Zeitung Heute : Cyberspace mit menschlichem Antlitz

KURT SAGATZ

Die Visualisierungsexperten von Art + Com wollen Computerwelten zugänglicher gestalten VON KURT SAGATZ

-Wenn im Vorführraum von Art + Com an der Budapester Straße die Projektionsleinwand das Fenster verdeckt, tauchen die Betrachter in übergroße virtuelle Welten ein, rasen aus Satellitenperspektive über den Globus oder treten eine digitale Zeitreise an.Gestochen scharfe Computerbilder huschen ruckelfrei über den künstlichen Horizont.Entfernungen spielen dabei eine ebenso untergeordnete Rolle wie Jahreszahlen.Was zählt ist nackte Rechenpower und die Kompetenz, die Hochleistungsmaschinen von Silicon Graphics zur Visualisierung ökonomisch zu nutzen. Art + Com ist 1988 als Verein für rechnergestütztes Darstellen und Gestalten gegründet worden.Um wirtschaftlich besser agieren zu können, entstand daraus 1995 die Art + Com Medientechnologie und Gestaltung GmbH, die von zwei Geschäftsführern geleitet wird.Darüber, quasi als Aufsichtsrat, sitzt noch eine Gesellschaft, in der die 16 Kompetenzträger des ehemaligen Vereins als Gesellschafter vertreten sind.Insgesamt beschäftigt Art + Com 40 festangestellte Mitarbeiter, rund dreimal so viele wie noch vor zwei Jahren.In der Firma treffen Informatiker auf Gestalter, Naturwissenschaftler auf Architekten und Techniker und Künstler, um an gemeinsamen Projekten mitzuwirken.Der Umsatz betrug 1996 rund vier Millionen DM, dieses Jahr sollen es nach Einschätzung von Geschäftsführer Rainer Thiem mindestens sechs Millionen werden.Doch nicht nur die Umsatzsteigerungen sind exorbitant, auch für Investitionen müssen jährlich rund 1,5 Millionen DM ausgegeben werden, um technisch auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Der Großteil des Umsatzes entfällt nach wie vor auf die Bereiche Visualisierung und Bildbearbeitung.Firmen wie die Telekom oder Siemens Nixdorf haben längst erkannt, wie wichtig die zeitgemäße Darstellung der Unternehmensziele im Multimediaformat ist.Für den Börsengang der Telekom AG realisierten die Berliner Visualisierungsexperten einen virtuellen Flug zu den Börsengebäuden in Frankfurt und New York, der auf großen Projektionsflächen zu verfolgen war.Auch Siemens Nixdorf entschied sich für einen virtuellen Rundflug um den Globus, um darzustellen, wo und auf welchen Geschäftsfeldern das Unternehmen weltweit tätig ist.Zu sehen war die interaktive Projektion auf der CeBIT 96 und der einzige Wermutstropfen für den Auftaggeber war, daß man zur Realisierung auf Maschinen von SGI zurückgreifen mußte. Für Art + Com sind Aufträge wie diese - jedes Jahr werden durchschnittlich vier Produktionen erledigt - eine wichtige Einnahmequelle.Denn derart aufwendige computergestützte Darstellungen haben ihren Preis: Der CeBIT-Messeauftrag von SNI, der bei Art + Com acht Wochen lang durchschnittlich sechs Leute beschäftigte, schlug am Ende mit 350 000 DM zu Buche. Neben der Visualisierung wird für das noch junge Unternehmen ein anderer Bereich immer wichtiger: Die Entwicklung geeigneter Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine.Firmen wie Mercedes-Benz müssen sich darauf einstellen, daß sich der Kunde von morgen vor einer Kaufentscheidung sehr ausführlich über digitale Medien informieren will und zudem Wert auf individuelle Ausstattung legen wird.Im Auftrag der Stuttgarter Autobauer machen sich die Berliner darum Gedanken, wie diese Zielsetzung im Rahmen eines virtuellen Verkaufsraums aussehen könnte. Die Entwicklung einer digitalen Medienzukunft steht auch bei einem Projekt in Kooperation mit dem ORB im Mittelpunkt.Hier geht es um die Einsicht, daß künftig gleiche Inhalte für verschiedenste Medien wie Hörfunk, Fernsehen und Internet nutzbar gemacht werden müssen.Neben den technischen Voraussetzungen sollen dazu entsprechende Konzepte für die künftige transmediale Redaktion entworfen werden.Die Möglichkeiten der vernetzten Welt sind auch für das Projekt Picture Pool die Basis.Zusammen mit dem Ex-Südostasien-Korrespondenten der ARD, Matthias Woestmann, wollen die Berliner eine neue Form des Filmhandels via Internet begründen.Der Prototyp der dafür notwendigen Technik liegt bereits vor, nun müssen die Sendeanstalten überzeugt werden. Das Wunderbare an der neuen digitalen Welt, die in der Budapester Straße entsteht, ist jedoch, daß alles ineinandergreift.Denn zwischen Arbeiten wie CyberCity Berlin oder dem Telekom-Börsengang wird über das Art+Com-Projekt Terravision auf dem virtuellen Computerglobus eine anschauliche Verbindung hergestellt.Neben Berlin, Frankfurt und New York kann dort bereits San Fancisco und Tokio dank digitalisierter Übersetzung angeflogen und erkundet werden - natürlich dreidimensional.Und mit jedem neuen Auftrag wird das Computerabbild der Welt naturgetreuer.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben