Zeitung Heute : Da ist die Gefahr

Eine weltweite Grippe ist nur noch eine Frage der Zeit. Ohne Impfstoff könnte sie Millionen töten

Roland Knauer

Das Robert-Koch-Institut warnt vor der größten Grippepandemie seit 1968 – damals starb eine Million Menschen. Wie groß ist die Bedrohung und wie kann die Weltbevölkerung geschützt werden?

Husten und Schniefen dominieren zurzeit die Geräuschkulisse in U-Bahnen, Büros, Kaufhäusern und Fabrikhallen, die alljährliche Grippewelle hält Deutschland anscheinend wieder einmal im Griff. Der Influenza-Pandemie-Plan des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) kommt daher offensichtlich genau rechtzeitig. Dabei hat er mit der erkälteten Nation recht wenig zu tun. Denn das im Volksmund „Grippe“ genannte Erkältungsleiden hat mit der in Medizinerkreisen Influenza oder „echte Grippe“ genannten Infektion außer den hustenden und schniefenden Begleiterscheinungen wenig gemein. Influenza ist sozusagen die harte Variante der Erkältung, meist hat der Patient mehr als 39 Grad Fieber und auch vorher Gesunde sterben bisweilen an einer echten Grippe. Im Winter 1995/96 fielen zum Beispiel allein in Deutschland 30 000 Menschen der Influenza zum Opfer.

Diese Tragödie ist allerdings gar nicht der Auslöser des jetzt veröffentlichten Pandemieplans des RKI. Die Experten befürchten vielmehr Schlimmeres, kennen sie doch aus der Geschichte weit größere Grippewellen. 1918/19 starben zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Menschen an einem Influenza-Virus. Damals raste diese Pandemie genannte Epidemie gleich zweimal um den Globus und forderte mehr Opfer als alle militärischen Operationen im gesamten Ersten Weltkrieg. Glimpflicher verliefen die nächsten beiden Grippepandemien 1957/58 und 1968/69, die jeweils etwa eine Million Menschenleben forderten.

Jede dieser Pandemien entstand anscheinend, als sich Influenzaviren des Menschen mit ähnlichen Erregern vermischten, die Vögel oder Schweine infizieren. Leben Menschen wie es in Südostasien noch heute zum Teil üblich ist, mit ihrem Geflügel oder auch mit Schweinen in einem einzigen Raum zusammen, springen diese Viren offensichtlich besonders einfach vom Tier auf den Menschen über. Das mag zwar für den Betroffenen tödlich enden, führt aber noch keineswegs zu einer großen Epidemie mit vielen tausend oder gar Millionen Opfern, weil die Infizierten das Tiervirus normalerweise kaum an andere Menschen weitergeben.

Richtig gefährlich werden die Tierviren im Menschen erst, wenn sie sich mit menschlichen Influenzaviren mischen, die darauf spezialisiert sind, andere Menschen anzustecken. Solche Mischungen aber gibt es gerade beim Influenzavirus besonders häufig: Statt des für andere Erreger typischen längeren Erbgutstranges haben Grippeviren acht kleinere Stücke Erbsubstanz. Infiziert sich nun ein Mensch gleichzeitig mit einem Influenzavirus von seinem Nachbarn und einem Grippevirus seines Geflügels, mischen sich in den Nachkommen dieser Viren die Erbgutstücke untereinander. Solche Doppelinfektionen sind zwar selten, lassen aber neue Mischungen entstehen, die von Mensch zu Mensch rasch weitergegeben werden. Der menschliche Organismus ist auf diese neuen Erreger nicht vorbereitet und erkrankt schwer.

1918 tauchte zum ersten Mal ein solcher Mischerreger auf, den Virologen nach zwei seiner Erbgutstücke H1N1 nennen. 1957 wurde H2N2 zum Auslöser der nächsten Pandemie, 1968 folgte mit H3N2 die bisher letzte dieser weltweiten Epidemien. Als 1997 in Südostasien ein neuer Erreger im Geflügel mit dem Kürzel H5N1 auftauchte, schrillten bei den Experten die Alarmglocken. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einer Doppelinfektion kommt, die einige Millionen Todesopfer fordern könnte.

Bereits 1999 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO daher ihre Mitgliedstaaten aufgefordert, sich auf eine Pandemie vorzubereiten. Zuständig für solche Notfallplanungen im medizinischen Bereich ist in Deutschland das Berliner Robert-Koch-Institut, das jetzt in enger Abstimmung mit den Ländern den Influenzapandemie-Plan fertig gestellt hat. Demnach müssen die Länder sich mit Medikamenten eindecken, die Virusinfektionen bekämpfen, die Entwicklung eines Impfstoffes wird vorbereitet. Einen solchen Impfstoff kann man allerdings erst dann fertig stellen, wenn die Pandemie da ist, weil man dazu den Erreger kennen muss. Er dürfte demnach erst für die zweite Welle zum Einsatz kommen. Für die erste Welle dagegen hilft nur eines: Jede Stadt und jeder Landkreis muss sich überlegen, wie Krankenhäuser, Praxen, Ärzte und Pfleger, aber auch die Öffentlichkeit auf eine Pandemie vorbereitet werden können. Die Kosten für diese Prophylaxe tragen übrigens die Länder, auch darauf weist das RKI noch einmal hin.

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