Zeitung Heute : Clever gründen

Der Aufschwung könnte vor der Tür stehen – und besondere Chancen für angehende Unternehmer bieten

Roland Koch

Wenn die Wirtschaft brummt, die Unternehmen mit Volldampf produzieren und die Konsumenten kräftig Geld ausgeben, dann ist das die große Stunde der Existenzgründer. Denn Rahmenbedingungen wie diese sind nicht gerade schädlich, wenn man mit einem eigenen Unternehmen in den Ring steigt. In jüngster Vergangenheit konnte man davon nur träumen. Doch das könnte sich schon bald ändern. Wenn es um den Aufschwung in Deutschland geht, sind die Wirtschafts-Experten zwar noch zurückhaltend – aber sie sind zuversichtlich. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zum Beispiel hält nach einer Nullrunde in diesem Jahr im kommenden Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,7 Prozent für möglich.

Während die Trendwende zumindest auf dem Berliner Arbeitsmarkt wohl erst im Jahr 2005 einsetzen wird, wie der neue Landesarbeitsamts-Präsident Rolf Seutemann gerade mitteilte, bietet die Situation für Existenzgründer eventuell schon eher Chancen: Sie könnten in eine Aufschwungphase hinein starten. Welche Produkte und Dienstleistungen wann gefragt sein werden, kann heute zwar noch niemand genau vorhersagen. Es gibt aber einige Anhaltspunkte dafür, was bei einem einsetzenden Aufschwung gefragt sein wird. Clevere Gründer können sich deshalb schon jetzt so positionieren, dass sie zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden.

„Wenn die Menschen wieder mehr Zuversicht in die wirtschaftliche Entwicklung des Landes haben, werden sie sich auch etwas mehr leisten als bisher“, meint Stefanie Wahl vom Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG). „Dann geht man öfter mal wieder ins Restaurant oder zum Friseur, leistet sich mal wieder einen Kurztripp oder ein Wellness-Wochenende.“ Die entsprechenden Dienstleistungsbereiche werden ihrer Meinung nach sehr früh an einem möglichen Aufschwung teilhaben.

Sehr bald schon könnten also die Unternehmen profitieren, die in Berlin am stärksten unter den Neugründungen vertreten sind: Die Dienstleister machen mit gut einem Drittel den Löwenanteil aller neuen Unternehmen aus. Sie werden dicht gefolgt vom Handel mit 29,5 Prozent. Im Gast- und Baugewerbe wird jeweils rund jedes zehnte Unternehmen gegründet. Insgesamt standen im Jahr 2002 in der Hauptstadt 33 900 Gewerbeanmeldungen lediglich 29 900 Abmeldungen gegenüber. Gründer sind hier nicht nur gern gesehen, weil die das leere Stadtsäckel mit ihren Steuern direkt füllen, sondern auch, weil sie durchschnittlich fünf neue Arbeitsplätze schaffen.

Etwas später, glaubt Stefanie Wahl, würden bei den Konsumenten größere Investitionen auf die Tagesordnung rücken. „Dann wird man nicht mehr selber tapezieren, sondern sich einen Handwerker leisten.“ Und auch Anschaffungen wie Möbel oder Reisen, die in den letzten Jahren aufgeschoben wurden, würden dann nachgeholt. Die entsprechenden Märkte sind allerdings gut besetzt. Wer hier Fuß fassen will, muss schon durch besondere Qualitäten überzeugen. „Die werden aber gerade von älteren Menschen geschätzt“, meint Wahl. „Und gern bezahlt. Wer auf Reisen beispielsweise einen besonderen Gepäckservice erhält, lässt sich das oft auch etwas kosten.“

Einen solchen Bedarf kann sich auch Klaus-Heiner Röhl, der Existenzgründer-Experte des IW, vorstellen. „Die Chancen für Gründer werden sich einerseits aus dem Vertrauen ergeben, das die Verbraucher in ihre wirtschaftliche Zukunft legen“, sagt er. Andererseits könnten versierte Existenzgründer von Investitionen profitieren, die Großunternehmen und Industrie tätigen. „In den vergangenen Jahren haben sich viele Unternehmen verschlankt“, sagt Röhl. „Investitionen wurden aufgeschoben, Dienstleistungen abbestellt. Gerade im IuK-Bereich, also bei der Telekommunikation und bei Computern, haben wir einen abrupten Investitions-Stopp erlebt.“ Viele Firmen säßen heute auf einem völlig überalterten Computer-Park. Wenn wieder mehr Geld da sei, gebe es einiges, in das investiert werden müsse.

Daraus ergeben sich nach Meinung des IW-Experten vielfältige Chancen für Neueinsteiger. „Rund um den Informations- und Kommunikationsbereich könnte es schon bald eine deutliche Nachfrage geben“, meint Röhl. „Das betrifft sowohl Werbung, Internetauftritte und Öffentlichkeitsarbeit als auch den Computerbereich.“ Dort würden Hard- und Software sicher bald stärker nachgefragt und damit einhergehend auch die Serviceleistungen rund um den PC. „Dann braucht man wieder Leute, die sich um Pflege und Wartung der Geräte, um die Netzwerke und die Schulungen der Mitarbeiter kümmern.“ Die Telekommunikationsbranche jedenfalls erwartet nach Angaben ihres Verbandes VATM im Jahr 2004 ein Umsatzwachstum von zwei Prozent nach einer Nullrunde in diesem Jahr.

Diese Prognosen bestätigt ein Blick über den großen Teich. In den USA ist die Wirtschaft bereits auf Wachstumskurs – im dritten Quartal 2003 legte sie um 8,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Treibende Kraft war der private Konsum. Besonders gefragt waren so genannte dauerhafte Güter wie Autos und auch Immobilien. Unternehmen investierten insbesondere in Software.

Die starke US-Wirtschaft kann aber vor allem in anderer Hinsicht für deutsche Unternehmer interessant sein. Die weltwirtschaftliche Erholung gilt als stärkster Motor für die deutsche Wirtschaft, weil sie den Export hierzulande ankurbelt. Die drei wichtigsten Standbeine des Exports sind Autos und Zulieferteile dafür (20 Prozent), Maschinen (14 Prozent) sowie Pharmazie und Chemie (zusammen 12 Prozent). „Und der Export wird weiter anziehen“, sagt Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH).

Dabei dürfte deutsche Spitzentechnologie eine wesentliche Rolle spielen. Ingenieurskunst ist weltweit gefragt. Ein Beispiel ist Uwe Braun, der am vergangenen Samstag wie bereits vor einem Jahr mit dem Innovationspreis Berlin / Brandenburg ausgezeichnet wurde. Die Firma Braun aus dem brandenburgischen Lenzen produziert unter anderem Zubehörteile für Autos und versteht es, pfiffige Ideen zur Produktionsreife zu bringen. Das Sicherheitssystem „Sebili“, für das es jetzt die Auszeichnung gab, ist beispielsweise eine Art beleuchtete Sonnenblende, die bei Nachtfahrten die Blendung durch entgegenkommende Fahrzeuge mindert und den Fahrer durch ein spezielles Licht vor dem tückischen Sekundenschlaf bewahren soll. Mit Entwicklungen wie diesen kann man bei großen Automobilfirmen einen Fuß in die Tür bekommen und sogar grenzüberschreitend Umsätze einfahren. „Unser Exportanteil ist in den vergangenen Jahren von 19 auf 38 Prozent gestiegen“, berichtet Mittelständler Braun.

Einen Schritt weiter geht Uwe Täger vom Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München. Für ihn ist der Erfolg einer Unternehmensgründung nicht konjunkturabhängig. „Sicherlich tut sich dann die eine oder andere Nische auf, die es vorher nicht gegeben hat“, sagt der Bereichsleiter für Branchenforschung. Grundsätzlich aber hänge der Erfolg eines Entrepreneurs davon ab, dass er anderen Unternehmen dabei helfen könne, besser zu werden. „Gründer sind gefragt, wenn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes als Dienstleister verstehen“, meint Täger. „Dienstleister, die zum Erfolg anderer Unternehmen beitragen.“ Und die brauche man immer – in guten, wie in schlechten Zeiten.

Weitere Infos für Existenzgründer

gibt es wie Sand am Meer. Einen guten Einstieg in das Angebot bieten: www.bmwi.de , www.berlin.de/wirtschaftssenat , www.existenzgründer-institut.de , www.kfw.de

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