Zeitung Heute : Da waren es nur noch neun

Harald Martenstein

England 1932. Eine Jagdgesellschaft, ein Schloss, feine Damen, feine Herren, ein vergifteter Whisky - ein feiner Herr weniger. Der Inspektor von Scotland Yard bringt nichts auf die Reihe. "Gosford Park" ist scheinbar ein traditioneller Kostüm-Krimi, doch die Kamera baut sich in der Ecke auf wie einer der Domestiken. Sie schaut mit Dieneraugen. Da wird doch nicht am Ende ein Sozialkritiker am Werk sein? Sind die nicht alle längst in Rente oder bei "arte"?

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Es sind schwierige Jahre für die Robert-Altman-Fans, schwierige Jahre für die Woody-Allen-Fans, und die Freunde von Werner Herzog haben es auch nicht leicht. Die alten Männer tun genau das, was sie immer getan haben, aber es gelingt ihnen nicht mehr alles. Etwas lässt nach. Die Genauigkeit? Das ist sehr traurig. Robert Altman, der in ein paar Tagen 77 wird, malt immer noch große, weit verästelte Milieuporträts mit ganz vielen Schauspielern und ganz viel Handlung, wie einst "Nashville" oder "Short Cuts". Aber es kommt dann manchmal etwas heraus wie dieser Film über die Modebranche - wie hieß er noch gleich? Dieses fünf Stunden lange Teil mit Sophia Loren? Aber er kann es noch. Woody Allen kann es auch noch. Wenn man sieht, dass sie es doch noch drauf haben, ist die Freude um so größer.

Die Mitglieder der Jagdgesellschaft bringen ihr Dienstpersonal mit. Die Diener reden einander mit den Namen ihrer Herren an. Zwei Parallelwelten, in jeder gibt es eine eigene Hierarchie, besondere Regeln, Intrigen, feine Risse, die sich zu Abgründen verbreitern. Der Film spielt auch räumlich auf zwei Ebenen, oben und unten, wo die Küchen, die langen Flure und die Diensträume sind und am Licht gespart wird. Zu den Gästen gehören ein Paar, das vor dem Bankrott steht, ein verbitterter Kriegsheld, ein singender Filmstar und ein Filmproduzent aus Hollywood, der für sein nächstes Werk "Charlie Chan in London" recherchiert. Diese Rolle hat der reale Produzent von "Gosford Park" übernommen, Bob Balaban, der Mann mit den zweitabstehendsten Ohren der Welt, nach Dominique Horwitz. Unter den Dienern befindet sich ein aufsässiger junger Mann, der einzige, der die Regeln ignoriert, Typus Aufsteiger. Die anderen Knechte hassen ihn dafür, dass er kein Knecht sein will.

Und dann gibt es den Mann, der nicht weiß, wer sein Vater ist. Da ahnt man, in welche Richtung die Handlung gehen wird. Denn der sexuelle Hunger ist in "Gosford Park" der große Gleichmacher, die einzige Brücke zwischen oben und unten. Im Sex drücken die Machtverhältnisse sich aus, aber die Triebe sind auch stark genug, um die Machtverhältnisse umzukehren. Der Film, der so sehr von diesem Thema handelt, enthält keine einzige Sexszene - nur flüchtige Berührungen und sekundenkurze, gierige Blicke auf Körper. Die Macht ist auch dann brutal, wenn sie in zivilisierten Formen daherkommt: "Gosford Park" ist wunderbar frisch in seinem Hass auf die Klassengesellschaft und wunderbar altmodisch in der subtilen Art, diesen Hass auszudrücken.

Die Idee zu der Story stammt von Altman selber, zum ersten Mal hat er einen ganzen Film in England gedreht. Er führt ein britisches Ensemble, das es an Erlesenheit mit "Harry Potter" aufnehmen kann - Kristin Scott Thomas, Maggie Smith, Helen Mirren, Emily Watson, Michael Gambon, Stephen Fry als ein sehr komischer Inspektor. "Gosford Park" läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz. Für jemanden wie Robert Altman ist es rufschädigend, an einem Wettbewerb teilzunehmen und nichts zu gewinnen. So viel Schonung hätte er nicht gebraucht. Nicht diesmal. Der schlechte Film hieß übrigens "Prêt-à-porter".

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