Zeitung Heute : Daimlers

Sauerfleisch mit Rosmarinspätzle

Bernd Matthies

Daimlers, Kurfürstendamm 203, Charlottenburg, Tel. 390 1 16 98, täglich von 9 bis 24 Uhr geöffnet. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es gibt in Berlin, folgt man den Klagen der Wirte, eigentlich nur schwierige und sehr schwierige Standorte (und den Gendarmenmarkt, aber das ist eine andere Geschichte). Sehr schwierig: Das ist beispielsweise der Kurfürstendamm. Darin liegt kein Widerspruch zu seinem international bedeutenden Ruf, denn wichtige Einkaufsstraßen sind wegen hoher Mieten für so etwas Ertragsschwaches wie gute Restaurants sowieso nicht geeignet. Gibt es sie zufällig doch, steckt ein Sponsor dahinter. Bei diesem Kudamm-Restaurant müssen wir nicht lange herumraten: Das „Daimlers" ist in der Daimler-Benz-Filiale an der Ecke Knesebeckstraße untergebracht, und das schon seit mehreren, eher glücklosen Jahren. Es ist eben nicht einfach, die Intimität, die wir uns für ein gehobenes Essen wünschen, mit der Anwesenheit von blankem Blech und alerten Autoverkäufern zusammenzubringen.

Dieses Grundsatzproblem ist auch unter neuer Bewirtschaftung nicht zu ändern gewesen. Aber ich habe zum ersten Mal den Eindruck, dass die Reize von Essen und Wein die Bedenken gegen das Ambiente überwiegen. Das liegt vor allem an Matthias Dathan, dem Chef, der als Sommelier der „Quadriga“ im Brandenburger Hof noch in guter Erinnerung ist. Hier verfügt er zwar nicht über 850 Weine, nicht einmal über 100, aber sie kommen allesamt aus Deutschland, sind von vorzüglicher Qualität und werden äußerst günstig verkauft. Ich wüsste nicht, wo edle Raritäten wie der 2004er Achat-Riesling von Andreas Laible (Baden) auch nur für annähernd 42 Euro eingeschenkt werden; die Offenen sind gleichermaßen interessant und preisgünstig. Nebenbei: Dathan ist Spezialist für den ostdeutschen Wein und hat stets verblüffend gute Beispiele parat.

Auch die Küche läuft ganz gut. Danijel Kresovic, der junge Küchenchef, macht das, was viele talentierte junge Küchenchefs machen: er übertreibt ein wenig. Wenn da Kaninchenvariationen angekündigt sind, dann entfaltet sich eine Tellerlandschaft, deren Details kaum noch im Einzelnen zu identifizieren sind, hier eine gefüllte Pastete, da ein Raviolo, dort ein Filet in Schinken gehüllt, Perlzwiebeln, Schwarzwurzeln… Das ist Stilkritik, kein Einwand gegen das Handwerk. Allenfalls die Tendenz zu einer überzogenen Süße in den Saucen, die erst im Zusammenhang mehrerer Gänge deutlich wurde, hat mich wirklich gestört: Der haargenau gegarte Wildschweinrücken mit Mandarinen lag in einer fast schon desserthaften Sauce, und auch die klein gewürfelten Petersilienwurzeln drunter hatten im Trommelfeuer der Mandarinenaromen nichts mehr zu melden. Beim Fisch ist die Tendenz nicht so auffällig. Die gigantische Jacobsmuschel behauptete sich zwischen dezent mit Vanille gewürztem Kürbis und karamellisiertem Chicoree bravourös, und der Steinbeißer mit Feigenravioli kam in der (etwas beschwerlichen) Teighülle ebenfalls gut zurecht (Hauptgänge ca. 15-18 Euro, mittags preisgünstiger Business-Lunch).

Dennoch hat mich noch mehr beeindruckt, wie genau der Küchenchef auf deutsch-regionalen Pfaden navigiert. Es gibt hier für weniger hungrige Gäste ein kleines Angebot von winzig portionierten Klassikern, die man sich als eine Art deutscher Tapas vorstellen könnte: eine knusprig umhüllte „Praline“ aus Gänsefleisch auf Schwarzwurzeln, Linsensalat mit geräucherter Entenbrust, einen feinsäuerlichen Rollmops auf Speck-Kartoffelsalat oder badisches Sauerfleisch mit Rosmarinspätzle – alles mundwässernd lecker, modern und doch unverfälscht zubereitet und mit Preisen um die vier Euro freundlich kalkuliert, bedeutend freundlicher jedenfalls als die in Reichweite aufgestellten Automobile des Hauptmieters.

Doch so ist das Leben: Ein Besuch im „Daimlers“ lohnt sich zweifellos auch für Gäste, die lieber mit der U-Bahn oder einem koreanischen Gebrauchtwagen anreisen. Die Verkäufer halten jedenfalls Abstand und versuchen nicht, zwischen Hauptgang und Dessert noch rasch eine Probefahrt einzuschieben; andererseits werden sie sich entsprechenden Wünschen sicher nicht verschließen. Aber das ist dann ein ganz anderes Thema.

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