Zeitung Heute : Computervirus 2: Dichtung und Wahrheit: "Hoaxes" im Internet

Alexandra Unz

Der Inhalt der E-Mail klingt dramatisch: Es sei ein "praktisch tödlicher" Computervirus im Umlauf, der die Festplatte löscht, heißt es. Der Virus komme per Mail, und diese dürfe auf keinen Fall geöffnet werden. Die Warnung solle der Adressat so schnell wie möglich an alle Bekannten weiterleiten. Wer dieser Aufforderung nachkommt, ist jedoch einem so genannten "Hoax", einer elektronischen Ente, aufgesessen.

"Hoaxes" kursieren schon seit Jahren im Cyberspace und schaffen es immer wieder, E-Mail-Nutzer zu verunsichern. Frank Ziemann von der TU Berlin hat sich die Aufklärung über "Hoaxes" zur Aufgabe gemacht und Informationen zu diesem Thema im Internet veröffentlicht. Täglich treffen bis zu 100 Anfragen per Mail bei ihm ein, sagt Ziemann. Seiner Ansicht nach fallen insbesondere Internet-Neulinge häufig auf die Falschmeldungen herein.

Der Aufbau eines "Hoaxes" ist im Prinzip stets derselbe, lediglich der Name des vermeintlichen Virus variiert. Im Betreff steht meist "Viruswarnung" oder ein ähnlicher Begriff. Die Mail informiert über einen neuen Virus, der verheerenden Schaden anrichte. Als Quelle für die Warnung werden große Unternehmen, wie Microsoft und AOL, oder Behörden wie die US-Bundespolizei FBI angegeben. Das Charakteristischste ist die Aufforderung, die Warnung sofort weiterzuverbreiten. Darin liegt nach Ziemanns Ansicht der eigentliche Schaden, den "Hoaxes" anrichten: Sie belasten E-Mail-Server mit unnötigem Datenverkehr. Seit dem Auftauchen des ersten "Hoaxes" Anfang der 90er Jahre haben sich die vermeintlichen Virenmeldungen an Trends angepasst, wie die Warnung vor dem Bildschirmschoner-Programm "Zlatko.exe", mit der Dienstadresse eines Mitarbeiters der Telekom versehen.

Aber auch Klassiker, wie zum Beispiel "Win a Holiday", sind noch im Umlauf. "Es kann vorkommen, dass man innerhalb von zwei Jahren eineMail vier Mal erhält und immer vor dem gleichen Virus gewarnt wird, der erst gestern entdeckt wurde", sagt Andre Post, der in der Forschungsabteilung des Anti-Viren-Software-Herstellers Symantec arbeitet. Da die falschen Warnungen schon auf Grund ihres stereotypen Aufbaus leicht zu identifizieren sind, rät Post ebenso wie alle anderen Experten: "Wenn Sie eine solche Mail erhalten, ignorieren Sie diese einfach." Allenfalls der Absender solle darüber informiert werden, dass er einem Hoax aufgesessen ist. Weder Anti-Viren-Spezialisten noch Computerkonzerne verbreiten Warnungen vor Computerviren im Kettenbriefverfahren, auch nicht bei dem E-Mail-Virus "Anna Kurnikova", der am Dienstag auftauchte (siehe Meldung oben). Die Quelle, die einen "Hoax" seriös erscheinen lassen soll, sei also immer gefälscht.

Ähnlich verhält es sich mit Ketten-Mails, die über Gewinnspiele informieren: Bill Gates zahlt 1 000 Dollar oder Nokia verschenkt WAP-Handys. Auch E-Mail-Petitionen, die behaupten, ein krebskrankes Kind erhalte für jede weitergeleitete Mail einen Betrag, sind frei erfunden. Es handelt sich um eine elektronische Form der altmodischen Kettenbriefe, "die wir schon in der Grundschule erhalten haben", erklärt Hoax-Experte Ziemann.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben