Zeitung Heute : CSU: Als der Bayern-Löwe brüllte

Rolf Linkenheil

Ein Mal noch macht die CSU eine Flasche mit Hochprozentigem auf. Ein Vierteljahrhundert danach schwelgt sie auf ihrer Klausur in Wildbad Kreuth in Erinnerungen an den sensationellen Beschluss von 1976: Die Trennung von der CDU. Der "Kreuther-Geist" ist jedoch verdunstet.

Freitag, 19. November 1976: Ein trüber Herbsttag am Ufer des Tegernsees in Rottach-Egern. Im "Ludwig-Thoma-Stüberl" des Hotels "Überfahrt" mampfen die Journalisten Weißwürste und warten, wie so oft, auf Franz Josef Strauß. Gemeinsam mit dem neu gewählten Vorsitzenden der Landesgruppe im Bundestag, Friedrich Zimmermann, soll er zur Mittagsstunde aus dem nebligen, nur wenige Kilometer entfernten Hochtal von Wildbad Kreuth auftauchen und berichten, welche politische Strategie sich die in einer Klausurtagung versammelten Bundestagsabgeordneten der CSU nach der dritten verlorenen Bundestagswahl vom 3. Oktober ausgedacht haben. Erst nach 13 Uhr erscheinen der CSU-Chef und sein Bonner Statthalter. Strauß schickt Zimmermann voran. Er soll bekannt geben, was der Vorsitzende in seiner Bedeutung eigentlich herunterspielen will.

Um 13 Uhr 20 Uhr verkündet Friedrich Zimmermann eine Sensation: Die CSU-Landesgruppe im Bundestag hat mit 30 gegen 18 Stimmen bei einer Enthaltung und einem als ungültig gewerteten Stimmzettel beschlossen, die 27 Jahre währende Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufzukündigen und im 8. Deutschen Bundestag als selbstständige Fraktion mit einem eigenen Oppositionführer neben dem CDU-Fraktionschef Helmut Kohl aufzutreten. Friedrich Zimmermann, einer der Getreuesten des CSU-Vorsitzenden, soll diese Rolle übernehmen. Neben dessen bissiger Angriffslust hält sie mehr Geld und mehr Redezeit für wirkungsvolle Mittel, der sozial-liberalen Koalition zu begegnen.

Strauß selbst schweigt zunächst und genießt mit verschmitzter Miene die Verblüffung der Journalisten. Der Leiter des Landesbüros Bayern der Deutschen Presseagentur, Gerhard Bradel, fragt Zimmermann und Strauß, ob sie denn Helmut Kohl von ihrem Beschluss bereits informiert hätten. "Nein", lautet die Antwort. Bradel rennt als Erster zur Hotelrezeption ans Telefon, wo sich kurz darauf zum Entsetzen der vornehmen Hotelgäste chaotische Szenen im Kampf um eine freie Leitung abspielen, und setzt seine Eilmeldung ab. Kohl erfährt von der Scheidung durch seine Mitarbeiter, die Rundfunknachrichten gehört und Agenturmeldungen gelesen haben. Wer die Wucht seiner Zornesausbrüche kennt, vermochte sich die Reaktion des Politikers vorzustellen, meint Friedrich Zimmermann in seinen Erinnerungen.

Wer sagt es Helmut Kohl?

Auf der Pressekonferenz zeigt sich unterdessen Franz Josef Strauß um Beschwichtigung bemüht. "In sehr freundschaftlicher und unbelasteter Atmosphäre" habe er Kohl schon vor der Klausurtagung versichert, dass die Politik der CSU "gleichgültig in welcher Organsiationsform, immer an der Seite der CDU sein wird". Die beiden Parteivorsitzenden hätten miteinander abgesprochen, dass keine der beiden Fraktionen eine Regierungsbeteiligung ohne die Zustimmung der anderen eingehen und nicht einmal Koalitionsgespräche führen soll. Was klang, als sei die Vollzugsmeldung gegenüber Kohl nur eine Formsache, war nichts als der Versuch, der Öffentlichkeit, aber auch dem Vorsitzenden der Schwesterpartei eine Beruhigungspille zu verschreiben.

Schon einmal, nach der Niederlage bei der Bundestagswahl 1972, pflegte die CSU ähnliche Gedankenspiele. Sie führten jedoch zu keinen greifbaren Plänen. Auch im streng abgeriegelten alten Kreuther Bad lotete Strauß erst einmal die Stimmung seiner Parteifreunde aus, indem er einer breiten Diskussion ungewohnt freien Lauf ließ. Erst als er sicher war, für sein weitreichendes Vorhaben der Trennung eine Mehrheit zu finden, machte er Dampf.

Für sein spürbar schlechtes Gewissen über die Art, in der die CSU Helmut Kohl über die Verschwörung in den Bergen hinter dem Tegernsee unterrichtete, macht Zimmermann den im Herbst 1976 im modernen Bayern noch keineswegs auf die Spitze getrieben Stand der Informationstechnik verantwortlich. Wie wurscht Strauß jedoch der zu erwartende Ärger seines "Männerfreundes" Kohl war, mit dem er gelegentlich in den nahen Bergen wanderte, zeigt die Schilderung Zimmermanns über den Umgang mit dem Problem "Wer sagt es Helmut". Der CSU-Chef und der designierte Oppositionsführer Nummer zwei schoben die unangenehme Aufgabe hin und her. "Mach du das", sagte jeder zum andern, doch keiner wollte es tun. Sie drückten sich umso leichter, als sich herausstellte, dass es im Tagungsgebäude nur ein Telefon gab. Vor dem aber stand eine lange Schlange von CSU-Abgeordneten. Im Hotel "Überfahrt" zu telefonieren hielten beide angesichts der lauernden Journalisten für nicht besonders klug. Also vertagten sie den peinlichen Akt bis nach der Pressekonferenz. Strauß schlich sich schließlich davon. Als Zimmermann endlich in seiner Münchener Wohnung ankam, war der Anschluss in Oggersheim ständig besetzt. Kohl musste lange warten, um seinen Zorn an den Mann bringen zu können.

Der Ort, an dem die CSU sich traf, schien für eine Verschwörung wie geschaffen. Der Weg zum schlossähnlichen Gebäude im Hochtal hinter dem Dorf lässt sich durch eine Schranke absperren. Das Ränkespiel besitzt dort Tradition. Schon 1669 enstand am Rand einer weitläufigen Aue das "Alte Bad". Bayerns erster König Max I. ließ es im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts zur prächtigen "Badeanstalt Wildbad Kreuth" mit einem angegliederten Ballsaal erweitern. Heute unterhält die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung dort eine Tagungsstätte. Über dem Tal wabert weiter der Mythos vom "Kreuther-Geist", Jahrgang 1976. Der Name Wildbad Kreuth ist zum Symbol für schwarz-weiß-blaue Widerborstigkeit, Kraft und politische Angriffslust geworden.

Doch das Bild ist schief. Die nüchternen Tatsachen sehen anders aus. Seit 1976 ist in Kreuth - getagt wird seit langem nicht mehr im Herbst, sondern am Beginn eines neuen Jahres - nichts Aufregendes mehr geschen, von Abenden abgesehen, an denen sich die CSU mit Prominenten am Kaminfeuer traf, die gemeinhein nicht unbedingt ihren Anhängern zuzurechnen sind. Vielleicht hat sie aber auch den einen oder anderen, wie Martin Walser oder Wolf Biermann, ein bisschen näher zu sich hingezogen.

Die Basis bekommt Angst

Nach dem sensationellen Beschluss vom Herbst 1976 aber gärte es in der Partei, die so stramm hinter ihrem großen Vorsitzenden ausgerichtet schien. Plötzlich zeigte sich, dass Strauß und die CSU nicht, wie oft geschildert, Ein und Dasselbe waren. Vor allem in den fränkischen und im schwäbischen Bezirken regte sich Widerstand. Schließlich ging es keineswegs allein um die vorgeblich breitere Oppositionsbasis im Bundestag. Der Trennungsbeschluss barg darüber hinaus die Absicht in sich, eine Strategie zu verfolgen, die es der CSU ermöglichen sollte, bei Bundestagswahlen nicht nur in Bayern, sondern - zunächst in Listenverbindungen mit sympatisierenden Organisationen - auch jenseits der Mainlinie auftreten zu können. Wenn aber die CSU außerhalb ihres Stammlandes für ein bürgerlich-konservatives Publikum, dem die CDU zu liberal erschien, wählbar werden sollte, dann musste andererseits auch gelten: Wer die CSU als zu rechtslastig empfindet, aber nicht gleich ins sozial-liberale Lager umschwenken möchte, soll im Freistaat CDU wählen können. Helmut Kohl reagierte, wie er reagieren musste. Er drohte mit dem Einmarsch seiner CDU-Truppen in Bayern.

Plötzlich erkannten viele Mandatsträger, was ihnen bevorstand: der Verlust ihrer Pfründe. Jedem Landtags- und jedem Bundestagskandidaten hätte ein Gegner von der CDU Konkurrenz gemacht und Stimmen weggenommen. Ihre absolute Mehrheit in Bayern hätte die CSU vergessen können. Strauß versuchte, seinen Parteifreunden eine Strategie nahe zu bringen, die er als "Getrennt marschieren, vereint schlagen" kennzeichnete. Wer aber konnte schon garantieren, dass die CSU-Abgeordneten ihre bisher gut gepolsterten Sitze behielten und die CDU nicht auch im bayerischen Landtag die Politik mitbestimmen würde?

Unterdessen drohte ein gereizter und wütender Strauß in den verschiedenen Gremien der CSU, den Vorsitz hinzuschmeißen, falls ihm die Partei auf seinem Weg nicht folgen wolle. Es zeichnete sich ab, dass er nicht nur mit dem Amt des bayerischen Ministerpräsidenten nach dem Ausscheiden Alfons Goppels 1978 liebäugelte, sondern auch Helmut Kohl die Kanzlerkandidatur der Union bei der Bundestagswahl 1980 streitig machen wollte. Bekannt geworden war seine berüchtigte Rede vor der Jungen Union Bayern, in der er den CDU-Vorsitzenden als völlig unfähig für das Amt des Bundeskanzlers bezeichnete. Kohl werde ewig Kandidat, aber niemals Kanzler sein, prophezeite der CSU-Chef auch bei anderer Gelegenheit. Kreuth verursachte eine leidenschaftliche Diskussion über die Ausdehnung der Partei über Bayern hinaus, die auch später immer wieder aufflammen sollte, aber nie zu einem Ergebnis führte. Tatsächlich wurde Strauß 1980 Kanzlerkandidat, aber unter ganz anderen Voraussetzungen, als er sie sich gewünscht hatte. Er unterlag einem als "Macher" populär gewordenen Helmut Schmidt mit deutlichem Abstand.

Drei Wochen lang stritt sich die CSU über den Kreuther Beschluss. Dann siegte die Angst der Basis über die Kühnheit der Gedanken des Großen Vorsitzenden. Am 8. Dezember schien die CDU Ernst zu machen mit dem Einmarsch in Bayern. Am 9. Dezember 1976 verkündete Strauß den Inhalt eines neuen Positionspapiers, den er als "ein Zeichen für mein politisches Potenzial, wie ich in aller Bescheidenheit sagen darf", wertete. Die CSU erklärte sich bereit, mit der CDU über die Wiederherstellung der Fraktionsgemeinschaft zu verhandeln, wenn diese ihrerseits darauf verzichtet, in Bayern einen Landesverband zu gründen und der CSU den gleichen bundesweiten Anspruch zugesteht, wie sich selbst.

Der "Kreuther-Geist" ist längst verduftet. Am 9. Januar werden sie sich auf einem "Festlichen Abend" im Ballsaal von Wildbad Kreuth bei einem Film über die Ereignise, den Friedrich Zimmermann kommentiert, köstlich amüsieren. Was waren das doch noch für Zeiten, als der bayerische Löwe mutig brüllte. Vielleicht schlagen sich manche übermütig auf die Schenkel, auch wenn sie nicht in die Lederhose gestiegen sind. Laptop und Handy besitzen sie heute fast alle. Ob es auch bei Helmut Kohl klingelt?

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