Zeitung Heute : Dank an Gott und Dunga

MARTIN HÄGELE

PARIS .Im Prospekt zur Welttournee der Brasilianer, den Sponsor "Nike" von einer aggressiven PR-Fabrik über seine neuen Fußball-Helden hat dichten lassen, kommt der Profi und Mensch Cesar Sampaio am dürftigsten weg.Zwei kurze Absätze zur sportlichen Vita, eine einzige Zeile zur Person: "Überzeugtes Mitglied der Athleten für Christus", steht da.Mehr nicht.

Daß der 30jährige aus Sao Paulo ein frommer Mann ist, hat nach dem ersten Treffer der Selecao gegen Chile die halbe Welt gesehen.Nur Sekunden, nachdem sein Kopfball ins Netz geflogen war, ging Sampaio auf die Knie und begann zu beten.Und selbst, während die Kollegen schon jubelnd über ihm lagen und fast nur noch sein Kopf aus der Gratulanten-Traube guckte, sah man es Sampaios glücklichem, aber gleichzeitig ernsten Gesicht an, daß diese persönliche Andacht keine Show war.Auch hinterher, als sich die Sportjournallie aus dem Weltmeisterland um den zweifachen Torschützen balgte, hat der Held des Abends zwischen den detaillierten Schilderungen seiner Tore immer wieder bekannt: "Ich danke Gott und Carlos Dunga".Vom Stiefel des Kapitäns war in der 11.Minute der Freistoß zum 1:0 auf Sempaios Stirn geflogen.

Im sportlichen Leben handelt es sich bei Sampaio allerdings um einen Spätberufenen.In Brasilien betrachtet man diese Geschichte schon fast wie ein Wunder.Als WM-Stars hatten sie in Rio, Sao Paulo und Brasilia immer nur Ronaldo, Roberto Carlos, Denilson und Dunga auf ihrem Programm gehabt.Und nun schiebt sich plötzlich ein ganz Stiller in den Vordergrund."Er hat ein perfektes Spiel gemacht, Cesar Sampaio ist ein kompletter Spieler".Wenn Trainer Zagallo so etwas sagt, dann ist das wie ein Ritterschlag in den Hochadel des Fußballs.

Irgendwie aber hätte man diese Entwicklung ahnen können.Nur ein bißchen Video gucken, die letzten Brasilien-Kassetten.In Stuttgart überraschte Sampaio die Europameister mit seinem Führungstor, bei der WM-Premiere überraschte der schlanke Bursche die Schotten bereits nach dem ersten Eckball, jetzt hat er gleich zweimal die Chilenen überrascht.Und auf einmal findet auch die Niederlage der Campeones gegen Norwegen eine neue Erklärung: Sampaio hatte gefehlt, weil er eine Gelb-Sperre absitzen mußte - und schon war die Ordnung durcheinandergeraten.

Denn allein kann der Kommandant Carlos Dunga die gelegentlich zu Exzentrik, Theater und Show neigenden Kameraden seines Ensembles nicht dirigieren.Deshalb braucht der Chef einen Adjutanten, der ihm all jene Jobs abnimmt, die der ältere Kapitän nicht mehr perfekt erfüllen kann.Sampaio ist schnell, Sampaio paßt auf, Sampaio schleicht sich in Lücken, und weil weder ein Ohrring, noch ein metallicsilberner Schuh an ihm glänzt wie bei Ronaldo, nehmen ihn die Gegner nicht so voll wie all die Gesichter, die sie von Postern und Plakaten und den großen Klubs Europas kennen.Cesar Sampaio aber kommt vom andern Ende der Erde, er spielt für die Yokohama Flugels.Vor vier Jahren ist er nach Japan gegangen, weil man ihn in Brasiliens Weltmeister-Team nicht gebrauchen konnte.Und auch keiner der europäischen Vereine Interesse gezeigt hatte an dem unscheinbaren Mittelfeldspieler aus Sao Paulo.Erst vor einem guten Jahr erinnerte sich Zagallo an den Mann, der zwar schon vor acht Jahren sein Debüt in der Selecao gegeben hatte, aber nie nachhaltigen Eindruck hinterlassen hatte.

Daß er während des Konföderationen-Cups in Saudi-Arabien zum Stammspieler aufstieg und diese Postion gegen berühmte Konkurrenz verteidigen konnte, hat Sampaio am allerwenigsten verwundert."Das schwache Niveau in Japan hat mich zu einem besseren Spieler gemacht", erklärt Sampaio die für seine Landsleute sensationelle Leistungssteigerung.In Brasilien sei er nur für sich selbst zuständig gewesen, sagt er, "bei Yokohama Flugels aber mußte ich für alle Kameraden mitdenken".

Der nette Cesar aus der J-league wird in den nächsten Tagen vermutlich zum besten Allrounder, neuen Supermann und zur Entdeckung der WM hochgejubelt werden.So wie dies 1990 mit dem Deutschen Guido Buchwald passiert ist.Den ganz großen Lohn dafür wird er wohl nicht einstreichen können.Denn Cesar Sampaio hat bereits angekündigt, daß er nach dieser Runde heimkommt zu den Corinthians nach Sao Paulo.So paßt dies auch zu seiner Geschichte.

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