Zeitung Heute : Darf ich im Büro die Nägel feilen?
29.10.2006 00:00 UhrImmer wieder sonntags fragen Sie
Manchmal bricht einem während der Arbeit ein Nagel ab. Damit reißt man sich leicht Pullover oder Strümpfe kaputt. Ist es in Ordnung, den Nagel im Büro glatt zu feilen? Oder muss ich mich dazu zurückziehen?
Es gibt das Klischee einer gelangweilt mit übereinander- geschlagenen Beinen sitzenden Sekretärin, die sich müßig die Nägel feilt. Dieses Bild wirkt wie die personifizierte Unterforderung. Keine lebende Sekretärin, die ich kenne, entspricht diesem Klischee. Dazu ist der Job viel zu anspruchsvoll. Sie sind offenbar in einem hektischen Geschäft und noch dazu im Großraumbüro tätig.
Da man sich in der Öffentlichkeit die Lippen nachziehen und die Nase pudern darf, sollte es auch in Ordnung sein, rasch mal den Nagel zu reparieren, besonders wenn ansonsten die Luft brennt und in der Hektik weiterer Schaden zu befürchten ist. Ich würde das aber nur in Notfällen machen. Wenn die Zeit reicht, sich in den Waschraum zurückzuziehen, fände ich es besser, solche Dinge dort zu erledigen. Die Menschen werden immer empfindlicher, manche könnten den Anblick des Feilens als unappetitlich interpretieren, andere könnten tatsächlich auf den sicher falschen Gedanken kommen, dass Sie gerade nichts Besseres zu tun haben. Nicht alle wissen, dass die besten Einfälle manchmal bei einer leicht gedankenverlorenen körperlichen Beschäftigung zuschlagen, dass Arbeit nicht immer wie Arbeit aussieht. Ein bisschen kommt es natürlich auch drauf an, mit wem Sie zusammensitzen. Teilen Sie eine nicht allseits einsehbare Ecke mit einer Kollegin, mit der Sie auch privaten Kontakt haben, dürfte der Gebrauch einer Nagelfeile kein Problem darstellen. Sitzt Ihnen gegenüber hingegen ein sehr formbewusster junger Mann, sollten sie ihm gar nicht erst Gelegenheit geben, Anstoß zu nehmen. Dann ist die kurzzeitige Flucht zur Toilette allemal zeitsparender als umständliche Erklärungen für Ihr Tun.
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