Zeitung Heute : Dampferfahrt durch Burma: Obristen vor Flusslandschaft

Rolf Brockschmidt

Wie verlorene kleine Streichhölzer ruhen die schmalen Fischerboote im Wasser des breiten Flusses. Am Ufer haben die Fischer ihre Zelte aus Palmmatten aufgeschlagen, einige reparieren auf dem sandigen Boden ihre Boote. Es ist ein friedliches, fast vorindustrielles Bild, das der Ayeyarwady bietet. Die Lebensader Myanmars, die Rudyard Kipling in seinem gleichnamigen Gedicht als "Road to Mandalay" verewigt hat. Mehr als 100 Jahre später fährt ein ehemaliger Rheindampfer, benannt nach Kiplings Gedicht, auf dem Ayeyarwady stromaufwärts. Sanft gleitet die Landschaft vorbei, Palmen wechseln mit Feldern, kleine Dörfer ducken sich unter riesigen Bäumen, und immer wieder blitzt das Weiß der Pagoden hervor. Eine Reise nach Myanmar, wie Burma seit 1990 wieder heißt, ist eine Reise in eine andere Welt, eine Zeitreise in ein Land, das knapp vierzig Jahre durch Militärregierungen in völliger Isolation gehalten wurde.

John Hinchliffe ist seit einigen Jahren im Land. Als Director of Operations Myanmar der britischen Firma Orient-Express Trains & Cruises, managt er die "Road To Mandalay". Er hat ein gewisses standing im Lande. Man achtet ihn, hört auf ihn. Hinchliffe ist oft auf dem Schiff, um auf dem Laufenden zu bleiben. Der Ayeyarwady ist schwer zu navigieren.

Navigationskunst ist auch erforderlich, um sich im Lande durchzusetzen. "Das Land ist weiß Gott nicht perfekt", sagt Hinchliffe mit britischem Understatement. Aber wie soll der Westen mit der Militärdiktatur umgehen? "Isolation ist ein stumpfes Instrument. Das Land war über 30 Jahre lang isoliert, auf diese Position können sich die Militärs immer zurückziehen. Sanktionen bewegen deshalb gar nichts." Aus diesem Grund ist John Hinchliffe auf seine Regierung in London nicht gut zu sprechen. "Die Briten sind kompromisslos. Aber Erpressung bringt in diesem Fall überhaupt nichts." Natürlich muss der Unternehmer kompromissbereit sein. Immerhin fährt das Schiff unter der Flagge Myanmars, ist in Yangon registriert und muss dort alle zwei Jahre in die Docks zur Inspektion. Die Zusammenarbeit sei perfekt.

Bei einer Reise durch Myanmar stellen sich viele Fragen. In einer 100-seitigen Broschüre rechtfertigen die Militärs ihr Regime. Sie räumen ein, dass sie von demokratischen Zuständen noch weit entfernt sind. Ihnen sind Sicherheit, die Einheit der Union und die Versorgung der Bevölkerung wichtiger. Ein beliebtes Argument, um demokratische Strukturen gar nicht erst zuzulassen. Ist die Einheit wirklich bedroht? John Hinchliffe hält sie für gefährdet: "Selbst General Aung San, der hochverehrte Staatsgründer und Vater der Friedensnobelpreisträgerin, sah von Anfang an die Gefahr. Und nach seinem Tod gab es allein mit dem Volk der Karen von 1948 bis 1952 schwere Kämpfe." Die Burmesen sind mit 70 Prozent die stärkste Bevölkerungsgruppe, die übrigen teilen sich in weitere sieben Völker mit über 130 ethnischen Gruppen auf. Ist das ein Grund, wa-rum die Militärs dem Land seinen vorkolonialen Namen Myanmar zurückgegeben haben, um über die Burmesen als stärkstem Volk hinaus so etwas wie nationale Identität der Union von Myanmar zu schaffen? Ist das der Grund, warum sie viel Geld in die Restaurierung der Pagoden und Tempel von Bagan stecken? Seit 1996 öffnet sich das Land vorsichtig dem Tourismus, für das nächste Jahr hätte man gerne eine Million Besucher. Im Moment sind es etwa 200 000.

5 Uhr 55. Die Sonne ist noch nicht über dem Fluss aufgegangen, aber ein heller Streifen hinter dem Palmenwald kündigt sie an. Ein Hahn begrüßt den neuen Morgen, ein Fischerboot überquert geräuschlos den Strom. Nirgends brennt Licht. Die rotblaue Flagge Myanmars wird am Schiffsmast gehisst. Stimmen dringen aus dem Dorf herüber, das sich unter den dichten Bäumen duckt. Rauch steigt auf. Das Dorf erwacht. Um 6 Uhr 30 lichtet die "Road To Mandalay" ihren Anker. Hinchliffe überwacht das Manöver. Beifällig nickt er über den Fluss. Ein Bild wie gemalt. Ein riesiges Bambusfloß gleitet wie ein Brett geräuschlos vorbei.

Hinchliffe will im nächsten Jahr den Chindwin, den größten Nebenfluss des Ayeyarwady, erkunden, um weitere Ausflugsprogramme anzubieten. Unter seinen Gästen sind Deutsche, Franzosen und Italiener die stärksten Gruppen. Ab und zu auch Briten und Amerikaner - die wichtigsten Boykott-Nationen. "Es war ein Fehler der Opposition, den Tourismus nach Myanmar zu boykottieren", sagt Hinchliffe. Die Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi sei starr in ihrer Denkweise. "Die Leute hätten 1996 alles gewählt, die Militärs sind nicht sehr populär in der Bevölkerung. Die mittleren Obristen wollen den Wechsel, aber nicht mit ihr. Sie wollen jemanden, der Brücken baut und nicht auf totale Konfrontation aus ist."

Im Zentrum der Kritik des Westens stehen die Menschenrechte - das Land zählt 1200 politische Gefangene. Die Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wurde um ihren Wahlsieg gebracht. Immerhin wurde der Hausarrest in Yangon kürzlich etwas gelockert.

Das Land gleitet vorbei, Bauern pflügen mit Ochsengespannen den Boden, Fischer machen ihre Boote klar. "Ich habe einmal ein Kamerateam an Bord gehabt. Da saß da ein Fischer und angelte. Weiter hinten kam ein Polizist. Der Kameramann hielt prompt auf den Fischer, wartete, bis der Polizist auf gleicher Höhe war und filmte eine kurze Sequenz. Der Polizist ging weiter. Aber in dem Beitrag hieß es später, die Polizei würde die Fischer schikanieren. So etwas gibt es auch."

Die Europäische Union könnte dem Land viel bieten, vor allem in Sachen Kultur, Medizin, Wissenschaft. "Bedingungslose Hilfe auf humanitärem Gebiet, das wäre nötig", sagt Hinchliffe. "Es gibt Dörfler, die froh sind, wenn sie einen Arzt überhaupt zu sehen bekommen." Die "Road To Mandalay" hat im Dorf Shew Kyet Yet, dem Heimathafen bei Mandalay, einen Kindergarten für 40 Kinder finanziert, eine Mittelschule hat gerade einen neuen Anbau bekommen, und in Bagan wurde eine Schule gebaut. "Wir haben im Dorf für unsere Wasseraufbereitungsanlage einen Brunnen gegraben", erzählt Hinchliffe. "Da hatte unser Maschinist die Idee mit dem Wasserhahn. So bekommen die Dorfbewohner ihr Wasser nun aus dem Hahn und nicht mehr aus dem Fluss." Das Schiff sei für die Menschen hier ein Zeichen der Hoffnung.

"Neid auf die Touristen und das Schiff gibt es nicht", sagt Hinchliffe. "Als wir im vergangenen Jahr das erste Mal hoch oben im Norden, in Bahmo, anlegten, fuhren wir ganz dicht an einem kleinen Fischerboot vorbei. Der Mann kümmerte sich um seine Netze. Er sah nicht einmal auf. Er ruhte in sich."

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