„Costa Concordia“ : Havarie der Hochhäuser

von

Seit zwei Monaten hat Italien einen Premier, dessen es sich nicht mehr schämen muss. Auch wenn noch offen ist, wie weit Mario Monti willens und fähig ist, mit Berlusconis Politik zu brechen: Der Stil, die Nüchternheit, die Lebensführung von Monti, tutto Loden, scheinen über jeden Zweifel erhaben.

Was allerdings seit einer Woche um die Katastrophe vor der toskanischen Küste tobt, erweckt den Eindruck, als habe Italien nur auf eine neue Gelegenheit gewartet, wieder in kollektive Scham zu fallen – und auf einen neuen Versager, in dem es sich um jeden Preis erkennen will. Der Unglückskapitän der „Concordia“, feige, unfähig, ein Poseur –, „Schettino ist wie wir“, schreiben die Leitartikler der großen Blätter unter dem Beifall ihrer Netzgemeinde. Schon wieder sei „ein Italiener“ in die Falle der bella figura getappt: Gut aussehen, ein schickes Manöver inszenieren, auch wenn’s eine Katastrophe kostet. Selbst die berechtigte Kritik am Schwarz-Weiß-Gemälde, das dem Schurken Schettino den Helden De Falco gegenüberstellt – der ihn per Telefon aus Livorno mit Gebrüll an Bord zurückzuzwingen versuchte –, gerät zur Abrechnung mit Italien. Man sei halt ein „Land der Chefs und Chefchen, wo Flüche und Muskelspiel als männlich gelten“.

Ach ja, Italien. Eindruck schinden, Eitelkeit, Mackertum, ein Glück, dass das alles außerhalb Italiens ganz unbekannt ist! Wenn es wirklich etwas gibt, das man nach einer solchen Woche wieder einmal für typisch italienisch halten möchte, dann ist es diese stets abrufbare Bereitschaft zur Selbstzerfleischung, von der nie restlos zu klären ist, ob sie dazu dient,  sich selbst in den besseren Teil des Landes zu retten oder Problemlösungen durch Selbstanklagen zu ersetzen. Und immer bedient diese Lesart so perfekt die Italien-Stereotype im Rest der Welt, nicht zuletzt in Deutschland, dass auch dort gelegentlich andere Fragen untergehen. Im Fall der „Concordia“, ob Kapitän Schettino in erster Linie Italiener oder nicht vielmehr der Angestellte einer großen Firma war, die die früher exklusiven Kreuzfahrten in lukrativen Massentourismus umgemünzt hat. Dass die Schiffe deshalb riesig, die Fahrten billiger – oder kürzer – sein müssen. Dass eine Sieben-Tage-Tour durchs halbe Mittelmeer so viele Landgänge gar nicht vorsehen kann, dass das Publikum die Orte wirklich sieht, die der Katalog suggeriert. Und man dafür den ein oder anderen Höhepunkt mindestens als Fotomotiv mitnimmt. Auf Kameranähe zum Festland, die auch dann eine Gefahr ist, wenn sie nicht tödlich wird. Venedig leidet seit langem unter den schwimmenden Hochhäusern, die die Lagune aufwirbeln.

Das alles entlastet den Kapitän nicht. Aber Manöver wie das vor Giglio waren üblich – mehr als fünfzig hat die Funküberwachung allein für die „Concordia“ aufgezeichnet –, und sie waren geduldete, womöglich gar geförderte Praxis. Wären sie verboten gewesen oder bestraft worden, wäre es zu diesem Desaster kaum gekommen. Schließlich hat sich Schettino bis zum Schluss stets ängstlich bei seinen Chefs rückversichert, statt Hilfe zu organisieren. Das romantische Bild vom Käpt’n, der über sich nur den lieben Gott hat, geht hoffentlich auch mit der „Concordia“ unter.

Schwimmende Städte, Tausende Urlauber aus aller Welt, die zu demokratischen Preisen ordentlich was erleben wollen, auch zum Preis der Käfighaltung auf dem Meer: Mag sein, dass der leckgeschlagene Musikdampfer vor Giglio etwas Symbolisches hat. Aber dann zeigen die Zeichen nicht nur auf Italien.

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben