Zeitung Heute : Dämon Vergangenheit

Margit Lesemann

Es gibt Ereignisse im Leben, die für immer die Zeit in vorher und nachher einteilen, nach denen nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Isabel ist 17, als ihre Mutter an Brustkrebs erkrankt. Es ist, als lebten sie nun zu viert zusammen, die Mutter, der Vater, der Krebs und Isabel. Die Krankheit hat sich bei ihnen eingenistet, wuchert nicht nur im Körper der Mutter, sondern frisst sich auch in die Gedanken, in den Alltag der Familie. Und das ausgerechnet in dem Moment, als Isabel sich von zu Hause lösen, an alles andere denken will, nur nicht an ihre Mutter. Denn zum ersten Mal ist sie so richtig verliebt: in Daniela, ein Mädchen aus ihrer Parallelklasse.

Nun, fünf Jahre später, fährt Isabel, die inzwischen in Hamburg - möglichst weit weg von zu Hause - Kunst studiert, zu ihren Eltern nach München. Ihre Mutter, die den Brustkrebs anscheinend besiegt hat, feiert ihren 58. Geburtstag. Isabel hat Angst vor dieser Reise, fürchtet sie doch die Erinnerungen an damals. Da ist es gut, dass ihre Freundin Conny sie begleitet und eine ist, die zuhören kann. Conny, die sich eine engere Beziehung wünscht, weiß, auf dieser Fahrt könnte sich Isabel von den Dämonen der Vergangenheit befreien.

Einen Roman lang fahren die beiden jungen Frauen, die Studentin und die fünf Jahre ältere Ärztin, quer durch Deutschland, mehr als 800 Kilometer weit. Während draußen Felder, Berge, Städte und holländische Wohnmobile vorbeiziehen, lässt Isabel die sechs Monate, die ihr Leben so veränderten, noch einmal lebendig werden. Und endlich, hier im Auto, kann sie offen über ihre Gedanken und Gefühle von damals mit allen Schattierungen von Schmerz und Glück, Wut und Verzweiflung reden.

Mirjam Pressler hat auch für die, die wissen, dass Schwierigkeiten zwischen Müttern und heranwachsenden Töchtern so normal sind wie Schnupfen im Herbst, eine authentische Mutter-Tochter-Geschichte geschrieben, die unter die Haut geht. Dass auch die energische Großmutter Elisabeth sehr präsent ist, macht daraus einen Roman, der über drei Generationen reicht. Und - zwar nicht nur, sondern auch - deswegen gehört das Buch in die Belletristikregale der Buchhandlungen.

Eine Autofahrt lang leiden die Leser mit Isabel. Konnte es sein, dass die Mutter damals den Krebs nur bekommen hatte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Bis zum Ausbruch der lebensbedrohlichen Erkrankung hatte Isabel ihre Mutter nur als leise Hintergrundmusik wahrgenommen. "Was wissen Kinder schon von ihren Eltern, Töchter von ihren Müttern?" Nun bekam die Frau, die kochte und auch mal die Wohnung renovierte, die nörgelte und forderte, plötzlich ein eigenes Schicksal.

"Es ist als bewegten sich alle in der Familie wie Schauspieler auf einer Bühne: Wir wissen unseren Text, wir wissen wie es weitergeht, was das Publikum von uns erwartet, und dann fallen plötzlich sämtliche Scheinwerfer aus, bis auf einen, nämlich den, der auf meine Mutter gerichtet ist."

Selbst die geliebte Elisabeth war plötzlich mehr Mutter als Großmutter und alle in der Familie, in der ernste Themen ohnehin gerne ausgespart wurden, gingen noch mehr auf Distanz. Zu Hause fühlte sich Isabel ausgeschlossen und auch in der Clique fand die Einzelgängerin, die durch den Krebs aus der Normalität gefallen war, keinen Halt. Sie verschanzte sich hinter ihren Büchern ohne so recht zu wissen, was sie vom Leben erwarten sollte.

Und da trat plötzlich das Glück in ihr Leben. In der Arbeitsgemeinschaft "Figürliches Gestalten" traf sie auf Daniela, die Erfahrene, die Isabel mit zu sich nach Hause nahm. "Auf einmal fühlte ich mich meiner selbst sicher", für Isabel war es Liebe, die erste Liebe. Was die beiden Mädchen verband, war nicht nur die körperliche Zuneigung, sondern auch die Bewunderung für Modigliani. Und die immerhin blieb Isabel, auch dann, als Daniela sie verließ.

Eindringlich, sinnlich und erotisch schildert Mirjam Pressler das "erste Mal", und es gehört zu den besonderen Stärken dieses bewegenden Romans, mit welcher Selbstverständlichkeit sie von der Liebe zwischen den beiden Mädchen erzählt. Seit den Ereignissen von damals, der seelischen Zerrissenheit zwischen ihrem persönlichen Glück und den Schuldgefühlen gegenüber der Mutter, ist Isabel nicht mehr in der Lage an Liebe zu denken, ohne dass sich dabei unwillkürlich auch die düsteren Gedanken an den Tod mit einschleichen.

Am Ende sind die beiden jungen Frauen in München angekommen und es sieht alles nach einem Happy End aus. "Jeder liebt so gut er kann," sagt Isabel. Es scheint, dass sie nun endlich fähig ist, wieder mehr Nähe zuzulassen.

Mirjam Pressler ist ein hoch konzentriertes, poetisches und kluges Buch gelungen, das bei aller Schwere Eines vermittelt: die Lust am Leben und an der Liebe. Ein Buch, mit dem man noch lange nicht fertig ist, wenn man es ausgelesen hat.

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