Zeitung Heute : Club der schönen Mütter

Lebensgefühl Prenzlauer Berg: Warum sexy junge Mütter von Berliner Männern am meisten begehrt werden. Von Jennifer Hirte

Ich schiebe meine rosige, beinahe noch neugeborene Tochter im Kinderwagen durchs Kulturkaufhaus Dussmann, auf der Suche nach einem Traktorbuch für meinen zweijährigen Sohn. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass ein Mann in meinem Alter (32) auf meine Brüste starrt. Mir fällt das auf, weil mir das normalerweise nicht passiert (75 A), aber jetzt, wo ich stille, sind die Karten neu gemischt. Ich laufe weiter, neben mir ein Räuspern: „Hast du heute Abend schon was vor?“ Ganz leise fragt er. Ich bin verdutzt, sein fahriger Blick und sein gerötetes Gesicht lassen vermuten, dass er es ernst meint.

Wie genau stellt er sich unseren gemeinsamen Abend vor? Er, ich, meine Brüste und das Baby bei ihm daheim auf dem Sofa? Ich muss lachen und sage ihm, dass ich den Abend mit meiner Familie verbringe, dann laufe ich weiter.

Die Spielplätze in Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain sind randvoll mit Kindern, aber auch mit attraktiven Müttern in schicken Klamotten, guten Frisuren, tiefen Ausschnitten – so genannten „Milfs“. Stammrevier der Mitte-Milfs ist der Krausnickpark in der Oranienburger Straße, wo Eltern und Kinder gleichermaßen schnieke aussehen. Nach einem Spaziergang die Kastanienallee runter (quasi die Nabelschnur, die die Kinderhochburgen Prenzlauer Berg und Mitte verbindet – hier führt man das Baby das erste Mal aus, es wird bewundert und verglichen), fragte mich ein alter Freund, wie man sich so fühlt als sexy Mitte-Mutter. Schwieriges Label – auch Freundinnen fangen wenig damit an, zum Sexysein haben sie zu viel um die Ohren. Ich frage einige, ob sie noch angesprochen werden, seit sie Kinder haben. Eine Freundin hatte nach langer Zeit mal wieder einen Abend frei und zog ins Weekend, wo ein Spanier ihr gründlich das Ohr abkaute. Als die Rede darauf kam, dass sie zwei Kinder hat, musste er dringend Zigaretten holen. Aber meistens kommt es gar nicht so weit, denn nur wenige Männer sprechen Frauen mit einem Baby an. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Vater nicht weit ist, ist recht hoch. Bauarbeiter dagegen lassen sich von einem Kinderwagen nicht aus der Ruhe bringen, dicke Brüste sind dicke Brüste. Auf dem Weg zur Arbeit treffe ich immer wieder meinen tätowierten, muskulösen Lieblingsmaurer, manchmal gibt er mir einen flotten Spruch mit. Der Kindersitz auf dem Gepäckträger ist ihm egal.

Mein Freund findet gut aussehende Frauen sogar besser, wenn sie Kinder haben – das ist wie ein Gütesiegel. Ich will mehr wissen und telefoniere mit einem Bekannten, der total auf Mütter steht. Sie hätten eine sehr intensive Ausstrahlung, die sich nicht über kurze Röcke und plumpe Flirts vermittelt. Ihn reizt der Gedanke, dass gerade Frauen mit kleinen Kindern in vielen Fällen eine sexuellDurststrecke hinter sich haben, Monate oder Jahre ungelebter Leidenschaft liegen in der Luft, und er könnte es sein, der diese ganze gestaute Lust abbekommt.

Klingt aufregend, aber leider ist es schwierig, die jungen Mütter auf dem Spielplatz anzusprechen, wenn man selbst kein Kind im Schlepptau hat. Leichter hat es da schon der Windelcasanova, der in unserer Kita sein Unwesen treibt. Täglich trödelt er mit seiner Tochter ausgedehnt im Eingangsbereich herum, verwickelt Mütter in Gespräche. Auch wenn die meisten in festen Händen sind, ist es doch keine schlechte Idee, bei den attraktivsten schon einen Fuß in der Tür zu haben – die Trennungsrate unter jungen Eltern ist bekanntlich hoch.

Als sexy Mutter kann ich mich nur fühlen, weil ich einen Ausgleich habe. Fünf, sechs Stunden am Tag bin ich nicht Mama, sondern eine Verlagsangestellte mit einem voll gestopften Posteingang inmitten von Bücherstapeln. Hier teile ich mir meine Zeit selbst ein, hier entscheide ich, was wichtig ist, hier lebt der Teil von mir weiter, der schon bestand, bevor ich Mutter wurde.

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