Zeitung Heute : Da rauscht die Fülle wie die Leere

Haus am Kleistpark in Berlin: Hörstücke und Sprachbilder beenden die Reihe "Quadratur"Wo aus der Not des Geldmangels die Tugend der Erfindung wächst, dürfen Politiker mit Anerkennung nicht geizen.Das Kunstamt Schöneberg hat sich mit der Ausstellungsreihe "Quadratur" das Wohlwollen des Kultursenators Peter Radunski, die Unterstützung der Bezirksbürgermeisterin Elisabeth Ziemer und Freunde in allen Parteien erworben.Denn statt jammernd im Haushaltsloch unterzugehen, entwickelte Katharina Kaiser, Leiterin des Kunstamtes, die Idee, die Leere zu gestalten, um die Notwendigkeit der Kunst sichtbar werden zu lassen.Über sechzig der rund hundertfünfzig Künstler, mit denen sie in den letzten sechzehn Jahren im Haus am Kleistpark zusammengearbeitet hatte, haben sich daran beteiligt. Das Material schrumpft, die Gedanken wachsen.Schon "Quadratur I" (Winter 1996) erlangte durch die Beschränkung auf das Medium Polaroid metaphorische Bedeutung, nicht allein, weil die Räume großenteils leer blieben.Die Banalität der Technik barg eine trotzige "Jetzt erst recht"-Haltung, die der Mißachtung der Kunst einen Spiegel vorhielt.Zugleich demonstrierten Maler, Fotografen und Konzeptkünstler im Wegwerfbild die Fähigkeit, sich in sozialen, historischen, ästhetischen und philosophischen Kontexten einzuschalten. Beteiligt haben sich stadtbekannte und auch überregional anerkannte Künstler wie die Fotografinnen Birgit Kleber, Nelly Rau-Häring und Tina Bara, die Bildhauer Dietrich Arlt-Aeras, Klaus Duschat, die Konzeptkünstler Susanne Ahner und Raffael Rheinsberg.Mit den Folgen II und III spitzten sich die Inszenierungsformen der Leere zu.Im März ließ Fritz Gilow ein Boot in den Räumen stranden, im April lockten die Künstler auf 21 Tischen tief in ihre Werkprozesse hinein.Einfach wegzublasen schien Azade Kökers Tisch aus Papier, als ob die Kunst sich nur noch vorübergehend niederlassen könnte.Paul Pfarr hatte ein Polaroid-Album der Blechtassen aus einer russischen Kaserne ausgelegt, die selbst vom Tisch schon abgeräumt waren.Erinnerten die Tassen noch an die abgezogenen Trinker, so hatte sich jetzt die Spirale des Verschwindens noch weiter gedreht. Die Abwesenheit als Methode der Evokation beschäftigt auch die visuellen Poeten der letzten Ausstellung.Die Leere, die sie mit Schriftbildern und Sprachfiguren markieren, birgt zwei entgegengesetzte Pole: das Ende, Schweigen und Versagen von Sinn ebenso wie die Erwartung, die tabula rasa des leeren Blattes.Bei Hannah Thiede folgt das Schriftbild der sprachlichen Anleitung, und ihre Sätze kriechen in leere Keilrahmen.Die Fotos von Sigrun Casper filtern Botschaften aus nichtssagenden Orten: nicht mehr lesbare Klingelschilder, abblätternde Schrift im Putz, die leere Plakatwand.Sabine Techel hat für alle siebzehn Teilnehmer ein Labyrinth aus Schalltrichtern bauen lassen, die ein babylonisches Sprachgewirr erzeugen: da rauscht die Fülle kaum anders als die Leere. Zwar kippt in Quadratur IV die künstlerische Selbstreflexion gelegentlich in ein pusseliges Spiel ab, dem nur die Insider folgen mögen.Doch was durch die Solidarität der Künstler dem Haus an Image gewonnen wurde, kann Katharina Kaiser nun als ein Kapital in die Waagschale des Bezirks werfen bei den nächsten Haushaltsentscheidungen.Damit ist auch das Ende dessen erreicht, was eine kommunale Galerie aus eigener Kraft erreichen kann.Für die nächste Zeit setzt Kaiser auf Kooperationen mit potenten Partnern. "Sich in jemanden hineinversetzen, der einen aus der eigenen Seele gestrichen hat, und so die eigene Abwesenheit erfahren", umkreist Richard Anders die Leere."Quadratur I-IV" hat bewiesen, daß sich die Künstler immer wieder mit dem Denken derer befassen, die selbst der Kunst keinen Platz einräumen.Oft argumentieren sie dabei von den sozialen Rändern her.Gerade dort noch differenziert beobachten zu können: dabei hilft die Übung im kleinen Format.Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6-7, bis 29.Juni; Dienstag-Sonntag 12-18 Uhr, Mittwoch 12-20 Uhr.

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