Zeitung Heute : Crescendo

SYBILL MAHLKE

Gerd Albrechts Bruckner mit dem DSO Berlin in der PhilharmonieSYBILL MAHLKEWas bedeutet "feierlich", was "misterioso"? Ein Dirigent vom intellektuell weltbewanderten Typ Gerd Albrechts, dem alle Stilarten der Musik und ihre pädagogischen Darreichungsformen offenzustehen scheinen, begegnet diesen Vortragsbezeichnungen Anton Bruckners mit interpretatorischer Zurückhaltung.Albrecht hat als deutscher Maestro der wichtigen musikalischen Seitenpfade, als Uraufführungsdirigent, Inhaber von Chefpositionen in Zürich, Hamburg oder Prag viele Ehrenzeichen errungen. Wenn er nun vor dem Deutschen Symphonie-Orchester steht, dessen Reihen sich in den letzten Jahren besonders verjüngt haben, und Bruckner dirigiert, sieht es aus, als ob dem "Feierlich.Misterioso" nur halbherzig zu trauen sei.Nicht, daß hier mystischem Raunen das Wort geredet sein soll.Aber Albrecht beginnt die neunte Symphonie d-Moll mit der Gelassenheit des Könners, dem in jedem Wortsinn nichts passieren kann, will sagen ohne über die Fülle und den Perspektivenreichtum der reinen Musik staunen zu machen.Eher geht er von der Dynamik aus und erreicht mit crescendo sempre seine stärksten Wirkungen.Als ein Dirigent der ekstatischen Gebärde hat sich Albrecht eigentlich sonst weniger hervorgetan.Hier aber hüpft er zudem in die Steigerungen auf eine Art, wie sie von Bernsteins Mahler-Exkursionen erinnerlich ist. Aus dem Autograph der letzten Bruckner-Symphonie, das an die Wiener Nationalbibliothek gegangen ist, läßt sich ersehen, daß der Komponist mit Vortragszeichen nicht geizt.Er will auch das Detail.Bei Bruckner gibt es, wie Günter Wand jüngst wieder gelehrt hat, nirgends ein Laissez faire.Albrecht scheint es um diese Spannung im einzelnen weniger zu gehen.Wir sehen ihn als Gipfelstürmer.Auch gelingt ihm das stampfende Fortissimo des Scherzos so gewaltig, daß er die Geister, die er rief, mit dem Zeichen des Fingers vor dem Mund wieder dämpfen muß.Das Publikum feiert lebhaft das riesige Orchester, darin feine Oboensoli, und den dynamischen Bruckner Albrechts.- Einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt auch die Einleitung des Abends, weil die Solistin Viviane Hagner das Violinkonzert D-Dur KV 218 von Mozart nicht interessanter als brav, hier und da mit einer aufgesetzt tieferen Bedeutung spielt.Der Ton klingt etwas fiepsig.Die anmutige Erscheinung aber und die saubere, hübsche Intonation des Rondeau führen die Zugabe einer Paganini-Caprice herbei: Vielleicht hat die Sorge um die Weiterentwicklung der jungen Musikerin zunächst noch gelogen.

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