkt man an die Wirtschaft, die Wälder werden abgeholzt, um Ackerland zu gewinnen. So geht der Lebensraum der Bonobos kaputt. Außerdem werden die großen Tiere geschossen und als sogenanntes Bushmeat gegessen und die kleinen werden als Haustiere verkauft.

Glauben Sie denn, dass die Art überleben kann?

Nein, ich bin kein Optimist. Früher konnten wir an den Listen unserer Bonobo-Zugänge ablesen, wann Krieg war. Dann kamen besonders viele Tiere. Jetzt ist offiziell Frieden. Und die Situation entspannt sich überhaupt nicht.

Die Zahl der Bonobo-Waisen steigt?

Ja. Es gibt noch sehr viele Milizionäre, die in den Wäldern sitzen, nichts zu tun haben und schlecht bezahlt sind. Die töten Bonobos.

Wie schützen Sie sich davor, die Bonobos zu vermenschlichen?

Mein Glück ist, dass ich keine Wissenschaftlerin bin. Wissenschaftler haben viel Angst, die Linie zwischen Mensch und Tier zu überqueren, sie müssen immer wieder klarmachen: Dort ist Tier, hier ist Mensch. Mir ist das ganz egal. Ich denke, es sind zwei Welten. Natürlich sind wir keine Bonobos und die sind keine Menschen, aber diese beiden Welten überlappen sich manchmal.

Der Affe ist mal wie ein Mensch, der Mensch mal wie ein Affe? Das müssen Sie genauer erklären.

Einige Bonobos haben jahrelang als Haustier bei Menschen gelebt, die gehen nie wieder in den Wald. Ein Bonobo-Weibchen, das bei uns in „Lola“ lebt, hält sich längst für einen Menschen. Die würde nicht mal in den Wald gehen, wenn man ihr einen Sessel und einen Fernseher mitgibt.

Und umgekehrt: Sie als kleiner Menschenaffe – wie muss man sich das vorstellen?

Wenn ich zum Beispiel im Wald bin und die Affen kommen, um mir Gras zu geben.

Das essen Sie dann?

Ich kenne ein paar Gräser, die wir Menschen essen können. Und wenn ich die Bonobos beobachte, entdecke ich bei ihnen Verhaltensweisen, die Menschen auch haben. Wer mit Menschenaffen lebt, kann nicht auf einer Seite der Linie bleiben.

Wie kommunizieren Sie mit den Tieren?

Die Bonobos haben viele Möglichkeiten, Laute zu bilden. Sie haben eine richtige Sprache. Sie haben auch eine Lautfolge für meinen Namen.

Wie hört sich das an?

Das kann man nicht nachmachen.

Woher wussten Sie, dass Sie gemeint waren?

Es waren die Laute, die die Bonobos immer gemacht haben, wenn sie mich sahen. Auch Pfleger, die im Wald bei den Affen sind, erkennen daran, dass ich eingetroffen bin.

Sammeln Sie die Lautfolgen für ein Wörterbuch?

Wir haben eine junge Wissenschaftlerin, die die Laute sammelt. Sie hat festgestellt, dass ein Weibchen immer dieselben Laute von sich gibt, wenn es eine Banane bekommt. Wir wissen nur noch nicht, ob die Laute „Banane“ heißen oder „lecker“.

In das Bonobo-Projekt haben Sie als Mutter, ehemalige Hausfrau, Kunsthändlerin und Modeverkäuferin Ihr ganzes Geld investiert. Fragen Sie sich, wovon Sie leben wollen, wenn Sie alt sind?

Meine Bonobos werden sich um mich kümmern und mir Ananas geben. Nein, im Ernst. Ich habe ja einen Mann, der eine kleine Firma hat, und ich hoffe, dass wir demnächst den Punkt erreichen, an dem wir für uns etwas zurücklegen können.

Was kostet denn das Essen für die 56 Affen?

Es kostet etwa 42 000 Euro im Jahr. Das zahlt die Tierschutzorganisation von Brigitte Bardot.

Stimmt es, dass Ihre Unterstützer im Kongo alle weiße Zugereiste waren?

Weil ich nur die gefragt habe. Denn auch Kongolesen, die so reich sind, wie man es sich kaum vorstellen kann, hätten mir nichts gegeben. Nett zu Tieren zu sein, ist kein Teil der afrikanischen Erziehung. Um gegenzusteuern, habe ich Clubs in Schulen gegründet. Das Einzige, was ich von den Kongolesen wollte, war, dass sie mir Bescheid sagen, wenn sie irgendwo Affenbabys sehen.

Wenn Sie Bonobo-Babys einsammeln, wie ist das?

Wir waren gerade in der Region Kasai, um fünf Tiere zu holen, als wir ankamen, waren drei schon tot. Die anderen zwei waren in wirklich furchtbarem Zustand. Körperlich und psychisch. Die halten sich dann die Augen zu, in der Hoffnung, wenn sie dich nicht sehen, siehst du sie auch nicht. Meistens dauert es ein paar Monate, bis die Tiere ihre Ersatzmütter akzeptieren und wieder Zutrauen fassen. Es ist wie bei Kindern.

Kann man das wirklich vergleichen?

Von meinen eigenen Kindern hat mich nie eins so angesehen wie die Bonobos. Ein Affenbaby war mal dabei, das habe ich sechs Monate auf dem Arm herumgetragen, und immer wieder zupfte es an mir, um Augenkontakt zu haben. Wenn ich es abends in den Käfig legen wollte, klammerte es sich so verzweifelt an meinem Hals fest, dass ich monatelang dicke Striemen hatte.

Waren Ihre Kinder nie eifersüchtig auf die Affen?

Nein, die sind Freunde. Auch jetzt noch. In Lola hoffen alle, dass meine jüngste Tochter Fanny mal meinen Platz einnimmt.

Es gibt viele Schätzungen über die Zahl der wild lebenden Bonobos. Die einen sagen, es gebe 5000 Tiere, die anderen sagen: 100 000.

Diese ganzen Zahlen kommen mir manchmal sehr vage vor. Ich habe Wissenschaftler gesehen, die suchten einen Hektar Wald nach Nestern ab, und die Zahl haben sie dann auf das ganze Verbreitungsgebiet hochgerechnet. Vielleicht haben wir also Glück, und es gibt mehr, als wir denken.

Aussterben ist ein natürlicher Vorgang, Millionen Arten sind schon untergegangen. Was ist das Schlimme daran?

Es wäre natürlich sehr traurig, wenn so eine friedliche Art einfach verschwindet. Zudem sind Bonobos dem Menschen am ähnlichsten. Die genetische Übereinstimmung beträgt 99 Prozent. Wenn wir nicht mal unsere nächsten Verwandten retten können, dann können wir niemanden retten.

Alle vier Menschenaffenarten, Gorillas, Orang- Utans, Schimpansen und Bonobos, sterben aus.

Ja, das ist furchtbar, aber es wird auch viel für die Rettung getan.

Sie wollen Ihre Affen wieder auswildern. Wann beginnen Sie damit?

Wir mussten erst mal einen Platz dafür finden. Das haben wir jetzt, in einem Gebiet, wo nur wenige Menschen vom Stamm der Mungos leben, deren Riten es verbieten, Bonobos zu töten.

Glauben Sie, dass Menschenaffen eines Tages nur noch in Zoos vorkommen?

Das fällt natürlich schwer. Aber ich versuche, positiv zu bleiben, und sage: Die eingesperrten Tiere sind die letzten Botschafter ihrer Arten.

Ihr Engagement für die Bonobos begann in einem Zoo und nicht mit schönen Eindrücken.

Als ich während des Bürgerkriegs 1991 im Kongo den Zoo von Kinshasa besuchte, musste ich mein Herz verschließen. Die Bedingungen für die Tiere waren wirklich schlecht. Ich habe damals gesagt: Okay, ich kann sie nicht mitnehmen, ich kann nur versuchen, ihr Leben hinter Gittern zu verbessern. Also habe ich Nahrung für sie gesammelt.

Sie haben angefangen, sich um Tiere zu kümmern, als es vielen Menschen schlecht ging.

Ja, aber in all den Jahren hat mich nie jemand gefragt, warum ich so viel für Tiere tue, wenn doch auch Menschen leiden. Nie. Vielmehr kamen die Leute und sagten, es ist schön, dass Sie dem Zoo helfen, ich war hier als Kind jeden Tag. Es war für viele eine gute Erinnerung, die gepflegt wurde.

Kongo steht für brutale belgische Kolonialzeit, Diktatoren, Kriege, Hunger ...

Und Sie fragen, warum ich dort lebe. Das werde ich oft gefragt. Es ist doch wie in einer Ehe. Da ist auch nicht immer alles toll, und trotzdem lässt man sich nicht scheiden, solange das Schlechte nicht deutlich überwiegt.

Wie ist das Leben heute im Kongo?

Es ist ein neuer Kongo, ein ganz anderes Land als vor der Unabhängigkeit. Die Leute wollen etwas erreichen, sie kümmern sich. Wir sind glücklich. Wir haben ein Haus in Kinshasa und die Schutzstation vor den Toren der Stadt. Es gibt Geschäfte, Restaurant, Bars,

... Elektrizität?

Wir haben einen Generator. Aber wenn mein Mann auf Reisen ist, dann bleibe ich draußen in der Bonobo-Station. Da fühle ich mich wohler.

Sie haben immer noch den belgischen Pass. Ist der eine Art Lebensversicherung?

Nein. Ich habe den heute aus Überzeugung. Dabei habe ich Belgien lange nicht verziehen, wie wir 1960 behandelt wurden. Damals wurde Kongo unabhängig, und mein Vater wurde wie alle Regierungsangestellten aus der Kolonie zurückgerufen. Plötzlich hatte Brüssel etwa 100 000 Beamte zu versorgen. Wir Kinder kamen in die Schule, wurden in die letzte Reihe gesetzt und die „Kongolesen“ genannt. Als ich erwachsen war, bin ich in den Kongo zurückgekehrt, musste aber ein zweites Mal ausreisen. Das war 1991. Das Land wurde erschüttert von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Armee von Diktator Mobutu und Oppositionellen. Da hatte ich schon meine vier Kinder und war im selben Alter wie meine Mutter 1960. Ich hatte Angst, dass man uns in Belgien wieder herablassend behandeln würde. Aber es kam ganz anders. Man empfing uns sehr warmherzig.

Sie gingen kurz darauf wieder zurück und leben dort, obwohl es immer wieder bewaffnete Konflikte gibt. Haben Sie sich an die Gewalt gewöhnt?

Nein. Aber es ist ein typisches Problem, wenn man lange in kriegsähnlichen Zuständen lebt. Man erweitert dauernd seine Grenzen. Man übersteht eine gefährliche Situation und findet diese Situation beim nächsten Mal schon nicht mehr gefährlich. Ich erinnere mich, dass es mal einen Schusswechsel vor meinem Schlafzimmer gab, und ich dachte: Ach, es ist nichts. Da habe ich am nächsten Tag beim Frühstück gesagt: Das ist doch nicht normal. Die schießen zehn Meter von unserem Bett entfernt, und wir schlafen weiter.

Und wie gehen Sie mit der Armut um?

Auch nach vielen Jahren kann ich mit der Armut nicht gut leben. Das tut mir weh. Und nicht nur mir. Die Kongolesen haben es auch satt.

Claudine André wuchs im Kongo auf. Die Belgierin setzt sich für die Rettung von Bonobos ein und hat nahe Kinshasa eine Schutzstation errichtet. Über ihr Leben mit den kleinen Menschenaffen berichtet sie in ihrem Buch „Wilde Zärtlichkeit“ (Kosmos Verlag).

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