Zeitung Heute : Darüber reden

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

Meine Freundinnen und ich, wir haben alle einen festen Termin in der Woche. Dienstagsabends hocken wir vor der Glotze und gucken „Sex and the City“. Leider nicht gemeinsam. Anders als Carrie Bradshaw und ihre Freundinnen sind wir keine unabhängigen Singlefrauen. Wir sind Mütter, die müssen schließlich zu Hause bleiben. Wer kann schon ständig einen Babysitter bezahlen. Also hockt jede vor dem eigenen Fernsehschirm und verfolgt gebannt die witzigen Geschichten aus New York über Männer und Sex.

Es ist ja nicht so, dass wir nicht auch bei einem Cosmopolitan über Männer und Sex reden würden. Nur die Schwerpunkte der Betrachtungen haben sich in den letzten Jahren geändert. Das Thema Männer ist meistens schnell durch. Was taugen sie als Väter, sind sie zuverlässig oder wegen ihrer vielen Arbeit kaum vorhanden? Was wir uns derzeit über Sex erzählen, ist auch nicht wirklich mit dem zu vergleichen, was bei Carrie & Co. so schön drastisch zur Sprache kommt. Uns beschäftigt eher die Frage, wie sage ich es meinem Kind, was sage ich ihm und wann und wie viel.

Eigentlich ist Aufklärung ganz einfach: Man erzählt das, was das Kind wissen möchte. Überlässt ihm das Tempo. „Wie machen Füchse Sex?“: Mit dieser Frage fing es bei Charlotte an. Dazu muss man wissen, sie fürchtet sich entsetzlich vor Füchsen, da ist es natürlich von enormer Wichtigkeit, wie sich die Biester vermehren. Vom Fuchs schloss sie dann auf den Menschen. Neulich wollte sie eine Umschreibung für „Sex machen“ wissen, da habe ich gleich geklärt, dass „miteinander schlafen“ mitnichten wirklich schlafen bedeutet. Einige umgangssprachliche Ausdrücke waren ebenfalls schon Thema. Als Charlotte mit der Erkenntnis nach Haus kam, „die Jungs nennen ihre Pobacken Eier“, habe ich dieses Missverständnis aufgeklärt. Eigentlich sind wir also auf gutem Wege. Wenn ich mich nicht so unter Zeitdruck fühlen würde. Denn Charlottes Klassenlehrerin, Frau Meier, hat angekündigt, dass im Frühjahr das Thema „Eltern und Kind“ im Unterricht der zweiten Klasse behandelt wird. Dazu zeigte sie ein Büchlein mit knubbeligen, nackten Menschen, mit dem sie ihren Unterricht gestalten will. Aufklärung mit Bildern von knubbeligen, nackten Menschen? Nein, das müssen wir bis dahin erledigt haben. Also, Kind, frag mich nur und zwar schnell!

Neulich hat Charlotte in einem Regal ein paar alte High Heels von mir ausgegraben und kam stolz mit ihnen angestöckelt. Die schwarzen Dinger mit den Metallplättchen unter den Pfennigabsätzen sind zugegebenermaßen nicht so schick wie Carries Manolo-Blahnik-Stilettos, aber trotzdem superspitz und ganz schön hoch und aus glänzendem schwarzen Leder. „Wann hast du die denn getragen?“, fragte meine Tochter ungläubig, so, als ob ich heutzutage ständig nur in Birkenstocks raumlaufe. Tja, mein Schatz, das war zu einer Zeit, als deine Mutter und ihre Freundinnen sich noch nicht über Väter unterhielten, sondern über Männer als Männer. Über Sex and the city eben.

„Sex and the City“ läuft dienstags um 21.15 Uhr auf Pro 7. Über Aufklärung informieren die Elternbriefe des Arbeitskreises Neue Erziehung, www.ane.de .

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