Zeitung Heute : Darwin im Datenraum

MATTHIAS GROLL

Wired-Herausgeber Kevin Kelly wartet auf die biologische Wende in den digitalen Welten MATTHIAS GROLLWährend das Lernen die menschliche Kompetenz stetig steigert, werden Computer bei zunehmender Informationslast langsam und denkfaul.Irrtümer führen in Algorithmen zu Programmabsturz, wohingegen sie im menschlichen Hauptprozessor Geistesblitze entzünden können.So liegt es nahe, die Computer mit Naturkompetenz ausstatten zu wollen. Die Computerwissenschaften haben die Biologie entdeckt, und Kevin Kelly übersetzt die Visionen um die "evolutionäre Wende" ins Polulärwissenschaftliche: Durch "Das Ende der Kontrolle", so der Titel seines nun auf Deutsch erschienenen Buches, mutierten die Maschinen zu natürlichen Gewächsen: "Je mechanischer wir unsere gefertigte Umwelt gestalten, desto biologischer wird sie sein müssen, wenn sie funktionieren soll".Nur was sich selbst entwickelt und flexibel bezüglich seiner Eigenkomplexität ist, werde Bestand haben. Kelly weiß, wovon der spricht.Als Herausgeber der renommierten Computerzeitschrift "Wired" ist er an vorderster Front tätig.Er ist in den Virtuality-Labors zu Hause, er verfolgte über Jahrzehnte die Entwicklungen naturidentischer Gensimulationen, nahm Platz in Biosphäre 2, sah den Bastlern mobiler Roboter ­ "Moboter" ­ über die Schultern und grübelte über die Wunder und die Rätsel der Natur.Sein Fazit: Ob das Entwickelte nun Gene besäße oder nicht, erst durch eine in Software gebettete Biologie, die evolutionäre Parameter sprichwörtlich ins Spiel brächte, würden die Dinge immer weniger zusammengebaut, sondern angebaut. Den Datennetzen wohne eine evolutionäre Eigendynamik inne.So werde das im "programmierten Kapitalismus" fließende, sich in Echtzeit selbst abbuchende digitale Geld einerseits das Bankwesen herausfordern, andererseits könne erst die durch Kryptographie garantierte "online-Anonymität" den Status der Informationen aufwerten.Die Biologie erobere Wirtschaft, Technik und Gesellschaft. Die Evolution geht online: War die Menschheit bislang kaum Zeuge des Entstehens neuer Tierarten oder Pflanzen, die in den Computersimulationen längst zahlreich entstehenden virtuellen Lebewesen werden immer munterer.Aufgrund "genetischen Trainings" entwickeln sich Technotope, deren "Animante" sich zusehends autonom verhalten.Das Leben, so Kelly, das auf Erden nicht entstanden sei, warte darauf, daß wir Umwelten erzeugten, in denen sie sich entwickeln könnten. Die sich im Blindflug selbst generierenden Technotope freilich dümpeln noch in der Ursuppe ihrer Genese.Ebenso ist der "Darwin-Chip", der die allzu unflexiblen Computerprogramme weiterentwickeln läßt, während man mit ihnen arbeitet, Zukunftsmusik.Kelly flöge dennoch lieber mit einem Flugzeug, das von biologisch optimierter Software gesteuert wird, als mit einer Maschine, deren Software er selbst geschrieben hat.Er müßte begeistert sein, entschlösse sich die Bord-Evolution, mit ihm zum Mars abzubiegen. Als Vertreter der "Kalifornischen Ideologie" ist Kelly zwar dem digitalen Spektakel verpflichtet, sein "evolutionäres Denken" aber ist kompetent und als Herausforderung ernst zu nehmen.Der 600 Seiten starke, spannende und verständlich geschriebene Ausblick auf die heranbrechende Zukunft ist nicht nur eine Leistungsschau gegenwärtiger Forschung.Er umreißt sowohl die Komplexitäten der Natur als auch der modernen Welt. Kevin Kelly: Das Ende der Kontrolle ­ Die biologische Wende in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft ist im Bollmann Verlag erschienen und kostet 58 Mark.

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