Cyberwar : Computer in Flammen

30.05.2012 00:00 Uhrvon
Es werde Licht. Ausschnitt des Quellcodes von dem Computervirus Flame. Foto: dpa Foto: dpa
Es werde Licht. Ausschnitt des Quellcodes von dem Computervirus Flame. Foto: dpa - Foto: dpa

Update Nach Stuxnet und Duqu: Ein neues Super-Virus namens Flame verschreckt die Welt. Inzwischen haben sich sogar die Vereinten Nationen eingeschaltet.

Täglich gibt es Millionen neue Viren, einige jedoch haben weltpolitische Bedeutung. Sich mit letzteren auseinanderzusetzen, gehört zu den Aufgaben von Boldizsár Bencsáth. Er ist Assistenzprofessor an der Universität Budapest und gehört zum CrySyS Lab, das sich mit Kryptografie und Systemsicherheit und dabei auch mit Computerviren beschäftigt. Eines der Großviren war vor zwei Jahren Stuxnet. Und jetzt ist ein Nachfolger unterwegs: Flame. Nach dem, was Bencsáth und seine Experten bisher wissen, ist das Virus nicht nur gegen Ziele im Iran, sondern im ganzen Nahen Osten gerichtet. „Es spricht viel dafür, dass Flame von einem Staat oder einem staatlichen Geheimdienst stammt“, sagte er dem Tagesspiegel.

Wurde also im Cyberwar ein neues Kapitel aufgeschlagen? Hat das Kriegführen mittels Informationstechnik eine neue Qualität erreicht?

Den Urheber können weder das Team der Budapester Universität noch die kommerziellen Antivirenspezialisten der Firmen Kaspersky oder Symantec liefern. Doch das müssen sie nach einem Zwischenruf aus Israel vielleicht auch gar nicht mehr. „Für jedes Land, das sich durch die Atombestrebungen des Iran bedroht fühlt, ist der Einsatz eines Virus sinnvoll“, sagte Vize-Regierungschef Mosche Jaalon am Dienstag im israelischen Armee-Rundfunk. Und: „Israel ist gesegnet, ein technologisch reiches Land zu sein.“ Viren wie Flame eröffneten ihnen „alle Möglichkeiten“. Eine offizielle Bestätigung ist dies freilich noch nicht.

Vor zwei Jahren hatte Stuxnet Anlagen des iranischen Atomprogramms angegriffen. Das Virus war mit extrem hohem Aufwand programmiert worden. Die Entwickler benötigten genaue Kenntnisse von Windows-Systemen und Einblicke in industrielle Steuerungsanlagen von Siemens. Das Virus hatte mehrere bis dahin unbekannte Sicherheitslücken ausgenutzt. Auch Flame ist technisch höchst niveauvoll: Das Virus mit seinen 20 Modulen wurde mit fünf unterschiedlichen Verschlüsselungsverfahren gesichert, mit drei unterschiedlichen Komprimierungsmethoden verkleinert und in fünf verschiedenen Datenformaten gespeichert. Das haben die Budapester herausgefunden. Flame kann Fotos vom Bildschirm machen, den Computer gezielt nach Dokumenten durchsuchen und ein eingebautes Mikrofon aktivieren, um Gespräche aufzuzeichnen.

Nach Meinung des deutschen Sicherheitsexperten Frank Boldewin aus Münster handelt es sich jedoch nicht um eine besonders gefährliche oder ganz neue Konstruktion. „Diese Schadsoftware setzt nur auf bereits bekannte Module“, sagt Boldewin. Flame habe längst nicht die Qualität von Stuxnet oder Duqu. Letzterer befiel im Herbst 2011 quasi als „kleiner Bruder“ von Stuxnet Firmenrechner, ohne dass sein Zweck klar geworden wäre. Er, Boldewin, habe eher den Eindruck, der Fund werde „von den Sicherheitsfirmen benutzt, um wieder mehr auf ihre Produkte aufmerksam zu machen“. Auch Teheran möchte die Bedeutung von Flame herunterspielen. Es stehe eine Anti-Virus-Software bereit, teilte das Kommunikationsministerium mit. Tatsächlich ist mit der Identifizierung des Virus die größte Gefahr gebannt. Privatcomputer seien ohnehin nicht betroffen, teilten deutsche Behörden mit.

Dafür, dass Stuxnet, Duqu und Flame nicht die Letzten ihrer Art sind, spricht eine Äußerung von Hillary Clinton. Vor wenigen Tagen hatte die US-Außenministerin geschildert, wie Regierung, Geheimdienste und Militär eine Werbeseite für Al Qaida im Jemen gehackt und die Inhalte durch Warnungen über die Folgen von terroristischen Aktionen ersetzt hatten. Clinton zufolge überwacht die US-Regierung verdächtige Blogs, Foren und Webseiten und ist in der Lage, deren Inhalte innerhalb von 48 Stunden auszutauschen. Das zumindest ist eine neue Qualität.

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