Zeitung Heute : Cyber-Soaps und Avatare bevölkern das Internet

KURT SAGATZ

Content-Provider werden zu Programm-Anbietern / Unterhaltung erhält einen größeren Stellenwert im NetzVON KURT SAGATZDie Story könnte tatsächlich genausogut im Fernsehen laufen.Junge Menschen auf Wohnungssuche kommen bei der Gründung einer Wohngemeinschaft zusammen, lernen sich kennen, lieben und natürlich streiten.Doch "Face to Face" ist mehr als ein Abklatsch von Lindenstraße und Co."F2F" ist vielmehr deren virtuelle Fortsetzung im Internet, eine Cyber-Soap also, bloß daß diese nicht von öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten oder deren privater Konkurrenz, sondern vom Microsoft Network (MSN) produziert und ins Netz gestellt wird. Die Geschichte ist schnell erzählt: Amanda, Gabi, Dieter und Richy üben in ihrer Großstadt-WG das Zusammenleben mit allen Tücken und Verwicklungen.Amanda ist attraktiv und selbstbewußt, Gabi eher unbeholfen und naiv.Auch Dieter und Richy könnten gegensätzlicher nicht sein: Dem introvertierten Dieter steht der charmante Lebenskünstler Richy gegenüber.Die Dialoge sind entsprechend frech, mitunter fragt man sich, ob hier die Männer oder die Frauen die größeren Machos sind. Die Umsetzung der Story als Internet-Geschichte ist gelungen, die Farben grell, die Musik bassbetont.Die Handlung ist bildschirmfüllend.Daß ein Browser im Hintergrund die Seiten einliest, ist nicht mehr zu erkennen.Gleiches gilt für die Gebührenuhr von Telekom und Provider, die fleißig weitertickt.Gesprochene Dialoge und bewegte Bilder läßt die Bandbreite der Internet-Verbindung allerdings nicht zu.Hier mußte auf Comic-Sprechblasen zurückgegriffen werden.Aber das gibt dem Ganzen einen besonderen Reiz.Schade eigentlich, daß nur die ersten Folgen der jeweils am Freitag aktualisierten Geschichte von allen Internet-Nutzern angeklickt werden können.Vom 17.Oktober an kommen nämlich nur die Kunden des MSN in den Genuß der spitzfindigen Dialoge zwischen den WG-Mitgliedern. Der interaktive Reiz der Geschichte besteht darin, daß sich der Zuschauer jeweils eine Person aussuchen kann, aus deren Sicht er die jeweilige Folge erlebt.Die Dialoge bleiben zwar die gleichen, doch zwischen dem, was Amanda, Gabi, Dieter oder Richy denken, bestehen erhebliche Unterschiede, so daß sich ein Personenwechsel durchaus lohnt.Wem das immer noch nicht reicht, der kann sich als Co-Autor versuchen und seine Gedanken über den weiteren Verlauf von "Face to Face" an MSN mailen.Möglicherweise werden ja Teile davon in die Handlung eingebaut. "Face to face" ist die Abkehr der Online-Dienste vom reinen Anbieten von Informationen.Aus den Content-Providern werden mit der Online-Soap Programm-Anbieter, die einen Zwischenweg aus plattem TV-Konsum und interaktivem Info-Zappen gehen wollen.Erste Ansätze dazu waren bereits beim MSN-Konkurrenten AOL zu bewundern.Dort läuft seit geraumer Zeit die amüsante Online-Soap "Die Stubbenhuks", eine Art Online-Fortsetzungsroman, ebenfalls mit viel Witz und ansprechender Optik produziert. Wer - wie Microsoft - neue Wege gehen will, braucht dazu meist auch neue Partner.Im Fall von "Face to Face" ist das zum einem die Berliner Janus Film-Gesellschaft, die für die Entwicklung der Figuren, der Story und der Dialoge verantwortlich zeichnet.Für das Webdesign, also die Umsetzung der Soap-Opera ins Internet-Format, wurde Bavaria Film Interactive hinzugezogen.Microsoft läßt sich die Hinwendung zu neuen Internet-Inhalten einiges kosten, zumal mit "Face to Face" auch die Leistungsfähigkeit des neuen Internet Explorers 4.0 unter Beweis gestellt werden soll.Kein Wunder also, daß der Start der Seifenoper mit der Erstellung der endgültigen Version des neuen Netzbrowsers zusammenfällt. Die Online-Dienste haben erkannt, daß sich das Internet nicht nur zum Informationstransport, sondern auch als Unterhaltungskanal nutzen läßt.Auch die klassischen elektronischen Medien setzen deshalb verstärkt auf das Netz.Das ZDF, Kooperationspartner von Microsoft, ist nun mit der Zeitschrift "Max" eine ungewöhnliche Patenschaft eingegangen.Gemeinsam fordern sie ihre Zuschauer und Leser dazu auf, für das virtuelle Wesen "X-23" - einen smarten jungen Mann, der als Software im Internet lebt (www.x-23.com) - einen Namen zu suchen.Ein Bild des Avatars konnten sich die ZDF-Zuschauer bereits machen.In der Sendung "Netnite" wurde unlängst ein Interview mit "X-23" ausgestrahlt, in dem er zu Tamagotchis, Fin Fin, Kyoko Date, Lara Croft und anderen virtuellen Wesen Stellung nahm.

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