Zeitung Heute : Computer können den Menschen nicht ersetzen - soziales Lernen ist unentbehrlich

Klaus Faber

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien fordern auch die deutschen Hochschulen und Forschungsinstitute heraus. "Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit", unter diesem Titel hat der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, die damit verbundenen Chancen und Risiken beschrieben.

Die deutschen Wissenschaftseinrichtungen liegen bei der Nutzung der neuen Medien im europäischen Vergleich mit Frankreich oder Großbritannien zurück. Der Bund wird deshalb sein Engagement zur Förderung der Multimedia-Einführung an Hochschulen und Forschungseinrichtungen deutlich erhöhen. Es fehlt bislang ein zwischen Bund und Ländern abgestimmtes Förderkonzept. Das hat eine Arbeitsgruppe der Staatssekretäre in der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung feststellt. Nach den Ergebnissen der jüngsten Beratungen sollen Verbesserungen erreicht werden, sowohl in der Bund-Länder-Koordination als auch durch eine Erhöhung der Länderförderung.

Die neuen Medien - die Informations- und Kommunikationstechnologien - werden Hochschulen und Forschungseinrichtungen stark verändern. Ein vor kurzem veröffentlichtes Szenario zur "Hochschulentwicklung durch neue Medien" geht von radikalen Veränderungen in relativ kurzer Zeit aus. Spätestens im Jahre 2005, so die Studie, wird die Hälfte aller Studierenden virtuelle Angebote nutzen. Ein Studienbewerber wählt dann nicht mehr einen Hochschulstandort, sondern - im Internet - ein Studienangebot aus, das, wie das Studium insgesamt, online zugänglich ist. Internationale Telekommunikationsfirmen, Fernsehanstalten und andere Medienunternehmen werden nach dem 2005-Szenario ebenso wie firmeneigene Bildungsinstitute dem staatlichen Angebot Konkurrenz machen.

Unter diesem Wettbewerbsdruck werden sich die Hochschulen zu weiträumigen Netzwerken mit multimedialen Studienangeboten zusammenschließen. Andere Einrichtungen könnten als virtuelle Universitäten auf das Präsenzangebot ganz verzichten. Die alte Alma Mater übersteht der Studie zufolge den Transformationsprozess weltweit allenfalls in stark verringerter Zahl und in wenigen Fällen als privilegierte Elite-Institution, deren Absolventen als "unverzichtbare Generalisten" mit Führungs- und anderen Qualitäten dann "heiß begehrt" sein sollen. Die privaten Unternehmen und die Hochschulnetzwerke werden sich nach dem 2005-Szenario vor allem praxisnahen und lukrativen Studieninhalten wie Ökonomie, Jura, Technik und Sprachen widmen.

Die Prognose und andere Szenarien zur Einführung der neuen Medien in der Wissenschaft erhalten besondere Akzente durch den Trend zur Internationalisierung und Globalisierung. Das in Deutschland und anderswo noch aktuelle Internationalisierungsthema weist viele keinesfalls unproblematische Facetten auf, die es wert wären, mehr und intensiver, als dies bislang geschehen ist, erörtert zu werden.

In den westeuropäischen Ländern haben sich, wie es der Kasseler Professor Ulrich Teichler beschreibt, verschiedene Typen des Umgangs mit der Internationalisierung entwickelt. In einigen Ländern wie Portugal oder Griechenland haben die Hochschulen erst in den letzten Jahren damit begonnen, Anschluss an die internationale Kommunikation zu suchen. Andere verstehen Internationalisierung als zentrale, überlebensnotwendige Aufgabe. Schweden, die Niederlande, oder, außerhalb Europas, Israel sind dafür Beispiele. In einem Teil der Länder entscheiden Wissenschaftler und Hochschulen selbst, ob sie eher ein nationales oder ein internationales Profil entwickeln wollen. Dazu gehören Frankreich und Deutschland. Schließlich gibt es die "Internationalisierung durch Import", nämlich die Aufnahme ausländischer Studierender und Wissenschaftler.

Ergebnisse der Forschung anderer Länder werden häufig nur zur Kenntnis genommen, wenn sie in die Landessprache übersetzt und dort anerkannt werden. Zu diesem Internationalisierungstyp zählen in Europa Großbritannien und außerhalb Europas noch deutlicher die Vereinigten Staaten sowie andere Länder, die zur Zone der neuen Lingua franca - dem Englischen - gehören. In Großbritannien deuten jedoch einige Anzeichen auf eine Veränderung dieser "Import-Mentalität" hin.

Die überlegene Position des Englischen wird den anglophonen Ländern bei den Studienangeboten auch künftig Startvorteile verschaffen. Die neuen Medien werden diese einseitige Ausrichtung und gleichzeitig insgesamt die Position der Anglophonie noch verstärken. Das hat wiederum Auswirkungen auf den Internet-Wettbewerb in der Wissenschaft.

Eine Folge der Gefällelage hin zur Anglophonie besteht darin, dass auch qualitativ durchschnittliche Internet-Studienangebote aus englischsprachigen Ländern einen relativ leichten Marktzugang finden. Wissenschaftsinstitutionen aus nichtangelsächsischen Ländern, etwa aus Deutschland, zögern demgegenüber häufig vor dem Schritt in den internationalen Wettbewerb mit englischsprachigen Modulen. Deutsche Einrichtungen könnten sich auf diesem Sektor Israel zum Vorbild nehmen, das seit längerer Zeit erfolgreich englischsprachige Angebote in den internationalen Markt einbringt.

In ihrer Gesamtheit haben die im Zeichen von Internationalisierung und Multimedia-Entwicklung erkennbaren Veränderungen der Wissenschaft beachtliche Auswirkungen. Gegenüber allzu kühnen Szenarien einer schönen neuen Medien-Welt ist allerdings Zurückhaltung geboten. Zweifel sind auch gegenüber der Treffsicherheit der erwähnten 2005-Studie zur deutschen und internationalen Hochschulentwicklung erlaubt. Die neuen Medien werden Präsenzeinrichtungen im tertiären Bereich keinesfalls überflüssig machen oder in eine Minderheitsposition drängen. Virtuelle Hochschulen werden künftig ein Teil der Hochschulwirklichkeit sein, aber wohl kaum der bestimmende. Personale Beziehungen und soziales Lernen werden sich auch im kommenden Jahrhundert als beständiger Orientierungsfaktor erweisen. Nach der Implantation neuer Information- und Kommunikationstechnologien wird ihr Wert wohl wieder entdeckt werden - wenn man so will, eine Modernisierung der Modernisierer.

"Bildung durch und an Wissenschaft", wie es der Wissenschaftsrat einmal beschrieben hat, oder auch die Internationalisierung von Forschung und Lehre können durchaus durch Multimedia-Angebote gefördert werden, aber nicht ausschließlich virtuell erfolgen. Das wird in gleicher Weise für die "Bildung" der "heiß begehrten Generalisten" gelten müssen. Auch in der neuen Wissens- und Informationsgesellschaft werden deren besondere Qualifikationen nicht nur für wenige Führungspositionen gefordert.

Die problematischen Seiten der neuen, globalen Medien-Welt müssen rechtzeitig erkannt werden. Bislang steht die Technik der Entwicklung zu sehr im Vordergrund, inhaltliche Fragen zu den Studienangeboten werden darüber vernachlässigt. Eine weitere Gefahr liegt auch darin, wie Erfahrungen in den Vereinigten Staaten deutlich zeigen, dass vor allem die kommerziellen Anbieter nur noch Studienmodule auf den Markt bringen, die sich am wissenschaftlichen Mainstream ausrichten.

Professoren und Hochschulen sollten sich ihrer Marktmacht bei der Entwicklung von Studienangeboten bewusst werden und diese gegenüber den Medienunternehmen bündeln. Einen Mindeststandard an Qualität insbesondere bei den Studienangeboten zu sichern, wird eine wichtige Aufgabe der Gestaltung und Ordnung des neuen Medienmarktes sein. Sie ist vor allem den Hochschulen und Wissenschaftlern gestellt. Aber auch Politiker, Gewerkschaften oder Unternehmen können dazu Wesentliches beitragen.Der Autor Klaus Faber war von 1994 bis Februar 1999 Staatssekretär des Kultusministeriums in Sachsen-Anhalt und zuvor in gleicher Position in Brandenburg tätig.

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