Zeitung Heute : Cool bleiben

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

Sonja Niemann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Ich wäre so gern Cineastin, das erscheint mir cool und weltgewandt, man hat immer ein Gesprächsthema, und eigentlich gehe ich auch ganz gern ins Kino. Für die Berlinale-Woche wollte ich mir ja komplett freinehmen und dann in vier Filme pro Tag gehen. Echte Cineasten behaupten, mit etwas logistischer Planung schaffe man bis zu sieben.

Irgendwie kamen ein paar Dinge dazwischen (Arbeit, Lust auf ein paar soziale Kontakte außerhalb des Kinos, Abneigung gegen frühes Aufstehen und langes Anstehen). Mein Pensum beläuft sich nun auf einen Film alle zwei Tage – kümmerlich, oder? Ich könnte wenigstens meine filmgeschichtlichen Bildungslücken schließen und ein paar Klassiker in der Retrospektive gucken. Stattdessen sehe ich fragwürdige brasilianische Handwackelkamera-Filme wie „Contra todos“, in denen ich nach einer Minute seekrank werde und dann ziemlich häufig das im Dunkeln besonders schöne Ziffernblatt meiner Uhr bewundere. Und das trotz ganz viel nackter Gewalt und ebensolchem Sex auf der Leinwand. Aber so einfach bin auch ich als Nur-Fast-Cineastin aus der Kleinstadt nicht mehr zu beeindrucken, da habt ihr euch geschnitten, ihr superunabhängigen Filmemacher!

Wo ich gerade bei Sex-im-Film bin: Ich habe einen Bekannten, J., der als TV-Redakteur Beiträge für Boulevardmagazine macht und sich deshalb ganz gut auf diesem Gebiet auskennt. Einmal sollte er einen Beitrag drehen zum Thema „Prüderie – warum uns Nacktsein peinlich ist“. Er beschloss, einen biblischen Einstieg ins Thema zu wählen: Die nackte Eva im Paradies lässt sich von der Schlange verführen, den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu pflücken und ihn Adam zu reichen, worauf beide merken, dass sie nackt sind und ihre Scham bedecken.

Die Szene drehte er im Schrebergarten seiner Eltern in Kohlhasenbrück, weil es dort einen Apfelbaum gab. Da die Äpfel an diesem Apfelbaum eher mickrig als paradiesisch waren, klebten ihm die Fernsehleute einen prächtigen Supermarktapfel mit Gaffaband an den Ast. Die von einem Züchter herbeigeschaffte Schlange war von Natur aus alles andere als mickrig und wickelte sich als Vollprofi im schlangendarstellenden Bereich vorschriftsmäßig lässig um den Ast. Adam und Eva waren ursprünglich eher im erotikdarstellenden Bereich tätig und am ganzen Körper sehr schön solariumgebräunt. Schauspielerisch gaben sie ihr Bestes und blickten sich in dem Kohlhasenbrücker Kleingarten beim Gaffaband-Apfelpflücken über die vom Ast baumelnde Schlange hinweg verliebt in die Augen.

Die Nachbarn in der Schrebergartensiedlung waren ganz begeistert. Hey, ihr Independent-Filmemacher: Das ist Entertainment!

Ich selber habe in dem Beitrag auch mitgespielt: Meine rechte Schulter ist ganz kurz beim Duschen zu sehen. Ich würde ihnen auch gern mehr von den pikanten Dreharbeiten erzählen. Aber ich muss jetzt ins Kino.

Wie mühsam Schauspielen sein kann, zeigt die prima Dokumentation „Die Spielwütigen“, heute, 20 Uhr im Cinestar 7. Falls Sie keine Karten mehr bekommen, sehen Sie sich wahllos irgendeinen anderen Film auf der Berlinale an. Das ist cineastisch.

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