Zeitung Heute : Cyberwar: Pöbeln beim Bill Gates von China

BURKHARD SCHRÖDER

Steht ein Hackerkrieg zwischen den USA und China bevor? Die Anzeichen mehren sich, dass die Behauptung amerikanischer Geheimdienste, ihre Websites seien immer öfter Ziel chinesischer Hacker, Propagandagetöse und ein Medienhype ist. Der vermeintliche "Cyberwar" zwischen den USA und China war eskaliert, nachdem ein chinesischer Abfangjäger am 1. April mit einem US-Spionageflugzeug kollidiert war. Der chinesische Pilot kam dabei ums Leben. Die Regierung in Peking machte die USA für den Vorfall verantwortlich. Schon wenige Tage nach dem Tod des Piloten wurde eine Gedenk-Website für Wang Wei eröffnet, in deren Gästebuch sich US-Amerikaner und Chinesen gegenseitig anpöbelten.

Auf der Website des "Pacific Bussiness Center" in Guangzhou ( www.cnhonker.com ) kündigte eine ominöse Gruppe "Honkers Union of China" Angriffe gegen Websites in den USA für die erste Maiwoche an. Cnhonker.com ist jedoch Kunde beim größten chinesischen Domain-Verwalter "Civilink International Information Technology". Dessen Besitzer Forrest Zhang wird der "Bill Gates von China" genannt. Die chinesische Regierung zwingt alle Provider, Filter einzusetzen, damit Inhalte, die der offiziellen Regierungsmeinung widersprechen, den Surfern nicht angezeigt werden. Jeder Hacker in China wird mit hohen Gefängnisstrafen bedroht. China besitzt nur eine begrenzte Anzahl von Internet-Zugängen mit schmaler Bandbreite und nur wenige direkte Zugänge in die USA. Chinesische Hacker, die ihre Aktionen auf einer offiziellen Website ankündigen, sind kaum denkbar.

Im April verkündete dennoch das FBI, die Zahl der Attacken auf US-Websites und Mailserver habe zugenommen. In der ersten Maiwoche hätten chinesische Hacker "mehrere Websites verändert" und anti-amerikanische Botschaften hinterlassen. Das US-Kommando im Pazifik ordnete erhöhte Alarmbereitschaft für Informationssysteme an. Das Online-Magazin Wired titelte: "Stehen wir vor dem Cyberweltkrieg I?" Die Nachrichtenagentur Xinhua meldete, sowohl in China als auch in Taiwan seien am 30. April und am 1. Mai mehr als 600 Websites gehackt worden, in den USA jedoch nur 100. In China gebe es wenig Experten für Internet-Sicherheit, und die Sicherheit werde nicht ernst genug genommen.

Das ist kein Problem, mit dem nur China zu kämpfen hätte. Ein Computer, der mit dem Internet verbunden ist, kann sicher sicher gemacht werden, wenn man es will. Angriffe von Hackern sind nur dann möglich, wenn die Rechner, auf die sie zugreifen, schlecht konfiguriert sind oder mit Programmen laufen, die Sicherheitslücken haben. Wer behauptet, Hacker hätten seine Computer lahmgelegt, setzt sich dem Verdacht aus, nur verbergen zu wollen, dass der Verantwortliche Wissenslücken beim Thema Sicherheit hat.

Das gilt für das US-amerikanische Gesundheitsministerium, dessen Website jüngst gehackt wurde, wie für den den hessischen Provider ICC. Angeblich seien mehr als 300 Homepages, die die Firma verwaltet, in der Nacht zum 2. Mai "das Ziel chinesischer Hacker-Angriffe" gewesen, so Hendrik Bischoff, der Chef-Verwalter des Unternehmens. Es seien zwei Windows-NT-Systeme ausgefallen. Das Lofiles haben einen Provider aus Peking als "Ausgangspunkt der Angriffe" ausgewiesen. Das darf bezweifelt werden: Ein Hacker, der kein blutiger Anfänger ist, wird kaum die eigene Rechnerkennung - die IP-Adresse - verraten.

Woher die Chinesen das Wissen haben könnten, westliche Rechner zu schädigen, ermittelte das Wall Street Journal: 1999 übergaben drei große amerikanischen Firmen für Computersicherheit der chinesischen Regierung mehr als 300 der gefährlichsten Programme, die Computer schädigen können. Die Unternehmen erhielten als Gegenleistung die Erlaubnis, ihre Produkte in China zu vermarkten. William Reinsch, Staatssekretär im Handelsministerium der USA, kündigte an, die Regierung Bush werde überlegen, ob der Export dieser gefährlichen Software in Zukunft eingeschränkt werden solle.

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