Coworking : Fixpunkte für Nomaden

Wie und wo Start-ups in Berlin auf ihre finanziellen Möglichkeiten zugeschnittene Büroräume finden.

von
Startup-Factory mitten im Berliner Gründergeschehen. Fünf Stockwerke, 8500 Quadratmeter Bürofläche – ein neues Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Oswald-Brauerei in Berlins Mitte (Rheinsberger Straße, Ecke Brunnenstraße) soll ab März 2013 einer ganzen Reihe an Start-ups aus unterschiedlichen Bereichen ein Zuhause bieten können.
Startup-Factory mitten im Berliner Gründergeschehen. Fünf Stockwerke, 8500 Quadratmeter Bürofläche – ein neues Gebäude auf dem...Foto: dpa

Sie sind ein bekanntes Bild: Web-Entwickler im Café St. Oberholz in Mitte. Mal allein, mal in Gruppen sitzen sie bei Bagels und Kaffee über ihren Laptops und brüten neue Ideen für das Internet aus. Junge Start-ups und Freiberufler, die sich keine eigenen Büroräume leisten können oder wollen, findet man auch in den Coworking Spaces der Stadt, etwa in der Mobilesuite in der Pappelallee oder im Betahaus in der Prinzessinnenstraße. Überhaupt zählt Berlin zu den weltweiten Hotspots für Coworking.

Insgesamt 48 Spaces bietet Berlin, wo man einzelne oder mehrere Arbeitsplätze auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis mietet und dabei die bereitgestellte, gemeinsame Infrastruktur nutzt – von der Kaffeemaschine bis zum Restaurant, vom Drucker bis zum Multimediakonferenzraum. Neuester Trend unter digitalen Nomaden ist das Office Surfing, wo man sich für kurze Zeit bei einer Firma einen Büroplatz mietet. Netter Nebeneffekt: alle erweitern ihr Netzwerk. Start-ups, die aus der Hochschule heraus gegründet werden, insbesondere im Hightech- und medizinischen Bereich, siedeln sich dagegen in einem der Innovations- und Technologiezentren an, beispielsweise in Adlershof, Buch oder im Charlottenburger Innovations-Centrum. Hier profitieren sie die ersten Jahre von Fördermaßnahmen, günstigen Mieten und einer existierenden Infrastruktur und können sich so auf Forschung und Entwicklung konzentrieren. Aber was passiert, wenn Start-ups aus ihren Räumen herauswachsen?

„Nach durchschnittlich fünf Jahren gehen die Start-ups bei uns raus“, sagt Florian Seiff, Geschäftsführer der Innovations-Zentrum Berlin Management GmbH (IZBM). „Aber manche bleiben auch länger, bis zu acht Jahre ist der Standard. Danach sollen sie auf eigenen Füßen stehen.“ Dabei hilft die IZBM jungen Gründern, indem sie Expansionsräume parat hält oder bei der Suche nach neuen, größeren Räumen hilft. „Wenn ein Unternehmen schon im Businessplan Wachstum als Ziel festlegt, können wir entsprechende Flächen frei halten oder sie können von Anfang an ihre Räume so nutzen, dass die Firma wachsen kann“, so Seiff. Aber grundsätzlich stehe hinter der Idee „Gründung aus der Hochschule“ das Ziel, eine eigene Firma mit einem eigenen Gebäude zu haben. Dafür stehen dann etwa am Standort Adlershof rund 60 Hektar zur Verfügung. „Zwölf bis vierzehn Firmen mit jeweils rund 50 bis 60 Mitarbeitern bauen oder haben bereits hier gebaut“, sagt Peter Strunk, Sprecher der Betreibergesellschaft Wista.

Auch das Business Location Center von Berlin Partner hilft jungen Start-ups und etablierten Firmen, Wachstumsräume zu finden. „Dafür arbeiten wir mit Partnern aus unserem Netzwerk zusammen und bieten Unternehmen auf unserem Immobilienportal Zugang zu aktuellen Angeboten, wobei mit Ausnahme von Ladenflächen fast alle provisionsfrei für den Mieter sind“, erklärt Pedro Wolfgang Bamberg, Projektmanager im Business Location Center. Die Nutzung des Portals sei kostenlos und biete Flächen von 40 bis 15 000 Quadratmetern. „Wer sich in Berlin auskennt, kann sich dort gut selbst orientieren“, so Bamberg. „Aber man kann auch zu uns kommen und wir führen eine strukturierte, stadtweite Suche durch. Das ist vor allem für auswärtige Unternehmen hilfreich.“ Für Start-ups findet er dabei immer wieder gute Angebote in einem der zahlreichen Gewerbehöfe der GSG oder anderer Betreiber. „Ausreichend Büroräume sind vorhanden“, so Bamberg. „Aber für manche eben nicht an der richtigen Stelle. Gerade in Mitte und Pankow, vor allem im Bereich Schönhauser Allee und Torstraße, was bei Internetfirmen beliebt ist, wird es eng. Gute Alternativen finden sich aber in Friedrichshain und Kreuzberg, wo sich mittlerweile auch starke Synergien bilden.“

Ein solches Beispiel ist das Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Das Architekturdenkmal bietet für Start-ups Arbeitsplätze in Bürogemeinschaften, Großraum- und Einzelbüros. Einer der Mieter ist der Inkubator M Cube, der als sogenannter Präsenzinkubator seinen Start-ups nicht nur Geld und Expertise bietet, sondern auch Platz zum Arbeiten und Wachsen. „Aktuell arbeiten bei uns vier Teams auf 350 Quadratmetern an ihren Projekten und nutzen die vorhandene Infrastruktur“, sagt Jan Dzulko, Geschäftsführer von M Cube. Ein Jahr sollen die Gründerteams im Brutkasten von M Cube verweilen und dann „fliegen“, wie es im Fachjargon heißt. „Am liebsten ist uns natürlich, wenn die neuen Firmen in der Nähe bleiben. Wenn mal was ist, kann man schnell mit den Fahrrad rüber fahren“, so Dzulko. „Daher helfen wir unseren Teams bei der Suche nach eigenen Räumen und reservieren auch freie Flächen im Umspannwerk, wenn es möglich ist.“

Dass Start-ups Hilfe haben bei der Suche nach dem passenden Büro, sei wichtig. „Dann wird das operative Geschäft nicht so sehr gestört“, sagt Dzulko. „Fluktuationen gibt es gerade bei Web-Startups genug. Mal muss man sich drastisch verkleinern, dann plötzlich vergrößern. Das bringt ganz schön viel Unruhe ins Geschäft.“ Obendrein hat sich die Situation auf dem Berliner Büromarkt verändert. Während man sich vor drei Jahren noch vor ein Gebäude stellen konnte und sagen „da will ich rein“ und auch tatsächlich Platz gefunden hat, sind die begehrten Lagen weg. Allerdings kann man auch Glück haben und genau dann etwas suchen, wenn ein anderes Start-up seine Räume aufgibt.

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben