Zeitung Heute : Damit sie wissen, was sie tun

Wenn seine Schwester weinte und flehte, wollte Jonny eigentlich aufhören. Aber wenn es vorbei war, schwieg auch sein Gewissen wieder. In der Viersener Klinik für junge Sexualstraftäter kann er nicht schweigen. Er muss erzählen, was er tat, warum er es tat und wie es sich anfühlte.

Silke Becker[Viersen]

Als Jonny auf die Station kam, war er noch richtig cool, mit seiner Strickmütze in den Jamaika-Farben und so einer Haltung: Was kostet die Welt? Jetzt sagen die Erzieher und der Psychologe Thomas Gruber, dass Jonny wirklich „einen großen Entwicklungsschritt“ hinter sich hat. Der Weg war schmerzhaft. Er musste verstehen, warum er getan hat, was er tat, damit er nie wieder auf so eine Idee kommt.

Er wollte wehtun. Und Jonny wusste genau, wie wehtun funktioniert. Die Jungs im Heim hatten es mit ihm gemacht. Wenn er sich wehrte, drohten sie ihm. Die beiden waren 16 und er gerade elf. Später, als er wieder zu Hause wohnte, probierte er es bei seiner Schwester aus. Als Jonny anfing, war seine kleine Schwester acht Jahre alt. Vier Jahre lang merkte niemand, wozu er sie regelmäßig gezwungen hat.

Sieben Monate ist das jetzt her, dass Jonny auf die Sexualstraftäterstation nach Viersen kam, in die Rheinischen Landeskliniken, nahe Mönchengladbach. Es ist die einzige deutsche Psychiatrie für jugendliche Sexualstraftäter. Die Jungen sind zwischen 14 und 18. Sie alle sind angezeigt, haben laufende Verfahren. Manche der Jungen sagen, sie wollten nie in ein Heim, und nun sind sie in der Klapse gelandet.

Hinter dem Rücken der Eltern

Sie sind hier wegen sexuellen Missbrauchs. Die meisten haben sich an ihren kleinen Brüdern und Schwestern vergangen. Sie alle planten, was sie taten, passten auf, wann der Vater bei der Arbeit ist und die Mutter mit dem Hund spazieren. Oft sind es Jugendliche aus ganz normalen Familien, keine Sozialfälle.

Die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hat gerade vorgeschlagen, strenger mit Sexualstraftätern umzugehen. Sie will eine Anzeigepflicht einführen. Wenn Nachbarn oder Bekannte etwas bemerken, sollen sie verpflichtet sein, das Jugendämtern oder der Polizei zu melden, sonst machen sie sich selbst strafbar. Kinderschutzvereine haben sofort angemerkt, dass damit der Denunziation Tür und Tor geöffnet ist. Der Viersener Psychologe Thomas Gruber fragt sich eher, wohin mit all den jugendlichen Tätern, die angezeigt werden. Gruber erlebt ja regelmäßig, wie die Krankenkassen sich wehren, Therapien zu zahlen. Denn Anzeigepflicht nützt nichts, wenn nichts geschieht, wenn die Täter weiter in ihren Familien leben, zusammen mit den Opfern.

Sexualstraftäter, so die landläufige Meinung, sind perverse Männer, die ihr Leben lang weggeschlossen werden müssen. Aber Sexualstraftäter fangen irgendwann an, diese Taten zu begehen. Es gibt Studien, die belegen, dass jeder Zweite von ihnen als Jugendlicher begann, andere zu missbrauchen. Gruber sagt, es sei eine große Chance, mit Jugendlichen zu arbeiten, weil sie noch in der Entwicklung sind und sich leichter verändern lassen als Erwachsene. Wenn sie früh lernen, ihr Problem in den Griff zu bekommen, tun viele nicht mehr, was sie nicht dürfen.

Die Therapie in Viersen fängt damit an, dass die Jungen sagen, was sie getan haben. Sie müssen alles in Einzelheiten schildern, warum, wie oft, wie sie sich dabei fühlten. Diese ersten Gespräche findet auch Psychologe Gruber „oft widerlich“. Danach geht’s für die Jugendlichen gleich weiter, abends beim Essen, am großen runden Tisch, muss sich jeder vorstellen. Name, Alter und Grund für den Aufenthalt: Schwester vergewaltigt, Bruder missbraucht, mit Messern gedroht. Man muss auf dieser Station oft tief Luft holen.

Zehn Jungen leben auf der Station. Der Flur ist orange-grün, die Zimmer sind blau gestrichen, an den Wänden hängen Bravo-Poster von dem Rapper Eminem, von der spärlich bekleideten Jennifer Lopez und überall Christina Aguilera, nackt, mit E-Bass. Die Jungs sind groß und schlaksig, sie haben zarten Bartwuchs, Akne und tragen weite, hängende Jeans. Zur Therapie gehört, dass die Erzieher den Jugendlichen immer wieder direkt ins Gesicht sagen, was sie getan haben, sie wollen sie provozieren, sie wütend machen. „Dieses Kind könnte meine Tochter sein, das Kind trägt Pampers“, wirft Anne Jäschke, eine der Erzieherinnen, einem Jungen an den Kopf, immer wieder, so lange, bis er heulend auf sein Zimmer läuft. „Wir sind hier supernett zu denen“, sagt Anne Jäschke, „aber sie sollen spüren, dass ihre Opfer jede Nacht an sie denken.“ Immer wieder konfrontieren sie die Täter mit ihrer Tat.

Jonny ist 17. Er kann gar nicht sagen, dass er die ersten Tage besonders schlimm fand, er findet es die ganze Zeit furchtbar. Dass es überhaupt so weit kommen musste, ist ihm heute „verdammt peinlich“. Eigentlich wollte er ja schon lange aufhören, wenn seine Schwester weinte und ihn anflehte. Aber ein schlechtes Gewissen hatte er im Grunde nie. Dieses Gefühl war einfach zu gut, wenn er über ihr stand und der Mächtige war. Und weil das Gefühl so gut war, ist es schwierig, darauf zu verzichten, sagt Jonny.

Natürlich geht es bei Missbrauch kaum um Sex, sondern um Macht. Die Jungen schaffen sich Situationen, in denen sie Gewinner sind. Das ist mit kleineren Kindern leichter als mit Gleichaltrigen. Der Therapeut Gruber ist 47, ein großer Mann, in Jeans und mit orangenem Baumwollpullover, er geht in ruhigen Schritten über die Station und strahlt viel Autorität aus. Gruber hat „keine Lust“, sich von den Jugendlichen Beteuerungen anzuhören, dass sie sich bessern wollen, „interessiert nicht, völlig irrelevant“. Und wenn ein Junge versucht, seine Taten kleinzureden, dann, sagt Gruber, „geht’s ihm noch viel zu gut“. Er will, dass die Jungen leiden, sie sollen spüren, warum sie das getan haben und begreifen, was es bedeutet, die eigene Schwester 50 Mal zu vergewaltigen.

Bohrende Fragen

Vor den Gesprächen in der Gruppe haben alle Jungen Angst, aber meistens kommt sehr viel dabei heraus. Diese Woche ist Dirk neu. Er kommt aus Belgien, gehört einer kleinen deutschen Minderheit an, und weil es dort solche Einrichtungen nicht gibt, ist er jetzt in Viersen. Auch er muss jetzt durch die Mühle der offenen Gespräche über seine Taten. Montag wurde er aufgenommen, abends stellte er sich beim Essen vor, und jetzt muss er in die Ausquetschrunde. Da befragen sich die Jugendlichen gegenseitig, sie bohren so lange, bis alles raus ist. Gruber und eine Ärztin aus der Klinik sitzen eher wie Beobachter dabei, die eigentlichen Fragen stellen die Jugendlichen, und oft kommt dabei viel mehr heraus als in den ersten Gesprächen. Aber Dirk ist ein harter Fall, er hat bereits eine Ausquetschrunde hinter sich und nicht alles gesagt: „Was hat dir an der Frau gefallen?“ „Po und Busen.“ „Wie hast du dich gefühlt?“ „Auf dem Revier?“ „Nein, danach.“ „Hab’ mich Scheiße gefühlt.“ „Beschreib mal das Gefühl.“ „Was sollen die Leute denken?“ „Hast du nicht an die Frau gedacht?“ „Nee.“

Dirk ist knapp einen Meter sechzig. Er hat den Körper eines Zehnjährigen. Er versuchte, vier Frauen zu vergewaltigen. Nun sitzt er da, vergießt keine Träne und starrt auf seine Jeans. Bei den Fragen zuckt er leicht, als würden ihm die anderen jedes Mal einen Schlag versetzen. In den Akten steht, dass Dirk adoptiert wurde. Ein überbehütetes Kind. Der 16-Jährige durfte zu Hause nicht einmal allein Brote schmieren, seine Mutter schnitt ihm das Fleisch auf dem Teller. „Vielleicht“, sagt Gruber, „ist er froh, dass er da raus ist.“ In Viersen wird Dirk lernen, Brot zu schmieren, er wird kochen müssen, wird zu Aufräum-, Putz- und Waschdiensten eingeteilt.

Beim Essen sitzen zwei Erzieher mit am Tisch. Sie sind immer da, sie stehen plötzlich in den Türen, hören zu, kontrollieren und erinnern die Jugendlichen: „Vergiss nie, warum du hier bist!“ Für das Leben in der Klinik gibt es viele Regeln. Die Neuen haben Ausgangsstufe null, sie dürfen nicht allein Cola holen, nicht allein telefonieren und nicht allein zur Therapie, ein Stockwerk höher. Die Türen stehen offen, aber wer unerlaubt hinausgeht, der fliegt sofort aus der Klinik. Es gibt ein Punktesystem für Zimmerordnung, und danach berechnet sich das Taschengeld. Zweimal am Tag laufen Erzieher durch die Räume, schauen in Schränke und kontrollieren, ob die Betten gemacht sind. Neben der Gruppentherapie gibt es auch Einzelstunden, jeder Jugendliche hat einen der Erzieher zum Paten. Sie müssen Tagebuch schreiben, Aufsätze, Entschuldigungsbriefe. Wer sich über Monate nicht einsichtig zeigt, fliegt. Nach acht, neun Monaten, je nachdem, wie der Psychologe entscheidet, kommen die Jungen eine Station höher, in die so genannte Schleusengruppe, wo alles viel freier läuft. Von da aus gehen sie in öffentliche Berufsschulen, sie dürfen Freundinnen haben. Aber sie werden immer weiter beobachtet: Wie weit sind sie? Wie reagieren sie bei Stress? Ist es möglich, dass sie rückfällig werden?

Jetzt spricht sie wieder mit ihm

Kaum einer der Jungen kommt von hier je wieder nach Hause, die meisten sind zu alt, aber vor allen Dingen sollen sie nie wieder in die alte Familienkonstellation zurück. Manche bleiben ihr Leben lang in betreuten Wohnungen, andere erfüllen sich ihre Träume: Wohnung, Freundin, Job, Auto. Drei Viertel aller Jungen machen die Therapie zu Ende, die anderen fliegen raus, brechen ab, sie wandern ins Gefängnis und beginnen den ewigen Kreislauf von Knast und Freiheit. Nur fünf Prozent aller Jungen, die bis zum Ende in Viersen bleiben, begehen danach wieder sexuelle Übergriffe. Gruber sagt, es sei ihm egal, was aus den Jungen wird, ob sie saufen oder Penner werden, nur Sexualdelikte dürfen sie nie wieder begehen.

Einmal hat sich Gruber getäuscht. Vor fünf Jahren entließ er zwei Jungen. Ein Jahr später haben sie eine Frau vergewaltigt und ermordet. In dem Moment, als Gruber die beiden verabschiedete, war er überzeugt, das nichts Derartiges mehr passieren würde. Es gibt keine Garantien. Es waren zwei von insgesamt 130 Jugendlichen.

Abends stehen Salat und Käse auf dem Tisch, die meisten Jungen schmieren sich dick Nutella aufs Brot. Gerade haben sie beschlossen, dass es Sonntag, wenn sie selbst kochen, Lasagne geben soll – ein bisschen Internatsstimmung. Jonny weiß heute, in welchem Moment sich bei ihm etwas geändert hat. Er, der eigentlich nie viel gelesen hat, besorgte sich Bücher aus der Kliniksbibliothek über Opfer. Geschrieben von Frauen, die missbraucht wurden. Und er hörte von der Erzieherin, Anne Jäschke, die mit Opfern gearbeitet hat, was aus vielen Mädchen wird. Sie haben oft keinen Kontakt zu ihren Körpern, fangen an, sich selbst zu verletzen, enden als Prostituierte. Inzwischen hat ein Gespräch zwischen Jonny und seiner Schwester stattgefunden. Wenn er möchte, darf er an den Wochenenden zu Hause schlafen. Seine Schwester übernachtet dann beim Vater.

Draußen ist es dunkel. Jonny steht an der Klinikpforte und raucht, als ein 14-jähriger Junge mit knallrotem Gesicht eingeliefert wird. Polizisten und Sanitäter haben dem Jungen Handschellen angelegt. Eine Sozialpädagogin der Klinik geht freundlich auf ihn zu: „Du bist also Kevin“, sagt sie sehr nett. Da schreit der Junge: „Halt die Fresse!“ Jonny sieht weg, weil er jetzt nicht lachen will. Später sagt er. „Ich war auch so, genauso.“ In den letzten Tagen hat Jonny sieben Bewerbungen für eine Lehre als Elektriker losgeschickt.

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