Zeitung Heute : Damfa fahren

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

So sind Gefühle: An unserem jour fixe hatten wir uns zu dieser Dampferfahrt verabredet. Der Künstlerfreund hatte an der Anlegestelle gewartet, der Rentner auf dem S-Bahnhof Wannsee. Als wir einander endlich fanden, war der Dampfer weg und wir aufeinander sauer. Der Kopf sagte, es sei Unsinn, aber der Bauch blieb sauer. Wir gaben diesmal auf!

An einem anderen Tag klappte es: Sonnenschein, Wind und Kälte. 20 Minuten dauert die Überfahrt nach Kladow. Dick vermummt hielten die Freunde dem Winde auf Deck stand. Das erste Lokal am Platze heißt „Zum Damfa“.

Mit dem Bus fuhren wir zum Sakrower Schloss. Es ist inzwischen restauriert, aber im Winter meist geschlossen. Im Park stellten Gärtner mit großen Kränen und lauten Sägen die alten Blickachsen von Lenné wieder her.

Wenige Schritte dann zu dem Wunder der Romantik: die Heilands-Kirche direkt an der Havel. Persius hat hier sein Meisterwerk geschaffen: ein Stück Italien, aufgeführt in Klinkern, die durch blaue Formsteine gegliedert werden. Die Kirche mit ihrem separat stehenden Campanile wird oft mit einem Schiff verglichen, aber der Künstlerfreund hat eine andere Deutung: Die gewöhnlich geschlossenen Seitenschiffe sind hier geöffnet, und durch die Säulen sieht man auf den Strom. Der Betrachter steht also noch im Kirchenraum, hat aber zugleich diesen weiten Blick auf Wasser und Himmel. Innen und Außen, Religion und Natur werden so vereinigt.

Zu Mauerzeiten haben die beiden Freunde oft am jenseitigen Ufer in Moorlake gestanden und die DDR-Grenzboote ihre Runden ziehen sehen. Reiher (damals übrigens noch relativ seltene Vögel) saßen im eingefallenen Dach der Heilands-Kirche. Spenden des Tagesspiegels und des Berliner Senats haben 1985 die Kirche vor dem völligen Ruin gerettet. Das Innere soll von den DDR-Grenztruppen zerstört worden sein. Inzwischen ist es restauriert.

Der Wind pfiff, es war kalt und wir wanderten an der Havel, sahen die Meierei am jenseitigen Ufer liegen, fanden wenige Reste der Grenzbefestigungen und beschlossen, bei wärmerem Wetter noch einmal zu kommen.

Tipp: Bhf. Wannsee nach Kladow, mit dem Bus A697 nach Sakrow (bis Potsdam, Fährstr.)

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