Zeitung Heute : Das ABC der Bildung

Zu spät, zu wenig, zu unqualifiziert – in Deutschland lernen Kinder nicht was und wie sie sollen. Das zumindest sagen mehr als 70 Experten, die für Besserung sorgen wollen. In ihrer Studie beschreiben sie, wie eine Reform des Bildungssystems aussehen könnte – gerade in Zeiten des demografischen Wandels. 15 Fragen und Antworten.

Susanne Vieth-Entus

BILDUNG IN NOT – WIE KANN DAS SYSTEM REFORMIERT WERDEN?

Um was für eine Studie handelt es sich? Wer ist der Initiator?

Unter dem Eindruck der deutschen Bildungsmisere und dem der damit verbundenen Risiken für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit Deutschlands beauftragte die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft vor zwei Jahren die Baseler Beratungsagentur Prognos. Sie sollte eine Studie anfertigen, die eine Reform des Bildungssystems unter den Bedingungen des demografischen Wandels in Deutschland mit Blick auf das Jahr 2020 möglich machen würde. Mehr als 70 Experten aus Universitäten, Wirtschaftsunternehmen und Instituten, darunter Arbeitsmarktforscher, Entwicklungspsychologen, Soziologen und Pädagogen wurden zur Beratung herangezogen. Ihre Expertisen und die demografische Analyse der Prognos AG koordinierte der Erziehungswissenschaftler und Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen. Ergebnis ist die Studie „Bildung neu denken“, die am heutigen Donnerstag in der Bundespressekonferenz offiziell vorgestellt wird.

Was bedeutet die demografische Entwicklung für die Bildung? Wie sollen die Bildungsreserven mobilisiert werden?

Bisher wurde die Überalterung der deutschen Bevölkerung vorrangig als Problem der Renten- und Krankenkassen behandelt. Dabei muss es auch für das Bildungswesen Konsequenzen haben, wenn der Anteil der Erwerbsbevölkerung drastisch sinkt. Laut Prognos geht der Anteil der 30- bis 39-Jährigen bis 2020 von jetzt 30 auf 23 Prozent zurück, und mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen wird älter als 50 Jahre sein. Dies bedeutet zum einen, dass sich die älteren Arbeitnehmer viel stärker als bisher durch Weiterbildung auf dem Laufenden halten müssen, weil viel weniger frisch ausgebildetes Personal in die Betriebe kommt. Zum anderen muss dafür gesorgt werden, dass die wenigen jungen Menschen früher ins Arbeitsleben eintreten können – durch frühere Einschulung, verdichtetes Lernen in Ganztagsschulen mit verkürzten Ferien und kürzeren Studienzeiten.

Hilft es, wenn Kinder ab vier Jahren eingeschult werden? Welche Kinder betrifft diese Regelung?

Die Experten empfehlen eine Abkehr von der starren Stichtagsregelung, nach der heutzutage eingeschult wird. Denn sie führt dazu, dass Kinder ohne Rücksicht auf ihre individuelle Reife und nur in Abhängigkeit von ihrem Geburtsdatum zur Schule kommen. Im Schnitt sind sie – beispielsweise in Berlin – sechs Jahre und acht Monate alt. Hier werden Begabungsreserven verschenkt. In der Hirnforschung fanden Experten heraus, dass Kinder gerade zwischen dem vierten und dem sechsten Lebensjahr besonders aufnahmefähig seien. Deshalb soll die Einschulung vorgezogen und gleichzeitig flexibilisiert werden. So können Kinder je nach ihren Voraussetzungen mit vier, fünf oder sechs Jahren eingeschult werden.

Was deckt den Bedarf langfristig?

Momentan liegen große Bildungspotenziale in Deutschland brach. So bleiben etwa 20 Prozent eines Jahrgangs ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung. Diese Zahl könnte verringert werden, wenn die Schwächen frühzeitig erkannt würden und eine wirksamere Förderung einsetzte. Um den demografischen Wandel teilweise abzufedern, müssten mehr Frauen, Zuwanderer, Lernschwache und bildungsferne Schichten in die Erwerbstätigkeit gebracht werden. Zudem soll der Anteil an Höher- und Höchstqualifizierten nicht nur mit einer besseren Primärausbildung gesteigert werden, sondern auch mit dem Nachholen von Abschlüssen. Selbst die Reaktivierung ausgeschiedener Mitarbeiter wird unter Umständen notwendig sein.

Warum sollen 70 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen und 50 Prozent studieren? Brauchen wir nur Akademiker?

Im internationalen Vergleich machen in Deutschland zu wenig Schüler Abitur und zu wenig absolvieren ein Hochschulstudium. Die wirtschaftliche Entwicklung führt aber dazu, dass die Zahl der Arbeitsplätze für ungelernte oder gering qualifizierte Kräfte kontinuierlich abnimmt. Der größte Teil der Arbeitslosen hat entweder gar keinen Schulabschluss oder nur einen Hauptschulabschluss. Dagegen bilden die Akademiker die mit Abstand kleinste Gruppe unter den Arbeitslosen. Je besser die Ausbildung ist, desto besser die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und desto flexibler die Einsatzmöglichkeiten.

Was verspricht man sich von der Einführung von Studiengebühren?

Generell muss davon ausgegangen werden, dass es zu einer stärkeren Beteiligung des Einzelnen an den Bildungsausgaben kommen muss. Dazu können auch Studiengebühren zählen, allerdings sozial abgefedert. Keinesfalls sollen sie als Ersatz für staatliche Zuschüsse dienen. Die Experten empfehlen, dass die Gebühren lediglich eine zusätzliche Geldquelle für die Universitäten sein sollen, also „on top“ zur staatlichen Finanzierung.

Wie kann die Bildungsqualität verbessert werden?

Notwendig ist die regelmäßige Qualitätsüberprüfung der Lehrer, der Methoden und der Medien. Die Qualität von Bildungseinrichtungen soll öffentlich dokumentiert werden, damit sich die Nutzer bewusst für oder gegen eine Einrichtung entscheiden können.

Wie kann die Qualität der Lehrer und Hochschullehrer verbessert werden?

Bevor ein Student das Lehramtsstudium aufnehmen darf, muss er einen Leistungs- und Eignungstest absolvieren. Von Anfang an wird er einer Stammschule zugewiesen, die er wöchentlich besucht. Außerdem muss er möglichst früh ein mindestens halbjähriges Schulpraktikum absolvieren. Eine berufsbegleitende jährliche Weiterbildung wird Pflicht. Außerdem sollen Lehrer leistungs- und belastungsbezogen honoriert werden. Ihre Einstellung erfolgt befristet im Angestelltenverhältnis. Hochschulpersonal soll nur eingestellt werden, wenn es eine didaktische Qualifizierung nachweisen kann. Es soll drei Arten von Hochschullehrern geben: Solche, die nur in der Ausbildung tätig sind, Professoren, die ausschließlich forschen und solche, die sowohl lehren als auch forschen.

Warum sollen Haupt- und Realschulen verschmolzen werden?

Durch den veränderten Arbeitsmarkt ergibt eine Aufspaltung in Haupt- und Realschulen keinen Sinn mehr. Wenn aber etwa 60 Prozent eines Schülerjahrgangs zusammen unterrichtet werden, muss stärker auf die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen Rücksicht genommen werden. Der Lehrer muss verschiedene Aufgaben stellen, also „binnendifferenzierten“ Unterricht bieten.

Diese neuen Sekundarschulen gibt es übrigens schon in Sachsen. Berlin steuert mit der verstärkten Kooperation von Haupt- und Realschulen auch in diese Richtung. Die Durchlässigkeit der Sekundarschulen in Richtung Gymnasien muss möglichst groß sein, damit die Erhöhung der Abiturientenquote erreicht werden kann. Allerdings muss der Übergang in eine Einrichtung mit höherer Leistungserwartung immer daran geknüpft sein, dass der betreffende Schüler diese Erwartungen auch erfüllen kann. Gesamtschulen sind in der Studie nicht vorgesehen.

Wie kann das Bildungssystem den individuellen Voraussetzungen der Schüler besser gerecht werden?

Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf wie Migranten, Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche oder mit dem ADS-Syndrom (Hyperaktivität) sollen zusätzlichen Sonderunterricht in Einzel- oder Kleingruppen erhalten. Hochbegabte erhalten Zusatzangebote, für besondere Begabungen sollte es Spezialschulen geben. Schulferien oder andere lernfreie Zeiten können für zusätzlichen Unterricht genutzt werden.

Wie kann Leistung zuverlässiger benotet werden?

Prüfungen nehmen grundsätzlich nicht die Lehrenden ab. Die Notenskala von 1 bis 6 wird ersetzt durch Leistungsbepunktung. Die Leistung wird kontinuierlich diagnostiziert und dokumentiert.

Wie kann das Bildungswesen dereguliert werden?

Der Staat soll sich darauf konzentrieren, eine qualitativ hochstehende Grundbildung für die 4- bis 14-Jährigen anzubieten. Die staatliche Bildungsaufsicht soll durch Managementmodelle wie Zielvereinbarungen und Kosten-Leistungs-Rechnung ersetzt werden; für die Qualitätskontrolle sorgen zugelassene private Akkreditierungsunternehmen. Staatsprüfungen soll es im Bildungsbereich grundsätzlich nicht mehr geben. Wettbewerbsverzerrungen im Bildungsmarkt sollen verhindert werden, indem der Staat beispielsweise nicht mehr als Anbieter im Weiterbildungsmarkt auftritt.

Was fördert die private Initiative?

Nicht nur jeder Einzelne soll sich künftig stärker verantwortlich fühlen für seine Bildungsbiografie, indem er mehr in seine Bildung investiert – zeitlich und finanziell. Insbesondere im allgemein bildenden Bereich soll mehr Privatinitiative zugelassen werden, indem freien Trägern Schulgründungen erleichtert werden. Im berufsbildenden Bereich soll die Verantwortung der Wirtschaft für die Qualität der Berufsausbildung gestärkt werden. Dies bedeutet, dass sie mehr Einfluss auf Bildungsinhalte nehmen und mitwirken bei der Gründung von Beschäftigungsgesellschaften, die gleichzeitig für berufliche Ausbildungsarbeit sowie Arbeitskräftevermittlung und -bereitstellung zuständig sein können. Außerdem sollen Eltern, Vereine, Verbände und Unternehmen verstärkt mit öffentlichen Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten.

Wie kann das deutsche Bildungswesen internationalisiert werden?

Dieses Ziel soll erreicht werden durch die Intensivierung des schulischen Fremdsprachenunterrichts, verstärkte Einrichtung bilingualer Schulen, Erhöhung des Anteils ausländischer Studierender und gezielte Anwerbung von internationalem Lehr- und Ausbildungspersonal. Außerdem soll mehr Kindern als bisher ein Auslandsaufenthalt ermöglicht werden.

Was soll das alles kosten?

Zurzeit liegt der Anteil der Bildungsausgaben am deutschen Bruttoinlandsprodukt bei 4,5 Prozent. Andere OECD-Staaten geben im Schnitt 5,3 Prozent aus. Die Studie hält es für notwendig, die Bildungsausgaben auf 5,6 bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben