Zeitung Heute : "Da flippen die Leute aus"

MICHAEL PILZ

Jam-Sessions sind wieder in Mode, es gibt Dutzende von neuen Bands und das Publikum wird auch immer jünger: Jazz-Renaissance in BerlinVON MICHAEL PILZBerlin, Herbst 1997.Im Lichtspielhaus gewesen.Einen Film über die Plattenfirma "Blue Note" gesehen.Historisch gefühlt und erfahren, daß der moderne Jazz ohne einen Berliner Juden ein anderer wäre: Alfred Löwe.Er war in den 20er Jahren zum Jazz bekehrt worden, um später als Alfred Lion im New Yorker Exil das Label "Blue Note" zu gründen und der Nachwelt sein Verdikt zu hinterlassen: "It must schwing!" "Jatz", sagte man in Berlin.Und vom dienstältesten Berliner Jazzmusiker, dem Gitarristen Coco Schumann, ist heute zu erfahren, daß hier einmal der Jazz geblüht habe: "Im Gegensatz zu damals ist das heute Provinz", hat er gesagt und erzählt von der Lokaldichte der 30er und dem fröhlichen Trümmerjazz in den 40ern.Berlin hat ihm eine Büste gestiftet und ihn vor Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz versehen.Volker Hassemer, damals noch Senator, hat die Treue des KZ-Überlebenden Schumann zur Stadt gewürdigt. Hassemer, derzeit Gesellschafter der "Partner für Berlin", wird nun wieder etwas tun für den lokalen Jazz: Er wird eine größere Plattenlieferung erhalten und an seine Klienten verteilen."Berlin Jazz Sampler 1998" heißt die CD, die der Verein "Jazz Services" herstellen läßt.Einer seiner Gründer, der Saxophonist Joachim Litty, sieht eine "konzertierte, griffige Aktion" vor, um "der Szene Öffentlichkeit zu verschaffen".Der Sampler wird im Dezember mit den Karten zum Jazz Focus gereicht, einer Konzertreihe, bei der sich die Szene jährlich auf den Nabel schaut.Er wird weit verschickt werden, um die Musik von Jazz Indeed und Michael Schiefel, von Frigg und Willekes Wille über die Stadtgrenzen hinauszutragen.Denn es geht das Gerücht, Berlin sei wieder eine Jazzmetropole.Sei zumindest auf dem Weg dorthin.Berlin, die Jazz-Metropole? Wir wollen sie suchen. Und finden vielerlei: eine unüberschaubare Konzertmenge mit unzähligen Zuhörern.Global berühmte Wahlberliner und Stipendien akademischer Austauschdienste.Ein kommerzielles Jazz-Radio auf UKW.Jazz bei Schultheiß, in vielen Klubs, darunter Parkhaus, Quasimodo, Schlot, Badenscher Hof, A Trane, B-flat.Das Jazzfest, ein Event wie ihn der Jazz nötig hat als Marginalie im Musikgeschäft.Total Music Meeting, Jazz In July oder Jazz Across The Border.So.Macht das die Metropole? Die Summe ihrer Instanzen, auch wenn sich das Klotzen und Kleckern nicht niederschlägt im Stil und wenig abstrahlt in die Welt? Joachim Litty, der lange in New York war, sagt: "Die Berliner Szene krankte an ihrem Negativimage, daß die Insellage eine überregionale Bedeutung verhindert habe und daß sie vornehmlich damit beschäftigt sei, Subventionen abzugreifen." Frigg und Willekes Wille - zwei Bands, die auffallen an den Rändern des örtlichen Mainstreams.Der Saxophonist Claas Willeke schreibt melodieselige, dabei kontrastreiche und komplexe Stücke für sein Quintett."Kompliziertes, das hörbar sein soll", erklärt er seine Musik, die mitunter erinnert an Ornette Colemans junge Adepten in Amerika.Die Gruppe Frigg ließ ihr Album "Dust Diary" in New York produzieren, spielte in der Knitting Factory und klingt auch so: Sie pflegt die Stilbrüche des No Wave und hat dessen Energien ersetzt durch makelloses Handwerk, Notentreue auf der Bühne und Titel wie "Dönerfressing Woman".Frigg gab im Frühjahr ein Konzert, bei dem das Chamäleon übersichtlich gefüllt blieb - trotz hymnischer Berichterstattung im voraus.Unberechenbares Publikum.Es verjüngt sich, wird dem angestammten Jazzvolk zunehmend unähnlich.Manchmal schiebt es sich in die Klubs.Bisweilen ignoriert es das Große.Ingo Bauer, der für seine exquisiten Konzerte im "Peter Edel" weltweit Lob erfuhr, gab mangels lokalen Zuspruchs auf, als die Subvention versiegte.Als im Sommer die Free Jazz-Ikone Derek Bailey mit dem DJ Soul Slinger im Haus der Kulturen der Welt gastierte, flohen die wenigen Zuschauer vor dem überraschend gelungenen Crossover.Ernüchternde Ortstermine, die immer wieder zweifeln lassen am sagenhaften neuen Jazzenthusiasmus. Dafür lädt die Szene wieder auffallend häufig zur Session."Jam Session", staunt Giorgio Cariotie vom ehrwürdigen Quasimodo, "scheint ein magisches Wort zu sein.Da flippen die Leute aus." Die zwanglose Zusammenkunft auf der Bühne, unentgeltlich und bei freiem Eintritt, als Mission: Cariotie spricht vom Generationswechsel und von Schwellenängsten beim Besuch teurer Konzerte.Mittwochs: Jam Session.Dienstags: Berliner Szene, umsonst und drinnen, bei zurückhaltender Gage.Was dem Betreiber Vorwürfe eingträgt, vor allem den Ausschank steigern zu wollen."Ein Zuschußgeschäft", sagt der, in der Hoffung auf künftige Rendite: "Wir wollen den Kontakt zu dieser kreativen Szene nicht verlieren.Doch es ist keine ABM.Es geht um Musik." Im Quasimodo bläst Axel "Glenn" Müller mit seinem "10-Pack": weniger ambitionierter Jazz als vielmehr gute Unterhaltung. Im Tränenpalast steht ein magerer Gesangssolist auf der Bühne, der Michael Schiefel heißt und mit Geräten und Pedalen - "Invisible Loop" - seine Stimme verfremdet und verdoppelt.Gesang zwischen Doo Wop und Kastratenkunst, mit Scat und Soul.Zwischen Jazz und Kleinkunst. Auch Claas Willeke erklärt: "Vielleicht gehört das Entertainment zum Berliner Sound.Der entwickelt sich: kräftig, urban, sich öffnend für Elektronik.Vielleicht ist das auch nur eine Hoffnung von mir." Vielleicht war auch das "Berlin Songbook" des Bassisten Sigi Busch eine Art Lokalsound.Womöglich die "German Songs" des sehr überschwenglich gefeierten Trompeters Till Brönner.Wenn es denn überhaupt spezifische Szenesounds geben sollte jenseits aller Medienphantome. Claas Willeke ist gern in Übersee."Die haben Power, sind nicht kreativer.Aber die machen." Willeke macht.Ein mit kompositorischem Talent und neoliberalem Schwung gesegneter Saxophonist, der "Business" sagt und "Investieren".Er kennt Begriffe wie "Risikopotential" und hält dabei wenig von der Roßkur knapperer Zuwendungen von öffentlicher Hand.Jazz hätte mehr Geld verdient, sagt er, weil er mehr Publikum gewinne als die Oper.Vermutlich kommt der Senat deshalb zum Schluß, die Förderung dürfe bescheidener ausfallen. Werfen wir einen Blick in die sich leerenden Landestöpfe dieses Jahres.Darin: Jazzförderung von etwa einer Million DM.Eine Portion für das JazzFest (405 000 DM), ein Häppchen für Jazz Across The Border (62 000 DM).Freie Gruppen bekommen 270 000 DM.Beträchtliche 224 000 DM immerhin für FMP, die Free Music Production. Ja, die improvisierte Musik in Berlin.Sie hegt ihr Total Music Meeting als Gegenkult zum herausragenden JazzFest, das sich seinerseits behaupten muß gegen mehr Festivals in Deutschland.Die Improvisatoren haben, ex oriente lux, hervorragende Musiker aus dem Osten eingemeindet.Sie ziehen aufgeschlossene Auditorien in schäbige Schuppen, die "Eimer" heißen oder "Anorak".Berlin sei die Hauptstadt der Improvisation sagt Steve Lacy jedem, der ihm vor sein Saxophon läuft.Der Amerikaner ist hier über den DAAD wie zuletzt Cecil Taylor oder David Moss.Andere wie Jean-Paul Bourelly kamen ohne den Anreiz eines Stipendiums; auch der kalifornische Trompeter Paul Brody, der den Berliner Jazz so sehr liebt, daß er ihn milde schilt für seine Scheingefechte und eine Vereinsmeierei, die ihm als deutsches Kulturgut erscheinen muß. Wir zählen: "Jazz Services", "um der Szene eine Corporate Identity zu geben" (Litty)."Jazz Forum", für den "Informationsaustausch" (Willeke)."Jazz Front", die nach ziellosem Streit allenfalls noch in der Lage ist, Jazz Focus zu veranstalten.Joachim Litty, im Hauptberuf Leiter der Landesmusikakademie, spricht von einer "Verbürgerlichung der Musik".Ein Jazz, der sich in Berlin maßgeblich aus zwei Hochschulen speist.Der Posaunist Jiggs Whigham, der neben der RIAS Big Band seinen Fachbereich an der Hochschule "Hanns Eisler" leitet, bevorzugt die solide Ausbildung zum Berufsmusikanten.Der Vibraphonist David Friedman fördert an der HdK neben dem Handwerk das impulsiv Schöpferische.Da lehren Idole wie der Schlagzeuger Jerry Granelli, der seine Schutzbefohlenen gern zeitig aus dem Elfenbeinturm auf die Bühnen schickt.Hinaus in den Jazz. Wir wollen die Metropole suchen, und mitunter sehen wir den Wald vor Bäumen nicht.Ein Dschungel, dessen erfreuliche Artenvielfalt immer gefährdet scheint von stadttypischen Unwesen: Lethargie, Sparwut, Fraktionskämpfe, Eklektizismus.Und jene folkloristische Sehnsucht nach Jatz und Schwing.

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