COMPUTERPOPKarl Bartos : Der Faktor Mensch

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Gute Zeiten für Maschinenmenschen: Nicht nur, dass die helmtragenden Disco-Roboter Daft Punk bei den diesjährigen Grammy Awards gleich fünf Trophären eingeheimst haben, auch ihre genealogischen Urahnen Kraftwerk wurden mit der fälligen Auszeichnung fürs Lebenswerk geehrt. Nun ist Kraftwerk ja schon lange keine echte Band mehr, sondern ein vom letzten Gründungsmitglied Ralf Hütter straff geführtes, vornehmlich mit der Musealisierung seiner Historie beschäftigtes Popunternehmen. Dahinter steckt eine clevere und überaus erfolgreiche Strategie. Denn während sich jeder neue Ton von Kraftwerk an der eigenen Legende messen lassen müsste, sind die acht Alben von „Autobahn“ (1974) bis „Tour de France Soundtracks“ (2003) zu einem Kanon musikalischer Modernität geworden, der sich in bombastischen Reinszenierungen und Live-Spektakeln wohl bis zum Sanktnimmerleinstag kommerzialisieren lässt.

Was das mit Karl Bartos zu tun hat? Nun, der gebürtige Berchtesgadener war nicht nur von 1975 bis 1990 Kraftwerker und somit an fast allen Hauptwerken beteiligt, er war auch Co-Komponist der Superhits „Die Roboter“ und „Das Model“ und zeichnete als Schlagzeuger für den stilprägenden „Boing Boom Tschak“-Beat der Düsseldorfer verantwortlich. Dass er trotz seiner Meriten ohne großes Federlesen aus der Band expediert wurde und vom Nachruhm höchstens mittelbar profitierte, scheint ihn nicht verbittert zu haben: Auf seinen in vergleichsweise regelmäßiger Frequenz erscheinenden Soloalben zeigt er unaufgeregt, wie Kraftwerk heute klingen könnten, wenn sie Humor hätten und ihren krampfhaften Perfektionismus mal für ein Weilchen vergessen könnten. Jörg Wunder

Postbahnhof, Do 30.1., 20 Uhr, 25 € + VVK

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