Zeitung Heute : Claudios Franzl

FREDERIK HANSSEN

Zwei Schubert-Abende mit Abbado und dem Chamber Orchestra of EuropeFREDERIK HANSSENIm Museum fallen sie immer wieder auf: Mit feinem Pinselstrich komponierte Kleinformate, die in ihren wuchtigen Ebenholzrahmen irgendwie verloren aussehen, zarte Bleistiftskizzen, erschlagen von ausladenden, goldglänzenden Barockschnitzereien.Orchesterbearbeitungen von Schubert-Liedern machen auf viele Hörer denselben Eindruck - und doch müssen sich die disproportionalen Rahmenbedingungen nicht zwangsläufig negativ auswirken, können das Werk und seine überdimensionierte Präsentationsform im Museum wie im Konzertsaal eine spannungsreiche Beziehung eingehen.Wie jene Orchestrationsübungen des Kompositionsschülers Anton Webern von 1903, die Claudio Abbado bei seinem ersten Festwochen-Konzert mit dem Chamber Orchestra of Europe im Kammermusiksaal der Philharmonie vorstellte: Die morbidezza der Jahrhundertwende hat sich hier über die Lieder gelegt, Schuberts Melodien erscheinen im zeitgeistig eingefärbten Klanggewand Mahlerscher Spätromantik.Stimmungen, die Abbado nur zu gerne aufgreift: Das Tempo wird heruntergefahren, die Instrumente klingen dünnhäutig und zerbrechlich, die klare Akustik wird schattig abgedunkelt.Und Simon Keenlyside geht mit seinem vollendet geführten Bariton auf "Winterreise", gestaltet den "Tränenregen" aus der "Schönen Müllerin" und "Du bist die Ruh" als Orchesterlieder im Geiste von Richard Strauss, formt "Ihr Bild" aus dem "Schwanengesang" und den "Wanderer" mit vorbildlicher Textverständlichkeit und mühelos aufscheinenden Spitzentönen zu Szenen für eine imaginäre Opernbühne. Ein wenig mehr am Geschmack der Entstehungszeit orientierte Max Reger seine Bearbeitungen der Schubert-Lieder, die Abbado für das zweite Konzert mit dem Chamber Orchestra of Europe ausgewählt hatte.Doch auch hier bleibt der Abstand von über 100 Jahren Musikgeschichte stets präsent, klingt der Orchestersatz dichter gewebt, werden vor allem die Holzbläser für klangfarbliche Zusatzeffekte eingesetzt.Mit kernigem Mezzo und spannungsreichen dramatischen Aufschwüngen ließ Anne Sofie von Otter in "Gretchen am Spinnrade" und vor allem auch im "Erlkönig" das dezent begleitende Orchester eher blaß aussehen."An den Mond" und "Im Abendrot" gelangen dagegen in interpretatorischem Einklang und kontemplativer Besinnlichkeit.Wie entwaffnend naiv wirkten im Vergleich dazu Jäger- und Hirtenchor aus Schuberts "Rosamunde"-Schauspielmusik, vom Ernst Senff Chor lieblich vorgetragen! Was aber waren das für Rahmen, in denen Abbado Schuberts Jugendsinfonien aufhängte? Von geduldiger Künstlerhand gefertigte Exemplare aus pastellfarben gebeizten Edelhölzern mit kleinteiligen Intarsienmustern und mattschimmernden Perlmutt-Applikationen.Sind das wirklich die passenden Hüllen für die Werke eines Sechzehn- bis Einundzwanzigjährigen, der sich mit Entdeckerlust die "große Form" erarbeitet, der mit "bezaubernder Ungezwungenheit" traditionelle und eigenständige Lösungen für eine Gattung wählt, in der es an furchteinflößenden Vorbildern keineswegs mangelt, wie es Peter Gülke in seiner Biographie bewundernd vermerkt? Diese Frische, dieses jugendliche Ungestüm nimmt Abbado dem jungen Schubert.Stattdessen entdeckt er in den Partituren sublimste, gläserne Zartheit, die vor jedem dynamischen Windhauch geschützt werden muß wie Salzburger Nockerln.Denn genauso zuckersüß ist Claudios Franzl.Ein Heiligenbildchen in Watte verpackt.Mit den besten Absichten selbstverständlich - für mich jedoch mit einem enttäuschenden Ergebnis: Vor allem der 5.und 6.Sinfonie entzog Abbado am ersten Abend im Zuge seiner Sublimierungsbemühungen jegliche Kraft, wenn er die Überleitungen zu den Themen spannungsdämpfend statt -steigernd ausführen läßt, wenn jeder Hochton einer Melodielinie bereits wieder zum Abstieg mahnte, statt stolzes Gipfelkreuz zu sein. Allein in den Ecksätzen der 2.Sinfonie fand ich am zweiten Abend jenen Begriff wieder, den Schubert so oft als Tempovorgabe notiert: "vivace", lebendig.Im übrigen dominierten auch hier und in der 3.Sinfonie wieder äußerste Zurücknahme, samtbehandschuhte Vorsicht und ein bewußt niedrig gehaltener Grundpuls.Eine Schubert-Interpretation, die in den Rahmen fällt - vom begeisterten Publikum im ausverkauften Kammermusiksaal an beiden Abenden heftig akklamiert.

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