Zeitung Heute : Dänen auf Ursachenforschung: Deutsche wandern ab, weil sie das Angebot nicht richtig kennen

Thomas Borchert

Dänemarks Fremdenverkehrsverband hat jetzt die Ursachenforschung für den in den vergangenen Jahren katastrophalen Urlauberschwund aus Deutschland mit einem wohl freundlich gemeinten Vergleich aus der Tierwelt abgeschlossen. "Heutige deutsche Urlauber sind Chamäleons, die ständig die Interessen wechseln", hieß es in der Mitteilung über eine groß angelegte Branchenkonferenz in Kolding, gefolgt von dem Seufzer: "Erst wollen sie Frieden und Ruhe haben, und im nächsten Augenblick verlangen sie plötzlich Action und Unterhaltung."

Solche bisher im Norden offenbar nicht bekannten sprunghaften Urlaubsbedürfnisse sollen nun mit neuen "attraktiven Paketangeboten" befriedigt werden. "Wir haben ja alles, was die modernen Deutschen sich wünschen: spannende Kunstmuseen, Vergnügungsparks, Kneipen, Golfbahnen, kulturelle Angebote, Design und Architektur. Das Problem ist nur, dass die Touristen das nicht wissen", meint Verbandschef Lars Sandahl Sörensen.

Ursachenforschung und Gegenstrategie nach einem drastischen Rückgang der deutschen Übernachtungszahlen in den vergangenen drei Jahren sind für Dänemarks wichtigsten Erwerbszweig nach der Landwirtschaft zu einer Existenzfrage geworden. Um knapp 20 Prozent gingen die Buchungen aus Deutschland seit 1996 zurück. Sie machen insgesamt ein Drittel des gesamten Tourismusgeschäfts und bei Ferienhäusern sogar 80 Prozent aus. Nach dem Boom Anfang der neunziger Jahre durch neue Kundschaft aus Ostdeutschland wurde die Abwärtskurve immer steiler und wies allein 1999 einen Verlust von zehn Prozent aus.

Über die Ursachen ließ der Branchenverband eine demoskopische Studie anfertigen. "Die Deutschen langweilen sich in Dänemark" titelte "Jyllands-Posten". Neben dem "unstabilen Wetter" wurden dabei vor allem hohe Preise, Mangel an "großen Kulturerlebnissen" und sonstigen Aktivitäts-Angeboten, unzureichende gastronomische Angebote, die "einförmige flache Landschaft" und fehlender Service als Minus genannt.

Positiv empfinden Deutsche in Dänemark dagegen die Möglichkeit zu "Frieden, Ruhe und Entspannung", das Angebot an Ferienhäusern, Wasser und Strände, die sauber wirkende Natur, kurze Reisewege und Kinderfreundlichkeit. Dass all dies aber längst nicht mehr reicht, um die eigenen Kapazitäten zu füllen, ist den Verantwortlichen nach Meinung vieler Beobachter als Konsequenz aus ständig wachsender Konkurrenz in südlichen Ländern viel zu spät klar geworden.

In der dänischen Debatte lange ein Tabu war die für deutsche Familien vor allem mit Kindern ausschlaggebende Preisfrage. Dass die Ferienhäuser an der dänischen Nord- und Ostsee inzwischen auch in einfacheren Kategorien schon teurer sind als entsprechende Pauschalangebote aus der Türkei, gilt inzwischen aber als gewichtige Ursache für die eigenen Marktverluste. Die Vermieter seien "zu gierig" geworden, nachdem sich ihre Holzhäuser nach der Wende in Deutschland mehrere Jahre von selbst füllten, wurde laut "Politiken" in Kolding moniert.

Schon vorher war bekannt geworden, dass größere Firmen ihre Preise für diese Saison bis zu 20 Prozent gesenkt haben. Vorerst bleibt anscheinend jedoch die gewünschte Wirkung noch aus. Nach den Vorbestellungen sei bisher nicht mit einer Verbesserung gegenüber 1999 zu rechnen, verkündete der Branchenverband in der zurückliegenden Woche.

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