Zeitung Heute : Collagierte Intimität

Alfred Grenander erzeugt in seinem späten Tagebuch einen Raum, wo prinzipiell alles seinen Platz hat. Nichts ist zu niedrig, um nicht eine Nische zu finden, nichts zu allgemein, dass es nicht eine persönliche Pointe hätte „Die Untergrundbahn reißt den Dreibund mit sich fort. Dächer unter ihnen, Keller über ihnen. Stelle dir vor, wie bei einer Entgleisung Hirn verspritzt.“ Joachim Ringelnatz 1924

-

Von Aris Fioretos Atelier, Werkstatt und Seelenlaboratorium, manchmal auch Blumengeschäft, Zeitungsarchiv und Beichtstuhl: Das Tagebuch, das Alfred Grenander gegen Ende seines Lebens führte, ist vieles in einem. Hier wird Material versammelt, das aus unterschiedlichsten Quellen stammt.

Wachsame Notizen über Körpergewicht teilen den Platz mit trockenen Angaben zu Familienmitgliedern, Überlegungen zu zwischenmenschlichen Beziehungen tauchen neben Berichten über Karriereschritte und Listen von Bauaufträgen auf. Hier gibt es Todesanzeigen, eingeklebte Inflationswährung und gemütsvolle Sentenzen, aber auch Augenblicke der Selbstbesinnung und atmosphärische Aquarelle in zarten Farben. Kurzum: Grenanders Tagebuch ist ein Aggregat.

Somit deutet es eine Antwort auf die Frage der halbwüchsigen Metropole im Zeitalter der Nervosität an: Wie ist mit der neuen Unübersichtlichkeit umzugehen? Aus Schock und Plötzlichkeit, den jüngsten Kategorien des öffentlichen Lebens, wird collagierte Intimität.

Grenander erzeugt einen Raum, wo prinzipiell alles seinen Platz hat. Nichts ist zu niedrig, um nicht eine Nische zu finden, nichts zu allgemein, dass es nicht eine persönliche Pointe hätte. In seinem Buch begegnen sich Wort und Bild, Privatsphäre und Öffentlichkeit, das Fertiggestellte und das Fantasierte. Viele Seiten wurden leer gelassen, manche von ihnen sicherlich aus Gründen des Rhythmus, die meisten in der Absicht, sie später mit einem Inhalt zu füllen, der sich heute nicht mehr rekonstruieren lässt. Sogar an der Erweiterung der urbanen Kampfzone wurde also gearbeitet.

In seinem Tagebuch, das auch die Nächte und ungebuchten Stunden des Lebens kennt, bündelt Grenander die Vielfalt der Erfahrungen und Begegnungen, die Verwirrungen, Anstrengungen und Schönheiten des metropolitanen Lebens.

Seine Bemühungen mit Schere und Klebstoff zeigen den Herr des Berliner Untergrunds mit aufgerollten Ärmeln, bei der Arbeit. Man könnte meinen, es sei eine U-Bahn in Buchform.

Der Autor ist Botschaftsrat für kulturelle Fragen an der Schwedischen Botschaft und Schriftsteller

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben