Zeitung Heute : Da haben die Dornen Rosen getragen

Gute Gründe, warum Kenia ein blühendes Land sein könnte, nur noch nicht gleich – und was das mit deutschen Blumenhändlern zu tun hat

Dagmar Dehmer

Kenia müsste nicht arm sein, wäre das Land nicht mehr als 20 Jahre lang so schlecht regiert worden. Denn das Land hat eine bedeutende Tourismusindustrie, die vor allem an der Küste eine große Rolle spielt. Aber auch die Nationalparks im Land werden gern von ausländischen Reisenden besucht. Allein aus Deutschland waren es im Jahr 2001 knapp 180000 Touristen, insgesamt kamen 742000 ausländische Besucher. Und das, obwohl das Land eine Vielzahl von ökologischen Problemen zu lösen hat. Das größte: Wassermangel. Es gibt Regionen vor allem im Süden des Landes, in denen es seit Jahren nicht mehr geregnet hat. Ob der Klimawandel schuld ist, oder ob es Spätfolgen des Klimaphänomens El Nino sind, weiß niemand. Ganze Landstriche verwandeln sich in Wüsten. Weil der kenianischen Nationalparkverwaltung das Geld fehlt, gelingt es zudem immer schlechter, Wilderer daran zu hindern, Elefanten oder Nashörner zu jagen.

Neben dem Tourismus verfügt Kenia über eine bedeutende landwirtschaftliche Exportwirtschaft. Das Land produziert einen der besten Kaffees der Welt; es werden ausschließlich Arabica-Sorten von hoher Qualität angebaut. Allerdings leidet Kenia nicht nur unter dem seit Mitte der 90er Jahre stetig sinkenden Weltmarktpreis für Kaffee. Kenia leistet sich auch eine eher wirtschaftsfeindliche Kaffeegesetzgebung, über deren Reform seit etwa zehn Jahren gestritten wird. So muss die gesamte Kaffeeernte bei einer zentralen Auktion der staatlichen Kaffeebehörde versteigert werden. Bessere Verträge, unter anderem für ökologisch erzeugten Kaffee werden so verhindert – oder illegal abgeschlossen. Auch der Teewirtschaft ist es schon besser gegangen. Beide Wirtschaftszweige litten unter der zunehmenden Isolierung der Regierung von Daniel Arap Moi in ihren letzten Jahren.

Mit dem Regierungswechsel hofft auch die Landwirtschaft auf bessere Exportbedingungen. Zu einem der wichtigsten Exportgüter sind Ende der 80er Jahre Rosen geworden. Ein Großteil der in den Blumenläden Europas verkauften Rosen kommen aus Kenia. Der einzige Direktflug, den die Lufthansa zwischen Kenia und Frankfurt anbietet, ist eine Cargomaschine für Rosen.

Kenias Auslandsschulden lagen Ende 2002 bei 5,6 Milliarden US-Dollar. Das Haushaltsdefizit im Jahr 2003 lag folgerichtig bei sieben Prozent, was den Schuldenstand sogar leicht erhöhen dürfte. Das Land leistet sich viel zu viele Staatsbedienstete. Etwa die Hälfte der gesamten Ausgaben sind Gehälter, die noch dazu eher kümmerlich sind. Trotzdem beträgt die Arbeitslosenquote 40 Prozent. Wer in Kenia Arbeit hat, hat die wahrscheinlich beim Staat oder im so genannten informellen Sektor – bezahlt wenig oder keine Steuern.

Im ersten Jahr der demokratisch gewählten Regierung von Mwai Kibaki ist die kenianische Wirtschaft um 1,8 Prozent gewachsen. Weniger als Ökonomen erwartet hatten. Grund waren vor allem amerikanische und britische Reisewarnungen im Frühjahr. Erst vor wenigen Wochen hat Deutschland eine Reisewarnung ausgesprochen, weil Anschläge erwartet worden waren. Im Jahr 1998 war die US-Botschaft in Nairobi von Al- Qaida-Terroristen gesprengt worden, hunderte von Kenianern starben. Im Jahr 2002 wurde ein Hotel an der Küste angegriffen, in dem vor allem israelische Touristen wohnten. Seither hat es keine terroristischen Angriffe mehr gegeben. Dabei ist Kenia von Bürgerkriegsstaaten umgeben: Somalia und Sudan im Norden, im Westen Uganda. Daraus ergeben sich Sicherheitsprobleme, mit deren Bewältigung sich die kenianische Regierung sichtlich schwer tut.

Die Lebenserwartung in dem ostafrikanischen Land ist in den vergangenen 20 Jahren auf 47 Jahre gesunken. Der Grund: Aids. 20 Prozent der Bevölkerung sind mit dem HI-Virus infiziert. Der Vizepräsident Michael Wamalwa ist im August an Aids gestorben – ein offenes Geheimnis in Kenia, auch wenn die Todesursache mit einer weniger anstößigen Krankheit angegeben wurde. Dennoch bereitet die Aids-Aufklärung Gesundheitsministerin, Charity Ngilu, große Probleme. Die kenianische Gesellschaft ist konservativ und über Sex spricht man nicht. Ngilu erzählt: „Wenn ich in den Dörfern erkläre, wie man ein Kondom benutzt, gucken alle weg.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar