Zeitung Heute : Da helfen keine Pillen: Die weißen Kittel fallen

KATJA FÜCHSEL

Politische Demonstration oder kommerzielles Spektakel? Elf Jahre rieben sich die Behörden mit den Veranstaltern an dieser leidigen Frage, nun allerdings scheint sie endgültig geklärt. Sollte Dr. Motte wieder einmal Probleme mit der Senatsverwaltung bekommen, kann er getrost auf die hopsenden Schwestern und Ärzte vom Krankenhaus Moabit verweisen. Sie nämlich bringen in diesem Jahr die politische Botschaft in die Techno-Parade: "Tanzen für die Erhaltung unseres Krankenhauses" heißt es während des Umzuges auf ihrem Wagen, der "Love-Ambulance".

Die weißen Ärztekittel sollen auf Patienten zuweilen eine stark erotisierende Wirkung haben, am Tag der Love Parade bleiben sie trotzdem im Schrank. Mit kurzen Hosen und freiem Bauchnabel, roten, grünen und blauen Perücken ravten zumindest die Damen gestern bei der Generalprobe auf dem 18 Meter langen Boxenwagen auf dem Hof des Krankenhauses. "Überwiegend tanzen Schwestern und Pfleger auf dem Wagen, aber auch sieben oder acht unserer jungen Ärzte sind dabei", sagt Georg Gall, Projektleiter und Arzt der Anästhesie.

Die "ruhigen Bereitschaftsdienste" der vergangenen Monate nutzten die Mediziner offenbar vor allem zum gemeinsamen Brainstorming. Herausgekommen ist dabei beispielsweise das Motto der Love-Ambulance: "Bei uns liegen Sie richtig!" steht auf einem Transparent am Wagen. Außerdem ließ sich das Pflegepersonal bunte Herzchen-Aufkleber drucken, mit denen es zukünftig vielleicht auch enthusiasmiert ans Krankenbrett schreitet: "Helfen ist toll!" lautet die Botschaft. Irgendwann wurden beim kollegialen Gedankenaustausch dann die Schwestern zu "Techno Nurses", die Pfleger hießen plötzlich "Cyber Doctors" und die Tanztruppe "Dr. Mo Abit". Und sogar ein eigenes Stück wurde von den Rebellen in Weiß ("Wir lassen uns nicht unterkriegen!") in Auftrag gegeben. Eine Kostprobe: "Our hospital is in danger! In the center of the city. We need it and you need it, we need you to save it! Love-Ambulance is gonna rock you! Love-Ambulance is gonna heal you!"

Und weil so ein Werk natürlich auch richtig zur Geltung gebracht werden muß, übten die Schwestern und Pfleger in ihrer Freizeit zu den Techno-Tönen so etwas wie eine Performance ein. Zu jeder vollen Stunde lassen die rund 60 Moabit-Mitarbeiter am Sonnabend dann synchron die Hüften kreisen. Wem bei diesem Anblick schwindeln sollte, der kann mit unmittelbarer Hilfe allerdings nicht rechnen. "Aus Sicherheitsgründen dürfen wir während der Parade nicht vom Wagen runter", sagt eine Tänzerin. Für den ganz dringenden Notfall habe man dennoch Infusionen und Verbandsmaterial dabei. "Aber manchmal hilft ja auch schon ein Kuß", haucht die junge Frau. Fragt sich bloß wogegen.

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