Zeitung Heute : Da graut es selbst der Mafia

Thomas Migge

Nicolao hat nicht geschlafen, nur gedöst, und das war sein Glück. Hätte er geschlafen, dann hätte er nicht gehört, dass sich die beiden Männer im Auto unterhielten. Über eine Klinik in Tschechien. Und über seine Organe. Über Herz, Leber und Nieren. Organe, die auf dem illegalen und internationalen Markt viel Geld wert sind. Vor allem, wenn sie von einem jungen und gesunden Menschen stammen. Von einem wie Nicolao.

Nicolao ist 14, aufgewachsen in Moldawien. Vor zwei Monaten hatten ihn die beiden Männer in seinem Heimatdorf angesprochen. Hatten ihm Arbeit und Geld geboten, wenn er mit ihnen nach Italien kommen würde. Mit Geld, dachte der Junge, könnte er seinen in Armut lebenden Eltern helfen. Er vertraute den Männern, sie waren Moldawier wie er, und sie trugen teuer aussehende dunkle Zweireiher. Nicolao packte seine Habseligkeiten und stieg in den Wagen der Fremden.

Als eine Polizeistreife den heruntergekommenen, völlig abgemagerten und fiebernden Jungen in einem Vorort der nordostitalienischen Stadt Padua aufgriff, wollten ihm die Beamten seine Geschichte zunächst nicht glauben. Denn sie glich allzu sehr jenen bekannten, abenteuerlichen Horrorstories über Organhändler, die seit Jahren kursieren. Doch je mehr Nicolao in die Details ging, um so glaubwürdiger erschien er den Polizisten. Er erzählte, wie er das Gespräch seiner Entführer mit anhören konnte, weil die beiden glaubten, dass er schlief. Wie ihm seine Situation klar wurde und wie er dann während einer Toilettenpause floh. Irgendwie hat er sich per Anhalter bis nach Padua durchgeschlagen. Er wusste, dass in dieser Stadt viele Moldawier Arbeit gefunden haben. Denn Padua ist eine reiche Stadt. Zu seinen Eltern wollte er nicht zurück. Aus Angst vor den beiden Männern, die ihn dort suchen könnten. Seit einigen Tagen lebt Nicolao nun in einem Kinderheim in Padua und geht zur Schule.

Mehr ist von Nicolaos Geschichte nicht bekannt. Die italienische Justiz hält alle weiteren Informationen unter Verschluss. Aber seine Erlebnisse sind nicht einzigartig. "Dieser Junge hat unglaubliches Glück gehabt", sagt Roberto Salvan, Direktor der italienischen Niederlassung der Kinderhilfsorganisation Unicef. "Die meisten anderen Kinder und Jugendlichen, die in die Hände solcher Herrschaften gelangen, landen direkt auf irgendeinem Operationstisch." Und dann geht alles rasend schnell, sagt Salvan. Die entnommenen Organe werden eingefroren und sofort zu ihrem Bestimmungsort gebracht. Dort warten Ärzte schon auf die neue Ware, um sie ihren Patienten einzupflanzen.

Spurlos verschwunden

Roberto Salvan kennt viele dieser grausamen Geschichten. Und er kennt die Wege des Organhandels. Sie führen vor allem von Ost- nach Westeuropa. Die Kriminellen fänden die jungen Opfer für die unfreiwillige Organspende vorwiegend bei den Armen im Osten. Aber auch Italien gehöre zum Netz der Organhändler, "denn hier bei uns hat die organisierte Kriminalität, die Mafia, die Hände im Spiel".

Einer der jüngsten Untersuchungsberichte der italienischen Anti-Mafia-Polizei dokumentiert die dunklen Geschäfte der Organ-Mafia in Italien. Demnach arbeiten die Mafiosi direkt mit korrupten Ärzten zusammen, vor allem in Privatkliniken. Auf Spender-Herzen, -Lebern oder -Nieren muss man oft lange warten, wenn alles legal zugehen soll. Deshalb geben die Mediziner für zahlungskräftige Kunden bei der Mafia Bestellungen auf. Ausländische Clans besorgen dann die gewünschten Organe meist in Osteuropa, in Indien, in Lateinamerika, in Nordafrika und in der Türkei.

Jedes Jahr verschwinden aber auch in Italien aus unerklärlichen Gründen mehrere Dutzend Kinder, fast immer in ländlichen Regionen und überdurchschnittlich häufig in Süditalien. Die Ermittlungsbehörden sind ratlos. Die Kinder verschwinden spurlos, Leichen werden nie gefunden. Der ehemalige Präsident der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, Ottaviano Del Turco, schließt nicht aus, dass diese Kinder von der italienischen Mafia entführt werden, um ebenfalls bei einem skrupellosen Arzt auf dem Operationstisch zu landen.

Unicef-Untersuchungen haben ergeben, dass sich mit dem Organhandel mehr Geld verdienen lässt als mit Drogen- oder Waffengeschäften. Und das Risiko für die kriminellen Clans ist bedeutend geringer. "Die Polizei bekämpft den Handel mit Drogen und Waffen immer stärker", sagt der Mafia-Experte und Soziologe Pino Arlacchi, "aber um den Organhandel kümmert sich keiner." Außerdem wachse die Nachfrage nach neuen Organen stetig.

Arlacchi und Unicef-Direktor Salvan fordern deshalb die italienische Regierung auf, verstärkt gegen die Organ-Mafia vorzugehen. Das Problem ist, glaubt Roberto Salvan, "dass es genügend Mafiosi gibt, die über den Handel mit Waffen und Drogen der Polizei gegenüber auspacken". Über den Handel mit Organen von Kindern zu sprechen seien dagegen nur sehr wenige bereit. Weil sie sich schämen, vermutet Salvan: "Anscheinend handelt es sich bei dieser Art von Geschäften um etwas, das sogar abgebrühte Bosse, die ja fast alle selbst Familienväter sind, im Grunde ihres Herzens nicht kalt lässt."

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