Zeitung Heute : Cluster-Klänge

ISABEL HERZFELD

Ein Wechselbad: Das Ensemble Oriol im Max-Beckmann-SaalEin Orchester ohne Dirigent - das ist eigentlich ein Widerspruch in sich.Ein Kammerorchester dagegen hat die Möglichkeit, zwischen selbstbestimmter solistischer Individualität und von einem Einzelwillen gelenkter Monumentalität zu changieren.Wie vielfältig die Spielarten der Besetzung sein können, führte das Ensemble Oriol im Max-Beckmann-Saal vor.Das ging nicht ohne Probleme ab: Manchmal scheint die gewählte Größe einfach die falsche zu sein.Feinheit und Intimität der Miniaturen aus "Für Kinder" von Béla Bartók entfalten sich in der Streicher-Bearbeitung von Rudolf Maros nicht so überzeugend wie in der originalen Klavierfassung.Chorisch-pauschal wirkt der Streicherklang auch in der "Suite champêtre" von Jean Sibelius, obwohl vom Komponisten so gewollt.In einer "ländlichen Suite" auf Bläser zu verzichten, befremdet doch zunächst, und so bleibt in gedämpftem Moll eher der elegische und etwas schale Ton des Salons haften, mehr mit Tschaikowsky als mit Bartók verbunden. Dabei war der Wiedergabe, deren Einstudierung Stephanie Gonley besorgt hatte, kein Vorwurf zu machen.Alles klang differenziert und temperamentvoll.Was für eine phantastische Musikerin die Geigerin - ein früheres Ensemblemitglied - ist, zeigte sich in Mozarts Violinkonzert D-Dur KV 211. Mozart schrieb zeitgenössische Musik, am neuesten Stand orientiert.Auf die "langen Ohren" des Publikums nahm er selbst in den Solokonzerten so wenig Rücksicht wie gerade möglich.Heute sind die Komponisten, die nicht nur von einem Avantgarde-Publikum gehört werden möchten, zaghafter.Den "Life Studies" (1973/74) von Nicholas Maw, aus denen das Ensemble die beiden letzten Nummern zu Gehör brachte, ist in der geschwungenen Melodik fast noch ein Richard Strauss-Gestus anzumerken.Wenn auch das Spiel von Einstimmigkeit und bis ins letzte aufgesplitterten, fast clusterartigen Klängen in Kontrasten und Übergängen recht gut das Motto dieses Konzerts illustrierte, so ließ es in seiner Redundanz und unverbindlichen Gefälligkeit letztlich kalt.Dafür ging es bei Beethovens f-moll-Streichquartett op.95 heiß her: Was in Gustav Mahlers Bearbeitung im Jahre 1924 Ablehnung hervorrief, wurde hier präzise und ausdrucksvoll dargeboten. ISABEL HERZFELD

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