Zeitung Heute : Cool!

UTA VON ARNIM

Jetzt ist er da, wo er hin wollte.Er sitzt zur Linken Kohls.Gemeinsam werden sie das Oppositionsbänkchen drücken.Mit einem Unterschied allerdings: "Wir können der CDU zeigen, wie man sowas macht", sagt Gregor Gysi und bietet mit seinem feinen Siegerlächeln der abgewählten Regierungskoalition Nachhilfe in der Oppositionsrolle an.Am Morgen nach der Wahl wirkt Gysi nicht, als sei seine politische Zukunft gestern noch völlig unklar gewesen.Eher wie jemand, dem Größeres schon wie selbstverständlich in die Wiege gelegt war.Gerade mal ein Zehntel eines Prozentes der bundesdeutschen Wählerstimmen haben der PDS über die Fünf-Prozenthürde geholfen und ihr damit endlich den Fraktionsstatus im Bundestag beschert.Und dem bisherigen Chef der Bundestagsgruppe PDS, Gregor Gysi, den Fraktionsvorsitz.

Deshalb lächelt Gysi an diesem Vormittag gern und viel in die Kameras, aber eben nur souverän verhalten.Cool.Als habe er es schon immer gewußt.Natürlich, eine Partei links von der SPD mußte sich ja schließlich etablieren, europaweit ist das ja auch so, und es wurde Zeit, daß der "deutsche Sonderweg" ohne sozialistische Gruppierung im Parteienspektrum ein Ende fand.So ordnet er die kleine PDS, die um ein Haar, sprich 0,1 Prozent und zwei Direktmandate weniger nicht mehr in den Bundestag eingezogen wäre, gleich in den internationalen und historischen Kontext ein.

Gratwanderungen sind Gysis Lieblingssportart; mit einem Bein am Abgrund und dem anderen auf dem Gipfel bewegt er sich so sicher, als hätte er nie anderes getan.Und auf bemerkenswerte Weise hat er immer wieder gefährliche politische Klippen umschifft.Die jahrelange Diskussion um seine vermeintliche Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi hat ihm nichts anhaben können.Ja, es scheint fast so, als werde er als Opfer der Sieger-Justiz gesehen und habe so Sympathien und Wählerstimmen im Osten gewonnen.Auch die Auseinandersetzung um den Verbleib des SED-Parteivermögens hat ihm, zumindest politisch, nicht geschadet.Er bleibt oben.

Schon in der DDR als prominenter Anwalt von Bürgerrechtlern, Ausreisewilligen und Kirchenangehörigen zu einiger Bekanntheit gekommen, gelang Gregor Gysi der politische Aufstieg inmitten der Wende-Wirren.Der heute 50jährige übernahm im Dezember 1989 den Parteivorsitz der SED, die sich kurz darauf mit dem Zusatz "PDS", "Partei des demokratischen Sozialismus" für die neue Zeit rüstete.Gysi war es auch, der die Selbstauflösung der Partei im Januar 1990 verhinderte und die von der SED-PDS zur PDS mutierte Organisation in der Volkskammer als Fraktionsvorsitzender führte.

Jetzt sitzt er mit seinem sibyllinischen Lächeln in der Berliner Parteizentrale, redet statt mit gewohnter Spitzzüngigkeit heute mit der Sanftmut des Siegers, aber die Forderungen kommen klar und bestimmt.Dabei scheint für Gysi der Ausbau der Macht an erster Stelle zu stehen: Positionen im parlamentarischen System fordert er für die kleine, im Osten doch große Partei, und denkt über die Verankerung der PDS im Westen nach.Was er inhaltlich will, bleibt unklar bei diesem Mann, der es geschafft hat, aus der intern zerstrittenen, orientierungslosen SED-Nachfolgepartei eine linke Oppositionspartei im Bundestag zu machen.Hat er das? Gregor Gysi weiß auch, daß die PDS von einer "etablierten sozialistischen Partei" wie in anderen europäischen Ländern noch weit entfernt ist.

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