Computerindustrie : Der Apfelmann

Ist der Chef krank? Die Frage kann die Aktien eines Unternehmens abstürzen lassen – wenn es Apple heißt und der Chef Steve Jobs. Sie wird dieser Tage gerade gestellt

Ariane Bemmer
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iKone. Steve Jobs im Januar 2007 in San Francisco, bei der Vorstellung des iPhones. Foto: dpa

Es ist seit einigen Jahren so gewesen, dass in einer Nacht Anfang Januar rund um das Moscone Convention Center in der 747 Howard Street, im Zentrum von San Francisco, Menschen Schlange standen und warteten, um eingelassen zu werden in einen großen Konferenzsaal. Vorn eine breite Bühne, ganz und gar in Schwarz, links ein schmales Rednerpult, darauf eine kleine Flasche Wasser, unten Stuhlreihen, dicht an dicht. Dort nahmen sie Platz.

Sie tuschelten vielleicht leise mit dem Nachbarn oder raschelten mit Papier, Zeitungen, ihren Taschen, aber nur, bis das Deckenlicht ausging und blaue Strahler über die Bühne jagten. Dann klatschten sie begeistert in die Hände und riefen „uuhuu“, denn dann kam er auf die Bühne: der Vorstandvorsitzende einer Elektronikfirma. Und er informierte in einem rund 90-minütigen Vortrag über die Neuerungen aus seinem Haus.

„It’s un-be-lie-va-ble!“

„It’s huge!“

„Pretty cool, hu?“

Das waren seine bevorzugten Formulierungen: Unglaublich, riesig, ziemlich cool, als würde er auf dem Schulhof seinen Freunden ein neues Fahrrad zeigen. Und doch gerieten die Leute unten im Saal außer sich.

Denn dort oben auf der Bühne stand keiner der üblichen grauen Anzugträger mit arrogantem Zug, kein Josef Ackermann, kein Hartmut Mehdorn, da stand Steve Jobs, der Rockstar unter den Weltkonzernlenkern, der CEO, der Chief Executive Officer der Apple Incorporated. Und er präsentierte auf der dunklen Bühne, die er in langen Schritten auf und ab zu gehen pflegte: den tragbaren Computer MacBook Air, der so schmal ist, dass er in einen Briefumschlag passt. Das tragbare Musikgerät iPod mit den weißen Minikopfhörern, den kleineren iPod Shuffle, das iBook – runde Formen, knallige Farben – oder das iPhone, das Apple innerhalb eines Jahres nach Samsung und Nokia zum drittgrößten Handyhersteller gemacht hat.

Aber diesmal kommt er nicht. Diesmal findet die alljährliche Mac-World-Messe ohne Steve Jobs statt.

Kaum war an einem Dienstag Mitte Dezember in Kalifornien diese Nachricht rausgegeben worden, stürzte an der New Yorker Wall Street die Aktie der Firma Apple – 32 000 Mitarbeiter, 32 Milliarden Dollar Umsatz im Geschäftsjahr 2008, 30 Prozent mehr als 2007 – ab, zeitweise um mehr als sieben Prozent. Analysten wurden befragt, 25 Prozent würde die Apple-Aktie ohne Jobs einbrechen, prophezeiten sie. Denn Jobs ist Apple, und Apple ist Jobs. Wieso kommt er nicht zur Apple-Messe?

Viele Leute dachten sich: Steve Jobs kommt nicht, weil es ihm zu schlecht geht. Denn der Mann, der in den vergangenen Jahren das Musikhören und Telefonieren neu erfunden hat, war 2008 plötzlich sehr, sehr dünn geworden. Und wenn es Jobs schlecht geht, dann geht es auch dem Unternehmen schlecht, denn er ist der Kopf, ist das Genie, das dachten sie, und die Anleger unter ihnen sorgten sich um ihr Kapital.

Die Apple-Zentrale in der Infite Loop, im Örtchen Cupertino, dem Herzen des Silicon Valley, die Jobs’ Gesundheit seit Jahren als dessen absolute Privatsache behandelt, teilte mit, die Messe habe an Bedeutung verloren, ein Vizepräsident werde Jobs vertreten, 2010 wolle man gar nicht mehr dort ausstellen.

Aber das half nichts. Die Leute waren nervös, sind es auch in diesen Tagen, in denen Finanzkrise ist.

Muss ein Firmenchef, der so eng mit dem Firmenwohl verknüpft ist wie Jobs mit Apple, seinen Gesundheitszustand veröffentlichen? Darüber wurden hitzige Debatten geführt. So hitzig, dass Jobs eines Donnerstagabends Joe Nocera, den Kolumnisten der „New York Times“, zu Hause anrief und ihm barsch und vertraulich erklärte, wieso er so dünn geworden sei. Nocera schrieb: Es ist mehr als eine kleine Erkältung, aber der Krebs ist nicht zurück.

Vor vier Jahren nämlich hatte Jobs, der heute 53 Jahre alt ist, Krebs an der Bauchspeicheldrüse. Eine besondere und seltene Form des Krebses, der eigentlich als unheilbar gilt, weil er lange keine Symptome zeigt, also heimlich wächst, bis es zu spät ist. Aber diese eine besondere und seltene Form, an der Jobs leide, die könne man eben doch wegoperieren, hieß es, und Jobs wurde operiert, und alles war wieder gut.

Manche aus der Branche sagen: Apple werde Jobs nicht überleben. Der Mann werde das Unternehmen, das er selbst gründete, das er mit seinem flammenden, rücksichtslosen Ehrgeiz ganz nach oben peitschte, verzögert natürlich, aber unausweichlich, mit in sein Grab nehmen.

Jobs war 21 Jahre alt, als er am 1. April 1976 mit dem Freund und Studienkollegen Stephen Wozniak in der Garage seiner Familie in Los Altos, Kalifornien, die Firma Apple gründete. Vier Jahre später war er Millionär.

Damals waren die Anfangsjahre der Computerindustrie. Hier und da wurde an Rechnern gearbeitet, meist für den Firmengebrauch, an Software dafür, an Betriebssystemen, MS-DOS war eines der ersten und besten und schnell weitverbreitet, es kam aus Seattle, von Bill Gates und dessen Firma Microsoft – aber Jobs wollte den Personal Computer, das Gerät für die Privatleute. Die Frage allerdings, die lange nicht geklärt war, lautete: Was sollen die mit so einem Ding überhaupt anfangen?

Anfangs staunte man einfach, was so eine Kiste konnte: Es gab da einen Bausatz, der Lämpchen zum Leuchten brachte und so die Lösungen von arithmetischen Aufgaben anzeigte. Oder man spielte damit: Atari brachte „Pong“ heraus, zwei Striche, die sich einen Punkt zuschoben. Es gab Commodore, Hewlett-Packard und IBM, und es gab einige Elektronikfanatiker und Tüftler, die mehr aus den Privatleutecomputern machen wollten, aber nur wenige, die – wie Jobs – berühmt wie Shakespeare oder Einstein werden wollten.

Als Steve Jobs zur Welt kam, war er für seine Eltern ein Problem. Die waren jung, arm und dazu noch unverheiratet. Das ging 1955 auch in Amerika überhaupt nicht. Sie gaben den Sohn weg. Er wurde adoptiert vom Ehepaar Jobs. In Jeffrey Youngs Buch „Steve Jobs und die Erfolgsgeschichte von Apple“ sagt ein guter Freund von Jobs: „Tief in ihm gab es eine Unsicherheit, die ihn zwang, loszuziehen und sich selbst zu beweisen. Er war ja Waisenkind. Ich glaube, das löste in ihm einen Ehrgeiz aus, wie ihn die meisten von uns nie nachvollziehen können.“

Und vielleicht auch den Wunsch nach neuen Wegen. Denn es waren die vorherrschenden Konventionen gewesen, die es den leiblichen Eltern unmöglich gemacht hatten, es trotz ihrer Lage mit dem Kind zu versuchen.

Jobs sollte später jedenfalls vor allem dadurch auffallen, dass er nur selten etwas tat, was als üblich gelten konnte. Er verschrieb sich einer Zen-Religion und einer besonderen Diät, ging barfuß, wusch sich selten, er verließ Büros fremder Menschen erst, wenn er hatte, was er wollte. Und als seine damalige Freundin 1978 eine Tochter zur Welt brachte, bestand er jahrelang darauf, nicht der Vater zu sein und verweigerte der Frau und ihrem Kind noch dann die Unterstützung, als er längst Millionär war und die beiden in ärmlichen Verhältnissen lebten.

Er galt darüber hinaus im Allgemeinen als ungeduldig, herrschsüchtig, arrogant. Charmant konnte er auch sein, wenn er musste, aber er musste ziemlich schnell nichts mehr: Als Apple im Dezember 1980 an die Börse ging, war Steve Jobs innerhalb von Stunden 217,5 Millionen Dollar schwer.

Es sei schimm, feststellen zu müssen, dass man nicht nur mit den besten Leuten zusammenarbeite, sagte er mal in einem Interview, er verbringe zu viel Zeit damit, die nicht so guten loszuwerden.

Aber dann hat ihn der Argwohn gegenüber dem Üblichen auch immer wieder zu den ganz besonderen Lösungen gebracht. Warum sollten Computer nicht einfach zu bedienen sein wie ein Telefon, warum sollten sie nicht leise sein, klein sein, eine graphische Benutzeroberfläche haben – aus dieser Forderung wurde ab 1984 der Apple Macintosh –, warum sollten sie nicht drahtlos ins Internet gehen, warum sollte man nicht unterwegs Musik hören ohne viele Tasten zu drücken, warum nicht mit einem Mobiltelefon auch eine Route planen, warum sollte das alles nicht auch noch gut aussehen?

Als Apple Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre zu wachsen begann, war der Betrieb schnell ein unübersichtlicher Haufen geworden, in dem viele völlig unkontrolliert vor sich hinwurstelten und oben in der Chefetage heftige Streits über Projekte und Kompetenzen geführt wurden. Jobs wurde von den Mitarbeitern ein „Reality Distortion Field“ – ein Realitätsverzerrungsfeld – attestiert, das ihn umgeben würde, Jobs dagegen glaubte, dass man nicht genug erreicht, wenn man nicht das Unmögliche verlangt. Es heißt, Mitarbeiter fürchteten ihn, weil er sie plötzlich auf dem Flur fragte: „Woran arbeiten Sie, was tun Sie für das Geld, dass ich Ihnen zahle?“ Es wurde bei Apple auch oft das Treppenhaus benutzt, niemand wollte Jobs im Fahrstuhl begegnen, die falschen Antworten auf seine Fragen konnten einen arbeitslos machen.

Trotzdem gelang es Jobs stets, neue und gute Leute zu holen: Entwickler, Techniker, Verkäufer, Verbündete und immer wieder auch Geldgeber.

1985 dann aber kam der Bruch. Der Vorstand von Apple organisierte die Geschäftsbereiche neu, und für Jobs blieb keiner mehr übrig. Am Ende war es dann John Sculley, den Jobs selbst zwei Jahre zuvor von Pepsi zu Apple geholt hatte, der ihn vor die Tür setzte.

Das war ein Schlag für Jobs. Die Firma, die er gegründet hatte, seine Firma, warf ihn raus. Einer der wenigen Freunde aus der Firma fuhr ihm nach, sorgte sich, dass Jobs sich etwas antun könne. Aber der hatte die Rollläden an seinem Anwesen heruntergelassen und hörte Bob Dylan. Er war 30 Jahre alt, er hatte Ideen und durch seinen Auflösungsvertrag 150 Millionen Dollar in der Tasche.

Er gründete Next, eine neue Computerfirma, die mit Intel-Chips und Microsoft-Programmen zur Konkurrenz von Apple werden sollte, und er kaufte dem „Star Wars“-Regisseur George Lucas einen Teil von dessen Produktionsfirma ab, aus der er die Pixar-Computerfilmstudios machte – und mit „Toy Story“ 1995 einen Kassenschlager landete. Bis es soweit war, hatte Jobs einen großen Teil seines Vermögens in Pixar investiert. Next lief ebenfalls nicht, wie er es sich wünschte. Aber auch Apple dümpelte.

Sculley war 1993 entlassen worden, nachdem die Verkaufszahlen um 20 Prozent zurückgegangen waren, der nächste CEO kaufte 1996 Next für 400 Millionen Dollar, übernahm die Software – und den Firmengründer.

So kam Steve Jobs zurück zu Apple. Und als würde man denselben Film noch einmal drehen, nur mit älteren Schauspielern und einer bereits existierenden Firma, wiederholte Jobs das Wunder vom kometenhaften Aufstieg ins Umsatzuniversum. 1998 beendete Jobs seine damalige Rede bei der Mac-World-Messe mit den Worten: „Hätte ich fast vergessen: Wir sind wieder profitabel.“

Der iMac, der iPod, iTunes, das iPhone – es ging rasend schnell bergauf.

Apples Marktforschung, so hat es einmal ein Mitarbeiter beschrieben, geht so: Der Chef schaut morgens in den Spiegel und fragt sich, was er gerne hätte. Denn wenn er etwas gerne hätte – warum dann nicht Zigtausend andere auch?

Es ist auch dieses ungeheure Selbstvertrauen, das Jobs auszeichnet. Welcher Chef eines börsennotierten Unternehmens sonst würde sich trauen, Dutzende Entwicklungsingenieure monatelang damit zu beschäftigen, ein neues Produkt zu entwickeln, ohne Marktstudie, einfach aus dem Bauch heraus?

Der Rauswurf bei Apple, die Krebserkrankung und vor allem auch: seine Frau und die drei Kinder hätten Steve Jobs, so schreibt es Jeffrey Young, versöhnlicher gemacht, gnädiger. Auch mit der unehelichen Tochter hat er sich ausgesöhnt.

Als Jobs 1984, auf dem Höhepunkt seines ersten Erfolgsrausches, in einer gigantischen Präsentation seinen Macintosh-Computer vorstellte, begann die Vorführung damit, dass das Licht erlosch, und Steve Jobs in einem Spotlight Bob Dylan rezitierte. „The Times They Are A-Changin’“, die Zeiten ändern sich.

Am gestrigen Montag dann, nach Wochen eisernen und auch kostspieligen Schweigens, machte Steve Jobs, was er nie machen wollte. Er erklärte sich. Es sei eine Hormonstörung, die ihn so abmagern lasse, teilte er mit. Das sei nicht so schlimm, den Chefposten bei Apple fülle er jedenfalls weiterhin aus. Und in New York reagierte der Kurs der Apple-Aktie sofort, er stieg um vier Prozent.

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