Zeitung Heute : Cool sind sie

MICHAEL PILZ

Das Unternehmen Massive Attack in der Treptower ArenaSo schön fängt das an, mit einem Baß, der das Zwerchfell lähmt.Der Beat synkopiert den Herzschlag.Klänge drücken aufs Gemüt, alles taucht ein in blaues Licht.Doch dann stehen sie da, die Tüftler von Massive Attack, die sich Daddy G, 3D und Mushroom nennen.Sprechsingen, stehen stramm an der Rampe wie die drei Tenöre.Und fortan bestreiten sie dieses Konzert mit Hits.Sie mühen sich mit der Reproduktion."Hymn of the Big Wheel" und "Five Man Army" und "One Love" bleiben erkennbar, sind tanzbar.Weniger durch jene subtilen Schichten, die sich bei Massive Attack im Studio stilvoll über Kehrreime und Melodien legen.Hier stellen sie ihre Themen ungeschützt zur Verfügung.Die letzten beabsichtigten Nuancen verschwinden im technisch kaum zu kontrollierenden Lärm unter Blech und Beton der Treptower Arena. Nun ist Pop zur Schau verpflichtet.Der Markt will Namen, Gesichter und hin und wieder den Nachweis, daß sich hinter den Platten Künstler verbergen.DJs finden sich wieder auf Konzertbühnen.Manche scharen Musikanten um sich und lassen sich fesselnde Bilder an die Rückwand strahlen.Massive Attack erscheint hier als Big Band aus Sängerinnen, Sängern und Rappern, mit Gitarre, Baß, Schlagzeug und Tasten.Im Saal sitzt indes der wesentliche Mann am großen Pult und überwacht den Sequencer: ein Laptop, der Baß und Beat, am Heimrechner präpariert, aus dem Off laufen läßt.Die Musiker doppeln und fügen Klänge ein.Es ist ein Kommen und Gehen da oben.Ein Schwatzen hinter Lautsprechertürmen oder auf offener Bühne.Und wo ist das Gesicht von Massive Attack? Früher schienen das irrtümlicherweise Gastsängerinnen wie Shara Nelson oder Nicolette.Heute setzen die Scheinwerfer Daddy G, den langen dunklen, und 3D, den kurzen hellen, ins Licht."Are You Cool?" ruft Daddy G und mischt sich während der Show weitgehend unerkannt unters Volk.Massive Attack ist cool. Und dementsprechend ungeeignet für so ein Konzert -es funktioniert allenfalls, wenn sich der Ragga-Sänger Horace Andy des Mikrofons bemächtigt.Nur selten gelingt das Prinzip Massiv Attack: dieses Flirren, das latent Rastlose ihres wunderbaren Album-Debüts "Blue Lines".Musik an der Schnittstelle zwischen Untergrund und Mainstream.Live geht es eher zu wie auf dem weniger bemerkenswerten 1994er "Protection", ein allgemein kompatibler Kuschel-Dub mit synthetischem Streicherfett und Meeresbrandung im Sampler.Als Massive Attack in den 80ern begannen mit ihrer entspannten Form des HipHop, war Bristol noch Provinz.Es folgten Portishead und TripHop, Tricky und Jungle.So sind sie am Ende schwer einzulösen, diese Erwartungen an Bristol als Popmetropole und Massive Attack als Popstars.MICHAEL PILZ

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