Zeitung Heute : Cool Runnings aus Thüringen

Hartmut Scherzer

Durch dichtes Schneetreiben und das frenetische Gebrüll "USA, USA, USA" steuerte André Lange als Letzter seinen Viererbob mit 138 km/h das Eislabyrinth hinunter. Die Bestzeiten der Amerikaner hatten die Zuschauer in einen Freudentaumel im Utah Olympic Park versetzt, den kühlen Typen aus Thüringen aber nicht im Geringsten irritiert. "Das geht links rein und rechts raus." Cool Runnings aus Thüringen statt aus Jamaica. Der Oberhofer Pilot und seine dicken Jungs, Enrico Kühn (102 kg), Kevin Kuske (102 kg) und Carsten Embach (95 kg), nahmen den Amerikanern nicht die Freude, aber den Sieg.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Bundespräsident Johannes Rau, begleitet von seiner Frau, gratulierte bei der Blumenzeremonie den vier kräftigen Burschen aus Oberhof, Potsdam, Ferch und Stralsund zur Goldmedaille. Wie arrangiert für den Besuch des Staatsoberhauptes in den USA, flankierten acht Amerikaner die vier deutschen Olympiasieger, Todd Hays (Silber) und Brian Shimer (Bronze) mit ihren Crews. Wer siegt, liegt sich mit den Kameraden und Konkurrenten in den Armen, kaum dass er sich aus seinem Schlitten gezwängt hat. Wer siegt, dem wird keine Zeit der Besinnung gelassen. Zumal der Lange-Vierer das zwölfte Gold für Deutschland holte, damit den Sieg in der Nationenwertung sicherte.

"Wenn alles vorbei ist, gehe ich in irgendeine Ecke und werde erst mal richtig heulen", gestand André Lange, ein gestandener blonder Bursche von 28 Jahren mit einem jungenhaften Lachen. "Und dann werden wir ein bisschen Schädelfluten machen." Wie das bitte zu verstehen sei? "Einer macht den Hahn auf und wir lassen das Bier reinfließen." "Geflutscht" habe es am zweiten Tag. Vom perfekten dritten Lauf war André Lange derart begeistert, dass er sich die Fahrt, "am liebsten zu Hause einrahmen" lassen würde, "wenn das ginge". Aus einem Rückstand von 0,09 Sekunden machte der Bob Deutschland zwei einen Vorsprung von 0,27 Sekunden. Bei einem derartigen Polster gehe man schon mit "relativer Gelassenheit" an die Entscheidung heran.

Mögen im Schneetreiben die amerikanischen Feger vor dem Start ihrer Landsleute "auch ein bisschen mehr gekehrt" haben. "Es lohnt sich nicht, darüber zu sinnieren." So souverän lenkte Lange den Bob durch die 16 Kurven des Eiskanals, dass am Ziel sogar ein Vorsprung von 0,30 Sekunden aufleuchtete. "Ehe mich jemand danach fragt, sage ich es gleich: Die Bahn liegt mir." Warum? "Wegen des hohen Geschwindigkeitsniveaus vom Start weg. Hier darfst du keinen Fehler machen. Sonst bist du weg vom Fenster. Das ist das Reizvolle." Zur Fahrkunst des Piloten kommt die Technik hinzu. Die Kufen an Langes Bob stammen noch aus Beständen zu DDR-Zeiten, wurden lediglich vom Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin überarbeitet.

Der Viererbob selbst wurde gegenüber dem Prototyp des Vorjahres leicht verändert. "Das Platz- und Raumangebot wurde verbessert", erklärte Lange, "damit die Dicken reinpassen." Wenn man André Lange so erzählen hört, vom Vereinstrainer Matthias Trübner etwa, der ihn quasi vor zehn Jahren in den Bob gesetzt und einen "Bärenanteil" am Gold habe, scheint ein bisschen DDR-Nostalgie mitzuschwingen. Das Blau des Bobs ist die Farbe des Sponsors. Sie wurde bewusst gewählt, weil namentliche Werbung bei Olympia nicht erlaubt ist. Aber: "Vielleicht war die Farbe auch ein gutes Omen", sagte Lange, "denn die DDR-Bobs waren früher auch blau." Und sehr erfolgreich (fünf Olympiasiege). Nun gilt Lange als Nachfolger von Langen. "Ein komisches Wort", das er nicht mag. "Fortführen und verbessern", was der bald 40-jährige Olympiasieger im Zweierbob seit zehn Jahren vorgegeben hat, will er. Aber Langen möchte noch nicht zurücktreten. "Zwei Fahrten wie Brian Shimer hätte ich mir auch zugetraut", sagte er zum Bronze-Gewinner, nachdem er einen Tag zuvor noch mit den Tränen kämpfend sein Olympia-Aus verkündet hatte. Drei Monate Pause gönnt sich Langen, dann will er die Konkurrenz weiter ärgern.

Lange und seine Besatzung gelten als ein aufeinander eingeschworenes Team. Für jeden seiner drei Anschieber findet der Pilot die passenden Worte: "Für Enrico ist Gold eine Riesengeschichte, nachdem er zwei Jahre lang verletzt war. Emmi hat zum Ende seiner Karriere noch einmal diesen Höhepunkt erlebt. Für Kevin werden es hoffentlich nicht die letzten Spiele gewesen sein."

Bundestrainer Raimund Bethge freute sich vor allem auch, dass er mit dieser Mischung aus Alt und Jung weiterarbeiten darf. "Das ist die beste Mannschaft der Welt, das stärkste Team, das ich je hatte", suchte der 54-Jährige nach Superlativen. 69 Medaillen bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften haben die deutschen Bob-Fahrer seit 1990 unter seiner Regie gewonnen.

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