Zeitung Heute : Das ältere Gewerbe

Jan Wagner

Als Dante und sein Begleiter Virgil in der Divina Comedia zum neunten Höllenkreis hinabsteigen, bemerken sie unter den im eisigen Cocytus eingefrorenen Verrätern zwei, die "vereist in einem Loche staken,/ So daß des einen Kopf des andern Hut.// Und wie die Hungrigen die Brote packen,/ So schlug der Obere ein da seinen Zahn,/ Wo das Gehirn sich anfügt an den Nacken." Es handelt sich um den Grafen Ugolino, den man gemeinsam mit Söhnen und Enkeln in einem Turm verhungern ließ und der sich nun für alle Ewigkeit an seinem Peiniger gütlich tut. Uwe Kolbe greift diese Episode gegen Schluss seines neuen Gedichtbandes auf und formt daraus eine Rachephantasie auf bis zu drei namenlose "Herren", über deren Missetaten man freilich nur mutmaßen kann. "Hernach, während die Temperatur/ auf weit genug unter Gefrierpunkt/ gesenkt und gehalten würde,/ zög ich die so verkeilten Köpfe/ halb aus dem Wasser heraus,/ um dieses Vermögen der Poesie/ geneigten Betrachtern/ in meinem Museum zu zeigen": So endet, frei nach Dante, "Der schöne Dezember 2000", der in seiner ironisch gefärbten Deftigkeit heraussticht aus einer Sammlung, deren kontemplativer Ton ansonsten um Zurückhaltung bemüht ist.

Eher noch als an ein Museum und seine Exponate mag man deshalb an ein lyrisches Tagebuch denken, in dem sich die Wahrnehmungen von Woche zu Woche unaufdringlich präsentieren - und tatsächlich sind alle Gedichte sorgsam mit Datum und Ortsangabe versehen. Die genaue Beobachtung ist Kolbe dabei stets Anlass zu gedanklicher Vertiefung, zur Meditation über das Detail, sei es ein Hochsitz, eine Wegerichblüte oder eine Mutter mit Sohn in der Distanz, während drei Falken "flach über dem Haus im Wind" stehen und spähen, wie der Dichter am Fenster es auch tut. Es überrascht nicht, daß die Gedanken dabei immer wieder um die eigene Person und das eigene Schaffen kreisen: "Es hilft mir nicht und auch nicht dir, mein blasser Freund,/ was wir hier treiben, ist das ältere Gewerbe./ Nur Mund sind wir und gehen wieder auf und sagen,/ was unverständlich ist."

Kolbes Blick gilt der Kindheit, etwa in dem fast prosaischen Text "Der Essigbaum", der Liebe und deren Verblassen ; er gilt dem Prozeß des Schreibens und, inmitten der Alltagsbilder aus dem ländlichen Schwaben und aus Tübingen, wo Kolbe zur Zeit lebt, immer wieder der Stadt seiner Herkunft. So wird aus der hauptstädtischen Vorwahl eine verspielte Hommage an Berlin, eine auf den Ziffern 0 und 3 basierende Formjonglage, deren teils salopper Charme trotz oder gar wegen des gelegentlichen Flirts des 030-Schemas mit der 08/15-Aussage ("Berlin/ säuft wie Dublin") besticht. Auch sonst beschränkt Kolbe sich keinesfalls auf einen melodischen vers libre. Es finden sich neben wunderbaren "Frühjahrssturm-Terzinen" zahlreiche mit Reimen verknüpfte Strophen, neben Versen mit sorgsam verschobener Syntax die in ihrer Schlichtheit berührende "Kürzere Stanze". Ebenso ruhig und unaufgeregt geht Kolbe in den meisten seiner neuen Gedichte dem älteren Gewerbe nach, und bei einer ganzen Reihe von ihnen fällt es dem Leser nicht schwer, der abschließenden Forderung zweier Zeilen aus dem Text "Womit ich befaßt bin" nachzukommen: "Komm staunen und sterben,/ begeistere dich."

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