Zeitung Heute : Das 1 x 1 des Stehempfangs

Die Berlinale und ihre wichtigen Partys. Vorsicht, da kann jeder Fehler die Karriere kosten! Befolgen Sie den Rat unserer Expertin.

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Von Elisabeth Binder WAS SOLL MAN ANZIEHEN?

Egal, ob zum Empfang eine Filmvorstellung gehört oder nicht, man muss in den hektischen BerlinaleTagen immer damit rechnen, dass zwischen Büro und Empfang keine Zeit zum Umziehen bleibt. Das macht aber nichts, da das große Styling den Stars überlassen bleibt. Zu den Stars nicht nur eine räumliche, sondern auch eine optische Distanz zu schaffen, darauf achtet ihre Entourage. Wenn Sie eine dieser ätherischen Hollywood-Feen in einem pastellfarbenen Nichts zum Ruhme der Filmindustrie auf dem roten Teppich zittern sehen, glauben Sie bloß nicht, dass Sie damit zur Nachahmung aufgefordert sind. Ein schwarzer, gut sitzender Hosenanzug ist immer vorzeigbar, wenn man ihn – beispielsweise mit einer Stola, glitzerndem Schmuck oder extravaganten Schuhen – in ein einzigartiges Kleidungsstück verwandeln kann. Stola, Schmuck und Schuhe können ja tagsüber im Spind bleiben. Make-up sollte unbedingt sein bei solchen Veranstaltungen, aber Sie müssen nicht gleich zum Visagisten rasen. Nirgendwo darf man so sicher sein, dass das Hauptaugenmerk der Anwesenden auf den Stars liegt – darauf, wie ein Star strahlt, was er anhat. Das immerhin haben Filmpartys anderen voraus, und das sollte man entsprechend auch in vollen Zügen genießen. Männer achten bitte darauf, nicht zu bieder aufzutreten. Also möglichst keine grauen Anzüge! Schwarzes Jackett mit Hemd geht immer noch gut. Wer will, kann Krawatte oder Fliege als eiserne Reserve in die Jackentasche stecken. Muss aber auch nicht sein.

WIE LERNT MAN LEUTE KENNEN?

Man sollte es wirklich wollen, da führt kein Weg drumherum. Wenn Sie die Kontaktchancen, die ein solcher Empfang bietet, wirklich effizient nutzen wollen, gehen Sie allein hin. Sonst ist die Gefahr viel zu groß, dass Sie den ganzen Abend an Ihrer Begleitung kleben bleiben und nie dem Leidensdruck ausgesetzt sind, ganz allein herumzustehen und jetzt langsam wirklich mal jemanden zum Reden finden zu müssen, weil es sonst so peinlich aussieht. Man geht ja schließlich nicht auf Partys, um mit lieben, alten Bekannten einen netten Abend zu verbringen, nicht wahr? Dazu sind Kneipen besser geeignet. Am besten, man spricht jemanden an, der auch allein herumsteht. Fragen ist immer gut: „Haben Sie den Gastgeber schon gesehen?“ – „Wissen Sie, ob Harrison Ford erwartet wird?“ Oder, etwas privater und deshalb auch gefährlicher: „Welcher Film hat Ihnen bis jetzt am besten gefallen?“ Wenn man Glück hat, lernt man durch den Angesprochenen, den man mit der Initiative ja auch aus einer peinlichen Situation befreit hat, weitere Leute kennen. Bei normalen Empfängen kann es durchaus passieren, dass man auf diese Weise mit sehr berühmten Fernsehgrößen oder echten Royals ins Gespräch kommt. Niemand ist so bekannt, dass er davor geschützt wäre, mal einen Moment allein auf einem Empfang herumzustehen. Es sei denn, er ist Filmstar. Dann hat er wahrscheinlich eine Armada von Agenten um sich, die lieber eine Mauer aus Spanplatten errichten, als einen spontanen Kontakt zuzulassen; die jeden gnadenlos wegbeißen, der nicht einige Wochen vor ihnen auf den Knien gerutscht ist, um einen Gesprächstermin zu bekommen. Vergessen Sie’s. Es gibt auch unter den Filmhändlern sehr nette Menschen mit breit gefächerten Interessen.

WIE WIRD MAN SIE WIEDER LOS?

Das umgekehrte Problem ist eher noch häufiger. Flüchtige Bekannte aus längst verdrängten Lebensphasen entdecken Sie plötzlich und quatschen sich an Ihnen fest. Sie müssen aber eigentlich noch ein bisschen den Raum durcharbeiten, jeder Empfang ist schließlich eine Chance, das Visitenkarten-Reservoir aufzuforsten und ein bisschen tiefer in die Branche einzutauchen. Die Zeit drängt. Sie entdecken lauter Leute, mit denen Sie eigentlich noch reden müssten und die vielleicht gerade mit anderen zusammen stehen, die Sie schon längst kennenlernen wollten. Legen Sie also alle Begeisterung in Ihre Stimme, derer Sie habhaft werden können. Blicken Sie der Nervensäge fest ins Auge und äußern Sie überströmende Freude, dass man sich getroffen hat, und großes Interesse an den gerade geäußerten Gedanken: „Darüber müssen wir demnächst unbedingt mal ganz in Ruhe reden. Warum verabreden wir uns nicht mal…“ Wenn Sie nicht so schamlos lügen mögen und Ihrer Sekretärin auch nicht die Folgen eines so leichtfertigen Versprechens aufbürden wollen, dann sagen Sie doch einfach, was Sache ist: „Da hinten steht jemand, den ich unbedingt noch erwischen muss. Wir sehen uns später…“ Diese Formel, verbunden mit der unausgesprochenen Hoffnung, dass „später“ frühestens in 100 Jahren meint, geht meist noch als einigermaßen elegant durch.

DARF MAN TRINKEN? SOLL MAN ESSEN?

Inzwischen gibt es einige sensible Caterer, die erkannt haben, dass eine dicke Scheibe Baguettebrot, belegt mit Salatblatt und zaddrigem Schinken bei einem Empfang eine echte Katastrophe ist für jemanden, der mit knurrendem Magen dorthin kommt und folglich irgendetwas essen muss. Es gibt immer noch Häppchen, die nicht mit links zu bewältigen sind, sondern ähnlich aufwendig zu verzehren sind wie ein Big Mäc. Aber es gibt auch schon winzige Canapés, die man auf einmal runterschlucken kann. Leider weiß man nie vorher, wie das Catering sein wird. Auch kommt es vor, dass es bei Film-Partys fast so frugal zugeht wie auf den Feten der Modeszene, die sich am Kalorienbedarf von Models orientieren. Wenn zu mehr keine Zeit bleibt, kann man den gröbsten Hunger immer noch im Taxi dorthin stillen, vielleicht mit einigen Müsli-Riegeln. Was das Trinken betrifft, so lautet der gängige Rat eigentlich: Lassen Sie’s lieber. Andererseits sind Filmpartys ohne einige besänftigende Schlucke in der Regel überhaupt nicht auszuhalten. Die Stars selber trinken ja auch, meist Champagner, der gar nicht so dünn macht, wie man in Hollywood immer sein muss, aber als Betäubungsmittel – besonders bei schwerer Party-Allergie – doch unersetzlich ist. Also trinken Sie, bis Ihnen das Ereignis erträglich vorkommt, aber hören Sie unbedingt auf, bevor Sie zu schwanken anfangen oder Unsinn erzählen. Der allerschlimmste aller vorstellbaren Kater ist die Reue über unachtsames Benehmen am Abend zuvor.

WIE LANGE SOLL MAN BLEIBEN?

Ganz einfach: bis die Arbeit getan ist. Wenn Sie nicht in Form sind, dann sollten Sie zusätzlich drauf achten, dass Sie nicht zu lange bleiben, sich also möglichst mit der ersten Aufbruchstimmung wegspülen lassen. Hatten Sie konkrete Ziele, ist es einfach zu wissen, wann es reicht. Ansonsten gibt die Visitenkarten-Statistik Anhaltspunkte. Deren Handhabung sollten Sie strategisch geschickt organisieren, damit nichts durcheinander kommt. Reservieren Sie die rechte Tasche für ausgehende Visitenkarten, also für Ihre eigenen. Dann brauchen Sie mit dem Glas Wein in der Hand gar nicht lange ungeschickt zu wühlen, sondern haben immer ein Kärtchen griffbereit. Eingehende Karten kommen in die linke Tasche. Erstens kommt dann nichts durcheinander, und Sie laufen nicht Gefahr, die gerade erhaltene Karte von Professor Limelight als eigene zu verteilen. Zweitens können Sie sich so mit einem zielsicheren Griff jederzeit einen Überblick darüber verschaffen, wie viel Sie schon getan haben. Ach ja, mit Stars tauscht man natürlich keine Karten aus. Mit Bohemiens auch nicht. Es gibt inzwischen Kreise, die fühlen sich beim Kartentauschen unangenehm an Geschäftsmeetings mit japanischen Managern erinnert.

Ein weiteres sicheres Zeichen, dass Sie langsam gehen müssen: Plötzlich fühlen Sie sich richtig wohl und kriegen Lust, den Rest des Abends hier zu verbringen. Dann haben Sie entweder zu viel getrunken oder den inneren Abstand zu diesem Stehempfang verloren oder den Verstand. Eins ist so desaströs wie das andere. Also nichts wie weg! Schnell!

WAS TUN IN PEINLICHEN SITUATIONEN?

Dies vorweg: Bilden Sie sich nie ein, man erreiche irgendwann in seinem Leben ein Stadium, in dem einem peinliche Situationen grundsätzlich nicht mehr passieren. Dieses Stadium existiert leider nicht. Manchmal denke ich: Je weiter man fortschreitet in der professionellen Handhabung von Empfängen, desto peinlicher werden auch die Situationen, mit denen man konfrontiert wird. Das hat nur zum Teil mit einer geschärften Sensibilität zu tun, die häufig Folge des exzessiven Umgangs mit sehr Energie geladenen Menschen ist. Es gibt einfach kein Mittel dagegen. Vor einfachen Dingen kann man sich natürlich schützen. Laufmaschen, verschmiertes Make-up, mit Häppchen-Resten bekleckerte Kleider oder Krawatten sind kein Problem, wenn man eine Notfall-Ausrüstung dabei hat. Eine Aktentasche oder einen geräumigen Shopper mit Ersatzstrumpfhose, Make-up-Täschchen, Ersatzbrille – falls die Kontaktlinsen kneifen – einem Jäckchen, das ein Outfit modifizieren kann, falls man peinlicherweise overdressed ist, kann man gut an der Garderobe abgeben. Man hat also ein heimliches Netz, das einen beim Party-Surfing nicht mal ernsthaft belastet und ungemein beruhigend ist.

Zu den häufigsten Peinlichkeiten, von denen fast jeder mal betroffen ist, gehört das Vergessen von Namen. Sie sehen jemanden, wissen, den kennen Sie schon lange, aber der Name will und will Ihnen partout nicht einfallen, ist wie weggeblasen. Vertrauen Sie darauf: Nur Gedächtnisgenies sind davor gefeit. Man könnte es also streng genommen auch zugeben: „Tut mir Leid, wir kennen uns, aber ich habe gerade ein akutes schwarzes Loch im Kopf…“ Okay, das ist nicht schön. Man kann auch versuchen, diskret herauszufinden, wo man den anderen zuletzt gesehen hat und hoffen, dass das dem Gedächtnis auf die Sprünge hilft. Oder einen mitfühlend aussehenden Dritten fragen. (Habe ich oft getan, die wissen’s in der Regel aber auch nicht.) Im Zweifel machen Sie souveränen, aber unverbindlichen Small Talk und freuen sich auf die erlösende Sekunde in der kommenden Nacht oder am nächsten Tag, wenn der Name Ihnen doch wieder einfällt.

Ansonsten: Rechnen Sie mit allem! Es kann Ihnen passieren, dass Sie aus Versehen ein volles Glas Sekt einer wunderschönen Oscar-Preisträgerin vor die Füße werfen. Sie wollen das nicht, klar, aber es passiert einfach und 100 tadelnde Augenpaare heften sich auf Sie. Machen Sie kein weiteres Aufheben davon. Ist die Situation so, dass Sie sich entschuldigen können, tun Sie es einfach. Verzweifelt zum Himmel gereckte Hände in Verbindung mit hoch gezogenen Schultern und einem authentisch-zerknirschten Gesichtsausdruck à la Woody Allen, erledigt den Job in diesen Kreisen auch, vielleicht sogar noch besser. Auch unter Stars gilt, was unter Top-Managern und Spitzenpolitikern richtig ist: Je sicherer und souveräner Sie mit Ihren eigenen Ausfällen und Fehlern umgehen, desto mehr sind die anderen geneigt, Ihnen Pluspunkte auf dem persönlichen Charme-Konto zu gewähren.

FAZIT

Filmfeste verlangen zwingend danach, dass man sich vorher eine überhöhte Erwartungshaltung gnadenlos abschminkt. Bei jedem Empfang ist es wichtig, dass man sich mental auf ihn vorbereitet, aber bei Filmpartys ist es besonders notwendig – weil sie rasch aufs Gemüt schlagen. Das Produkt, um das es geht, ist glamourös, keine Frage. Wer sich jedoch dem Irrtum hingibt, man schwebe auf einem solchen Empfang in den Armen eines begehrten Filmstars von einer Kamera zur nächsten, während die anderen Gäste neiderfüllt tuscheln, ist fast krankhaft naiv. Bei Berlinale-Empfängen geht es in erster Linie um Networking und darum, Filme zu vermarkten, zu verkaufen und zu fördern. Warum sollten Manager in diesem Business glanzvoller sein, als die Leute, die Zahnpasta oder Autos verkaufen, vermarkten oder fördern? Die Hauptsache ist eben, dass sie gute Geschäftsleute sind. Es gibt unter ihnen Experten, die auf Partys kleine Szenen mit Stars filmen lassen, die in Fernseh-Boulevardmagazinen als Beweis des Glamour-Faktors dieser Zusammenkunft übertragen werden. In Wirklichkeit handelt es sich dabei aber nur um Appetitmacher, die unschuldige Menschen in Scharen in die Kinos locken sollen. Hoffen Sie also bitte nicht auf fortgeschrittene Flirts mit charmanten Herzensbrechern oder überirdisch schönen Schauspielerinnen. Fürchten Sie, falls Sie kein eigenes Projekt bewerben wollen, sondern nur zum Spaß hingehen, Ernüchterung und Langeweile. Ein Fernsehabend kann aufregender sein.

Die Autorin schrieb das Buch „Wer sich in Gesellschaft begibt…“ (Argon).

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