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ELFI KREIS

Virtuell: Vera Frenkel und Christin Lahr in der NGBK Es war vorauszusehen, daß elektronisch Unsportliche eines Tages einen schweren Stand haben werden, auch in der Kunst.Eines Tages? Wer das Surfen, den Mouse-Klick ins Internet nicht beherrscht, hat bereits heute das Nachsehen.In der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst hat die Zukunft schon begonnen. Vera Frenkel entwickelt ihre Arbeit "Body Missing" als Web Site im Internet.Die in Kanada lebende Künstlerin verknüpft darin verschiedene Erzähl- und Bildebenen von Realität und Fiktion.Ihre Grundthemen sind Konstruktion und Rekonstruktion musealer Räume und Kunstwerke im Zeitalter ihrer elektronischen (Re-)produzierbarkeit.Ihre Untersuchungen zielen auf die digitalen Möglichkeiten des Speicherns wie Manipulierens mittels sogenannter neuer Medien.Ihre Methode wirkt spielerisch, die Handhabung ähnelt einem Computerspiel.Ausgangspunkt sind die von den Nationalsozialisten europaweit aus Museen geraubten, verschollenen, zerstörten Kunstgüter. Frenkel verknüpft für ihre Web Site zwei frühere Arbeiten: die für das offene Kunsthaus in Linz konzipierte, dort 1995 in der Ausstellung "Andere Körper" gezeigte Videoinstallation "Body Missing".Und "Transit Bar", ihr Internet-Beitrag zur documenta 1992.Über die fiktive Bar erfolgt der Einstieg.Dort begegnete man virtuellen Figuren, einer Kellnerin und Gästen.Deren fragmentarische Geschichten gilt es abzurufen.Sie liefern eine Fülle unzusammenhängender Informationsbruchstücke zu den verschwundenen Kunstwerken: rätselhafte Diagramme, Notizen, Bilder von in Salzstöcken gelagerten Werken und Inventarlisten.Wie in einem Krimi soll der "User" am Monitor Indizien sammeln, Zusammenhänge ergründen.Irgendwann aber regt sich beim Nutzer der Verdacht, die unentwegte Abfolge von Inventaren existiere nur um der Listen willen.Der Vorgang des Speicherns und Archivierens habe sich verselbständigt, sei zum reinen Selbstzweck geworden.Frenkels Projekt "Body Missing" ist "work in progress", wird stetig durch neue Künstlerbeiträge erweitert - eine endlose, elektronische Geschichte vom Verschwinden der Kunst. Besucher, die sich noch leibhaftig in Ausstellungsräume begeben, sind für die Berlinerin Christin Lahr lebende Fossile.Letzte Exemplare dieser aussterbenden Gattung fristen bei ihr ein Schattendasein als Lichtprojektionen elektronischer Scherenschnittfiguren, beschriftet wie einst die Kunstwerke.Aus der Erkenntnis, daß Kunst heute hauptsächlich durch Reproduktionen vermittelt wird, zieht sie radikal die Konsequenz.Lahr macht ihren Katalog zum eigentlichen Kunstwerk.Sie forderte Museen auf, Fotos ihrer leeren Räume zu schicken, um darin virtuelle Ausstellungen zu realisieren.Die auf den erhaltenen Bildern noch sichtbaren "Störfaktoren", die Restkunst und deren Betrachter, wurden elektronisch eliminiert.Nur immaterielle Lichtprojektionen leerer Rahmen, von Absperrkordeln, Gittern und Verbotsschildern zeugen noch von ihrer einstigen Existenz."XXX - Rahmenbedingungen und Randerscheinungen" (Katalog wie Ausstellung) handelt von und mit Leere, sinnentleertem Randgeschehen.Mit Lahr kann man für "Nichts" einen Kaufvertrag ab schließen.Für "Nichts" sind die Copyrights geregelt."Nichts" (im Plexiglasrahmen) kann man kaufen.Doch wer zu spät kommt, den bestraft die Künstlerin.Denn sogar das Nichts wird immer teurer.Von Auflagennummer zu Auflagennummer jeweils um 20 Mark. Die Ausstellung selbst aber ist nur eine nebensächliche, zudem wenig folgerichtige Spielerei.Um "Virtualität des Verschwindens" zu rezipieren, braucht man im Grunde die NGBK-Galerie nicht mehr zu betreten, sich Lahrs Katalog schicken zu lassen, daheim zu blättern genügt.Frenkel fordert mehr Technik, einen Internet-Anschluß muß man haben: www.yorku.ca /BodyMissing aufrufen, fertig.Was aber wird dann aus den Museen? Lästerzungen meinen, dann sei endlich genug Platz für den Museumsshop.Irgendwo müssen die CD-Roms, die neuen Speicherträger virtueller Kunstwerke schließlich unters Kunstvolk gebracht werden.ELFI KREIS NGBK Galerie, Oranienstr.25, bis 24.August; täglich 12 - 18 Uhr 30.Broschüre 5 DM, Einzelkatalog Frenkel 21 DM, Lahr 35 DM

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