Zeitung Heute : Das Abitur im Streit

UWE SCHLICHT

Was muß der Absolvent einer deutschen Oberstufe wissen / Die Kultusministerkonferenz in Dresdnen schreibt drei Pflichtfächer fest / Rektoren und Arbeitgeber fordern fünf Fächer VON UWE SCHLICHT

Hochschulrektoren und Arbeitgeber laufen Sturm gegen die Oberstufenreform.Doch die Kultusminister lassen sich nicht beirren.Seit Jahrzehnten halten sie an den revolutionären Prinzipien von 1972 fest.Ist das Halsstarrigkeit oder steckt dahinter die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der im deutschen Föderalismus bei einstimmig zu fassenden Beschlüssen so oft unvermeidbar ist? Weder noch.Die Kultusminister lassen sich von höherer pädagogischer Einsicht leiten.Das zeigt ein Blick auf die Entwicklung.Die Abiturdiskussion ist letztlich von der Herausforderung durch die Technik angestoßen worden.Die Allgemeinbildung im Sinne Humboldts, durch Philosophie, klassische Sprachen, Mathematik, Geschichte und Literatur bestimmt, wurde schon im Kaiserreich obsolet, als der Bildungsbürger zwar von den Fortschritten der Technik und der Naturwissenschaften profitierte, aber mit seiner Unkenntnis über die Zusammenhänge kokettierte.Je kürzer die Halbwertzeit des Wissens wurde, je mehr sich die Wissenschaften spezialisierten, um so schwieriger war die Frage zu beantworten, ob es noch dominierende Fächer für eine eingrenzbare Allgemeinbildung gibt. Das Dilemma lösten die Kultusminister 1972 durch die Entscheidung für eine prinzipielle Gleichwertigkeit aller Fächer.Zugleich legten sie Aufgabenfelder fest, die bis zum Abitur für alle verbindlich sind, um einen Kern von Allgemeinbildung zu bewahren: im künstlerisch-literarischen Bereich, im mathematisch-naturwissenschaftlichen Sektor und bei den Sozialwissenschaften und der Geschichte.Ein System von Grund- und Leistungskursen bot den Schülern genug Wahlfreiheit.Das Ergebnis war weniger das berüchtigte Billigabitur mit Bildender Kunst, Biologie und Politischer Weltkunde, das so häufig an den Pranger gestellt wurde.Dieser Mißbrauch wurde gestoppt.Problematisch blieb die Tatsache, daß seitdem immer mehr Schüler immer Unterschiedlicheres wissen.Daraus hat die Kultusministerkonferenz Konsequenzen gezogen, 1995 in Mainz und jetzt in Dresden.Nicht die von den Hochschulrektoren und Arbeitgebern gewünschten fünf Fächer Deutsch, Mathematik, eine Fremdsprache, Geschichte und eine Naturwissenschaft wurden verbindlich bis zum Abitur, sondern drei.Die Kultusminister ließen sich von der Erkenntnis leiten, daß die Grundlagen zum kulturellen, sprachlichen und naturwissenschaftlichen Verständnis der Zeit in Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache gelegt werden.Ein weiter gefaßter Fächerkanon hätte das neue Bildungsverständnis der Oberstufenreform von 1972 in Frage gestellt. Die meisten neuen Länder haben bisher in 12 Jahren zum Abitur geführt.Aber mit weit weniger Stunden als im Westen üblich.Ihnen ist die Anerkennung sicher, sofern sie von der fünften Klasse an mindestens 265 Wochenstunden bis zum Abitur garantieren.Baden-Württemberg kommt sogar auf 283.Kein Wunder, daß Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt auf 13 Jahre übergehen.Politikern in der CDU und FDP gefällt das nicht.Aber die Kultusminister stehen dem Schulalltag näher als die Standort-Deutschland-Redner.Gleichgültig ob sie zur CSU, der CDU oder SPD gehören, verteidigen die Minister ihre Entscheidung in der Gewißheit, daß die Oberstufenreform weiteren Stürmen ausgesetzt sein wird.Kulturpolitiker wissen: Wer die Ausbildungszeiten verkürzen will, muß das in den Universitäten erreichen.Dazu bedarf es der Studienreform, einer Betreuung durch mehr Personal und einer ausreichenden BAföG-Finanzierung.Das kostet Milliarden, und gerade die sollen gespart werden.Deswegen läßt sich so leicht über das Abitur nach 12 Jahren reden und über die Qualität eines Abiturs nach 13 Jahren schimpfen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben