Zeitung Heute : Computerkids: "Lehrer sind keine Entertainer"

Claudia Wessling

Alle schwärmen von der schönen neuen Welt: wenn erst mal die Schulen mit Internet und Computer ausgestattet sind, heißt es stures Pauken ade: Neue Medien erfüllen den lang gehegten Traum vom mühelosen Lernen. 96 Prozent aller Eltern glauben, dass der Umgang mit PC und Internet die Entwicklung ihrer Kinder positiv beeinflusst. Lernen wir wirklich leichter mit Multimedia?

"Der Einsatz neuer Medien ist da sinnvoll, wo man Inhalte nicht auf andere Weise veranschaulichen kann", sagt Bernhard Koerber, der sich als Erziehungswissenschaftler an der FU Berlin mit dem Rechnereinsatz in Schulen beschäftigt. Einfache Zusammenhänge, wie etwa die Funktionsweise einer Toilettenspülung, lassen sich mit einem Handbuch sicher schneller erklären als mit Hyperlinks. Klicken macht nicht immer schneller klug.

Grundsätzlich jedoch sind Pädagogen und Didaktiker der Meinung, dass Computer das Lernen verbessern können. Die Computerlernwerkstatt der TU Berlin beschäftigt sich seit 1985 mit dem Computer als Schreibwerkzeug. In Projekten mit schreib- und leseschwachen Kindern wurden sehr gute Ergebnisse erzielt, sagt Barbara Kochau, Professorin an der TU und Gründerin der Werkstatt. "Am Rechner können schwächere Schüler ohne Druck arbeiten, ohne dass ihnen ständig der Lehrer im Nacken sitzt", erklärt sie. Gemeinsam mit Kollegen hat Kochau die Software Lollipop entwickelt; in dem Programm können die Kinder mit den Figuren der Lernwelt kommunizieren und Aufgaben spielerisch lösen.

Auch Susanne Politt, Wissenschaftlerin am Lehrstuhl für Pädagogik und Informatik der Humboldt-Universität Berlin, hat beobachtet, dass die Arbeit am Rechner die Lust am Lernen weckt: "Wenn Schüler eigene Texte layouten oder Webseiten entwerfen, dann identifizieren sie sich stärker mit ihrem Werk." Viele Schulen verfügen inzwischen über Medienecken oder Computerräume, multimediale Lernsoftware wird jedoch nur selten eingesetzt - aus verschiedenen Gründen: "Die meisten Lernsoftware-Produkte sind für den Nachmittagsmarkt konzipiert und deshalb für Gruppenunterricht nicht geeignet", sagt Susanne Politt, die regelmäßig Lernsoftware begutachtet. Für die Verlage wiederum sind Schulen als Kunden nicht lukrativ, denn sie können sich die Software-Lizenzen nicht leisten.

Aufwendige Edutainment-Produktionen scheinen für den Schulunterricht auch wenig geeignet, weil nicht jeder besser lernt, nur weil es im Rechner piept und blinkt. "Meine Tochter zum Beispiel macht lieber erst die Übungen und geht spielen, wenn sie mit Lernen fertig ist", erzählt Susanne Politt. Dass die zur Zeit populären Adventure-Lernspiele bessere Lerneffekte bewirken, ist nach ihrer Ansicht nicht erwiesen. "Früher nahm man an, dass Inhalte bei mehrkanaliger Vermittlung - also über Hören, Sehen und Sprache - besser hängen bleiben. Doch dies scheint nicht der Fall zu sein." Zuviele Gimmicks können die Konzentration beeinträchtigen; manche Kritiker behaupten sogar, dass ein zu spielerisches Lernen mitunter kontraproduktiv sein kann - ohne Anstrengung merkt man sich nichts.

Die Designer von Lernsoftware setzen heute auf Kreativität; die Schüler sollen in kein Korsett gezwängt werden und auf verschiedenen Wegen zur Lösung kommen. Schwächere Schüler kann soviel Freiheit allerdings überfordern. Ob neue Medien das Lernen verbessern, hängt auch vom jeweiligen Fach ab. "In Geometrie kann man abstrakte Sachverhalte mit entsprechender Software verdeutlichen, auch in Biologie kann es spannend sein, die Funktion des menschlichen Herzens in der Computersimulation zu zeigen", sagt Susanne Politt. Im Sprachunterricht hingegen müsse man die Schüler nicht unbedingt alleine am Computer lernen lassen: "Da sollte persönliche Kommunikation im Vordergrund stehen."

"Teure Rechner nützen wenig, wenn kein klares pädagogisches Konzept vorliegt", sagt Barbara Kochau von der Computerlernwerkstatt. Sie hält wenig davon, die Schulen überhastet mit Computern auszustatten, ohne dass die Lehrer wissen, wie sie diese sinnvoll einsetzen. An Konzepten für computergestütztes Lernen wurde eigentlich schon in den sechziger Jahren geforscht. Doch viele der Erkenntnisse von damals sind verloren gegangen. "Ich habe den Eindruck, dass manche das Rad immer wieder neu erfinden wollen", sagt Bernhard Koerber von der Freien Universität. Wie Koerber wünschen sich viele Pädagogen mehr Koordination in Sachen neue Medien.

Bleibt die Frage, ob Kinder durch zuviel multimedialen Schnickschnack an der Schule reizüberflutet werden können. Susanne Politt hält dieses Risiko für begrenzt, da viele Lehrer vor dem Aufwand zurückschrecken, Multimedia-Stunden zu gestalten. Dennoch ändere sich die Lernkultur auch außerhalb der Schule. Viele Eltern hielten multimediales Lernen für unerlässlich, aber, so Politt, "die Schule sollte nicht versuchen, mit dem pädagogischen Angebot des Fernsehens - etwa in der Sendung mit der Maus - mitzuhalten. Lehrer sind keine Entertainer."

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