Zeitung Heute : Computerbildschirm und Fernseher in einem

STEFAN MICHALK

Computerbildschirm und Fernseher in einemDas multimediale TV-Gerät soll zwei Techniken miteinander verbindenVON STEFAN MICHALK

Mutti will die Lindenstraße sehen, während Papa noch ein Fax senden müßte.Die Tochter würde im Internet gerne nach Klatsch über Boygroups fahnden, während der 12jährige sein neuestes Computerspiel ausprobieren möchte.Beim Streit um die Fernbedienung geht die sonntägliche Eintracht zum Teufel.So oder ähnlich könnte die Zukunft in deutschen Wohnzimmern aussehen, wenn die Pläne von Marketingstrategen und Produktentwicklern der Unterhaltungselektronikindustrie Realität werden. Der Multifunktionsfernseher ist da, die eierlegende Wollmilchsau des Informationszeitalters: das TV-Gerät, mit dem man gleichzeitig fernsehen, CDs hören, im Internet surfen, elektronische Post verschicken oder die Bankgeschäfte erledigen kann.Das alles in Sechs-Kanal-Dolby-Surround-Sound, natürlich flimmerfrei mit 100 Hertz Technik und im 16 : 9 Bildformat.Seit Computer und Multimedia ihren Teil von der Freizeit der Konsumenten abhaben wollen, hecken die Ingenieure immer neue Konzepte aus, um die Attacke von Festplatte, Maus und Modem abzuwehren. Dabei setzen die Hersteller auf unterschiedliche Konzepte.Bei Loewe Opta werden alle Funktionen in ein Gehäuse integriert.Ausgestattet mit Rechnereinheit, Modem, CD-ROM-Laufwerk, Digitaldecoder und Chipkartenleser, mutiert der Fernseher zum Multimedium.Philips und Grundig setzen dagegen auf die Set-Top-Box als interaktive Schnittstelle für das nächste Jahrhundert.Sie soll neben Empfang und Abrechnung des neuen Digitalfernsehens auch den Zugang zu Online-Diensten ermöglichen.Eines der verbraucherfreundlichsten Konzepte kommt vom Traditionshersteller Metz.Hier soll sich der Kunde in Zukunft seinen Fernseher in Technik und Optik maßgeschneidert zusammenstellen können.Je nach Wunsch und Geldbeutel werden Satellitenempfänger, Computerschnittstelle oder ein leistungsstarker Dolby-Surround-Verstärker, für Kino-Sound in den eigenen vier Wänden, ins Gerät integriert. So interessant diese Entwicklungen auf den ersten Blick auch sein mögen, weisen sie doch alle dieselbe Schwachstelle auf.Beim Versuch, zwei Technologien miteinander zu vereinen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, entstehen Produkte, die ein bißchen von allem, aber nichts richtig können.Der Fernseher verliert seinen größten Vorteil, der nach wie vor in der einfachen Bedienbarkeit liegt.Wer den Versprechungen der Hochglanzprospekte glaubt, die neuen Multifunktionsfernseher seien kinderleicht mit der Fernbedienung zu benutzen, sollte sich an seinen letzten Versuch erinnern, der Flimmerkiste die gewünschte Reihenfolge der Programme beizubringen. Noch gravierender wirken sich die unterschiedlichen Produktlebenszyklen von Fernseher und Computer aus.Während viele Fernseher auch nach zehn Jahren noch zufriedenstellend ihren Dienst versehen, sind Rechner meist schon nach drei bis fünf Jahren hoffnungslos veraltet. Dagegen können Computer heute schon all das, was den Fernsehern erst noch beigebracht werden soll.Mit ihnen kann man nicht nur Musik hören, sondern auch Musik machen, übers Internet mit der ganzen Welt kommunizieren, spielen, die Steuererklärung erledigen und natürlich Fernsehgucken.Das alles allerdings für den Preis einer intensiven und zeitraubenden Einarbeitung in die Technik.Apropos Preis: Mindestens 5000 Mark müssen für einen neuen Wunderfernseher auf den Tisch gelegt werden.Fürs gleiche Geld bekommt man genauso ein passables TV-Gerät sowie einen Computer und vermeidet so gleichzeitig das Geschrei, wenn alle aus der Familie an den Apparat wollen. Im Grunde können nahezu alle angeblichen Innovationen der vergangenen Jahre nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Basistechnologie seit Einführung des Fernsehens im wesentlichen unverändert geblieben ist.Als Revolution gefeierte Verfahren zur Verbesserung der Bildqualität wie HDTV, PalPlus oder die 100-Hertz-Technik verschwanden entweder in der Versenkung oder werden von den Konsumenten wegen des hohen Preises bisher nur zögernd angenommen.Wer bezahlt schon gerne für seinen Fernseher das Doppelte, wenn er wie beim neuen 16 : 9-Format die schwarzen Streifen am oberen Bildrand mit denen an der Seite vertauscht oder ein verzerrtes Bild in Kauf nehmen muß. Kino-Surround zu Hause ist attraktiv, setzt aber tolerante Nachbarn voraus.Als wahre Innovation seit der Einführung des Farbfernsehens dürften dagegen die neuen Flachbildschirme gelten.Der Fernseher zum "an-die-Wand hängen" könnte endlich die zentnerschweren Monster vertreiben, die als Altäre der Infotainmentgesellschaft viele Wohnzimmer beherrschen. Eine neuartige Multimedia-Lösung will der einzige ostdeutsche Fernsehgerätehersteller RFT Staßfurt auf der IFA präsentieren.Vorgestellt werde ein Baustein, mit dem ein normales Fernsehgerät zum Computermonitor aufgerüstet werden kann, sagte Vertriebsleiter Ingo Dämmig.

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