Zeitung Heute : Damit die Seele gesundet

Psychiatrie – ein schwieriges, umstrittenes, aber zunehmend wichtiges medizinisches Fachgebiet

Adelheid Müller-Lissner

„Der Körper ist der Übersetzer der Seele“, hat der kluge Dichter Christian Morgenstern gesagt. Vielleicht braucht unsere Seele einen solchen Dolmetscher in manchen Fällen, um sich zu erkennen zu geben. Denn auch in den Zeiten der Hirnforschung ist sie noch nicht gläsern geworden. Und ausgerechnet die häufigste seelische Erkrankung ist zugleich die, die sich am besten versteckt.

Die Mehrheit der Menschen, die unter einer Depression leiden, kommt mit anderen Beschwerden in die Praxis des Hausarztes, mit Verdauungsbeschwerden, Rückenschmerzen, Schwindel, unerklärlicher Müdigkeit, Herzschmerzen. „Depressionen äußern sich häufig primär über körperliche Symptome“, sagt Albert Diefenbacher, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge im Berliner Bezirk Lichtenberg.

Hausärzte haben also eine wichtige Aufgabe beim Erkennen dieses psychischen Leidens, mit dem heute nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) sieben bis 18 Prozent der Bevölkerung mindestens ein Mal im Leben Bekanntschaft schließen. Die Behandlung leichterer Formen der Depression liegt in der Hand von Hausärzten und gegebenenfalls auch von niedergelassenen Psychotherapeuten. Oft wirken Medikamente und Gespräche hier Hand in Hand. Depressionen können heute meist gut behandelt werden, doch es hapert nach Ansicht der Fachleute immer noch an der Aufmerksamkeit für das Leiden. Antriebsmangel, Stimmungstiefs, Schlafstörungen und Konzentrationsmangel werden noch allzu oft als vermeintliches Schicksal hingenommen.

Vor allem bei älteren Menschen hält man all das gern für „ganz normal“. Und vor allem bei ihnen ist eine Depression oft von körperlichen Beschwerden überlagert, die ja tatsächlich mit dem Alter zunehmen. Sind all diese „Alterszipperlein“ nicht, zusammen mit dem Verlust von Beruf, Partner und engsten Freunden, Grund genug für eine anhaltend niedergeschlagene Stimmung? Andererseits weiß man inzwischen, dass auch bei älteren depressiven Patienten Medikamente und Psychotherapie ausgesprochen gut anschlagen können. „Auch Kurzformen der Psychotherapie können ihnen helfen, indem sie ihnen Anregungen und neue Perspektiven mitgeben“, sagt Psychiater Diefenbacher. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, aber auch der Hausärzte für Depressionen bei Jung und Alt zu erhöhen, hat sich das „Berliner Bündnis gegen Depressionen“ vorgenommen. Das Bündnis will vor allem die Ärzte auch dafür sensibilisieren, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft noch stärker über körperliche Symptome klagen, wenn sie depressiv verstimmt sind.

Das Verhältnis zwischen körperlichen Symptomen und dem, was wir die Seele nennen, ist auf jeden Fall ausgesprochen kompliziert: Auch wenn der Arzt den Verdacht hat, dass eine Depression dahinter steckt, muss er zuerst gewissenhaft nach möglichen anderen Ursachen fahnden.

Um es noch komplizierter zu machen, schließt sich beides überhaupt nicht aus: Inzwischen haben Studien gezeigt, dass jeder fünfte Infarktpatient auch eine schwere Depression hat. Auch Schlaganfälle und chronische Schmerzen gehen häufig mit depressiven Erkrankungen einher. Und das Verhältnis zwischen beiden Leiden ist nicht so einfach, wie man es sich auf Anhieb denken würde: Herzkranke werden nicht erst infolge dieses körperlichen Leidens depressiv. Vielmehr vermuten Forscher inzwischen, dass Depressionen einen Risikofaktor für das Auftreten von Herzkrankheiten bilden. Erwiesen ist zudem, dass das Risiko für einen schweren Verlauf bei Infarktpatienten größer ist, wenn sie zugleich depressiv sind. Gerade diese Kombination von seelischem und körperlichem Leiden erfordert also eine besonders sorgfältige und interdisziplinäre medizinische Betreuung.

In anderen Fällen kann hinter der Angst vor einem Herzinfarkt aber auch eine depressive Erkrankung vermutet werden, und zwar insbesondere dann, wenn sich diese mit Panikattacken äußert: Etwa, wenn ein Patient in kurzen Abständen mehrmals hintereinander mit starken Schmerzen in der Brust in die Notaufnahme eines Krankenhauses kommt, das EKG aber regelmäßig ganz unauffällig ist. Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch wenn man ihn im Hinblick auf den Infarkt beruhigen kann, ist seine Angst keineswegs „grundlos“. Im Gegenteil, es gibt Grund, sich um seine Depression zu kümmern.

Im Krankenhaus kommt in solchen Fällen die Fachgruppe der Psychiater in beratender Tätigkeit ins Spiel. Sie werden als so genannte Konsiliarpsychiater regelmäßig in die Chirurgie oder in die Abteilung für Innere Medizin gebeten: Dort liegt dann zum Beispiel ein Patient nach einem Sturz oder mit einem Magen-Darm-Problem, als dessen Ursache ein Alkoholmissbrauch zu vermuten ist. „Vor allem im Frühstadium kann man hier oft schon Änderungen erreichen, wenn man den Betroffenen in wenigen Gesprächen die Zusammenhänge erläutert“, sagt Diefenbacher. Natürlich werden die Patienten zuvor gefragt, ob sie eine solche Beratung überhaupt wünschen. Eine Studie aus der Abteilung Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge hat gezeigt, dass 79 von 80 Befragten in einer solchen Situation den Suchttherapeuten sehen wollten. Alkoholprobleme und ihre Folgen spielen auch in der stationären Psychiatrie selbst heute eine wichtige Rolle: Etwa ein Drittel aller Patienten werden wegen Alkoholmissbrauchs aufgenommen. Auch bei Suchtproblemen sind, ähnlich wie bei den Depressionen, die Hausärzte eine ganz wichtige erste Anlaufstelle. „Es ist sehr häufig, dass uns alkoholkranke Patienten direkt von ihren Hausärzten zugewiesen werden“, sagt Diefenbacher.

Eine weitere wichtige Gruppe sind in den stationären Einrichtungen die Patienten, die unter einer Schizophrenie leiden. Klischeevorstellungen von dieser Patientengruppe sind es, die das Bild des psychisch Kranken in der Öffentlichkeit immer noch prägen: Als sei er immer ein „irrer“ Mensch mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen, der Stimmen hört und sich für Napoleon oder Hitler hält und glaubt, er müsse die Welt retten. „Das Hauptproblem dieser Patienten ist dabei ihre massive Angst, ihr Bedrohungserleben, die bis zu Suizidversuchen führen kann“, erklärt Diefenbacher. Kein Wunder, wenn man erleben muss, dass das normale Denken zusammenbricht und man Handlungen nicht mehr wie gewohnt rational planen kann. Und das noch dazu in jungen Jahren, denn die Krankheit setzt meist zwischen dem 15. und dem 35. Lebensjahr ein. Hoffnung setzen die Psychiater bei der Schizophrenie neben neuen Medikamenten vor allem auf die Aufmerksamkeit für Vorstufen und frühe Phasen des Leidens. „Diese Erkrankung nimmt häufig eine schleichende Entwicklung über einige Monate bis mehrere Jahre. Im Kinofilm ,Das weiße Rauschen‘ wird sie sehr gut beschrieben. Und die Behandlung ist wirksamer, wenn sie einsetzt, bevor sich das Vollbild einer Schizophrenie zeigt.“

Dann sind die Chancen viel höher, ein erfülltes Leben mit Beruf und Partnerschaft führen zu können. Nach einem Modell, das zuerst, von der dortigen Uniklinik ausgehend, in Köln erprobt wurde, arbeitet seit einigen Jahren auch in der Region Berlin und Brandenburg ein Früherkennungs- und Therapie-Zentrum für beginnende Psychosen (FETZ) an der Berliner Charité. Natürlich ist Früherkennung dieser Art immer eine Gratwanderung: Das Programm darf nicht dazu führen, dass eine so schwer wiegende Diagnose zu Unrecht gestellt wird. Ein erwünschter Nebeneffekt von Früherkennungsprogrammen könnte aber sein, dass bei dieser Gelegenheit auch andere psychische Erkrankungen auffallen, etwa Angststörungen, die sich teilweise in ähnlichem Verhalten niederschlagen – und die ebenfalls behandlungsbedürftig sind. Gegen die Stigmatisierung von Patienten mit Schizophrenie hilft es nach Ansicht von Psychiatern am ehesten, wenn Betroffene, die sich aus der Psychose befreien konnten, ihre Geschichte erzählen. Nur so kann die Erkrankung den Stempel „lebenslänglich“ verlieren. Wo und wann immer es möglich ist, werden auch psychiatrische Krankheiten heute ohne Aufenthalte in Kliniken behandelt. Dass Patienten heute meist nicht mehr für Monate oder gar Jahre in einer Klinik bleiben müssen, ist eine wichtige Errungenschaft der Psychiatrie-Reform seit den 70er Jahren. „Akut ist es in manchen Fällen aber unumgänglich, unsere Patienten in der Klinik zu behandeln“, sagt Diefenbacher. „Um wirklich wieder gesund zu werden, ist dann später aber das häusliche Umfeld wichtig, denn dafür muss auch die Bewältigung des Alltags trainiert werden.“ Patienten mit Psychosen müssen oft vermeintlich einfache Dinge wieder lernen, etwa bestimmte Wege allein zu gehen.

Damit psychiatrische Patienten in Ruhe im gewohnten Umfeld gesund werden können, muss allerdings das passende Angebot von Betreuungseinrichtungen vorhanden sein. „Hier ist Vernetzung wichtig, und in dieser Hinsicht haben wir in Berlin Glück, denn wir haben gute Kooperationspartner“, sagt Diefenbacher. Das sind die niedergelassenen Nervenärzte, die einen großen Teil der ambulanten Versorgung übernehmen, die Träger und Organisatoren psychosozialer Hilfen mit ihren Angeboten an Therapeutischen Wohngemeinschaften oder Tagesstätten, der Berliner Krisendienst für Menschen in psychosozialen Krisen, und natürlich die Angehörigen- und Betroffenenverbände, die mittlerweile über eigene Beratungsangebote verfügen – um nur einige Knoten des Berliner Netzes zu nennen.

Was die Ärzte und Psychologen betrifft, die als Psychotherapeuten niedergelassen sind, so ist das Angebot zwar regional sehr unterschiedlich. Mit 17 600 Psychotherapeuten auf 704 000 Menschen sind wir jedoch insgesamt in Deutschland recht gut versorgt. Für unzureichend hält die DGPPN jedoch das Angebot für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, die auch Hilfe von Psychiatern brauchen. Im Jahr 2000 kamen auf 82 259 530 Deutsche nur 4579 Fachärzte für Psychiatrie, also ein Spezialist auf 17 176 Einwohner. Ein deutlicher Zuwachs ist nicht in Sicht. Doch mit steigender Lebenserwartung werden wir auch mehr psychiatrischen Beistand brauchen – nicht allein wegen des psychiatrischen Altersleidens Alzheimer.

Doch nach wie vor hat das Fach Psychiatrie für viele Menschen etwas Verunsicherndes: Es beschäftigt sich mit Auffälligkeiten des Verhaltens und mit Veränderungen der Stimmung, scheinbar immateriellen, ungreifbaren Phänomenen also. Die jedoch mittels moderner bildgebender Verfahren immer genauer im Gehirn „verortet“ und mittels der Beeinflussung verschiedener Botenstoffe immer wirksamer medikamentös behandelt werden können. Auf der anderen Seite ist da die Angst vor Abhängigkeit von solchen Substanzen. „Eine weitgehend unberechtigte Angst“, wie Diefenbacher versichert. Denn diese Gefahr besteht etwa bei den Antidepressiva nicht. Doch es gibt außerdem die Befürchtung, die Persönlichkeit könne durch Psychopharmaka „künstlich“ verändert werden. „Das ist ein erschreckender Denkfehler, denn es ist ja eigentlich die Krankheit, die die Persönlichkeit stört oder sogar zerstört.“

Diese Veränderung kann auch – ganz erschreckend sichtbar – den Körper in tief Mitleidenschaft ziehen. Diefenbacher erzählt von dem jungen Mann, der im bitterkalten Winter 1997 in die Klinik kam, als schon seine beiden Füße erfroren waren. Er war barfuß gekommen, als Obdachloser. Einige Jahre zuvor hatte er erstmals Verhaltensauffälligkeiten gezeigt, die seine Umgebung als Pubertätserscheinung deutete und die ihn schließlich zum Aussteiger machten. Mitten in der Hauptstadt, die doch mit psychiatrischen Einrichtungen recht gut versorgt ist, war seine Schizophrenie nicht erkannt worden. Nicht früh genug jedenfalls, um ihn vor der Amputation beider Füße zu retten.

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