Zeitung Heute : Das Aha-Erlebnis

Wo Kulturgeschichte lebendig wird: ein Gespräch mit Arne Effenberger, Direktor der Skulpturensammlung, und Bernd Lindemann, Direktor der Gemäldegalerie

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Die Skulpturensammlung war jahrelang in Berlin nicht in Gänze zu sehen. Welche Überraschung erwartet den Besucher?

Effenberger: Die größte Überraschung wird die Skulpturensammlung selbst sein. Noch nie wurde sie auf ausreichender Fläche im eigenen Haus präsentiert. Es gab immer nur Provisorien: Erst hier, dann im Pergamonmuseum, dann die Nachkriegsprovisorien. Nach 67 Jahren ist die Sammlung wieder komplett beieinander. Das wird ein Aha-Erlebnis!

Das Bode-Museum gibt Raumfolgen vor, die sich in keine klare Chronologie fügen. Wie haben Sie reagiert?

E: Vorgegeben ist die Hauptachse mit den Raumkunstwerken. Davon ausgehend haben wir die nordalpine Kunst auf der Nordseite, der Spreeseite, versammelt, die Italiener auf der Südseite. Eigentlich müsste man mit Byzanz beginnen, mit dem Apsismosaik von Ravenna, das nur über einen „Nebenweg“ erreichbar ist. Dafür haben wir im Sockelgeschoss, unter der Basilika, einen Raum für die Romanik hinzugewonnen. Wir können den Besucher ohnehin nicht zu einem bestimmten Rundgang zwingen. Jeder sucht seinen eigenen Weg.

Wird es auch die Raumensembles der Bode-Zeit, die „period rooms“, geben?

E: Wir haben über die Rekonstruktion eines Bode-Raums nachgedacht. Bei der Basilika haben wir eine Wiederherstellung versucht. Und im sogenannten Studiensaal hängen wie bei Bode die Werke dicht übereinander. Wir wollten Skulptur als Skulptur erfahrbar machen. Wir haben daher sehr locker aufgestellt.

Lindemann: Die Räume unterscheiden sich optisch vom Zustand von 1904, weil die Skulpturensammlung sie nun intensiver nutzt. Das Haus muss als modernes Museum funktionieren. Es ist kein Schloss, das man rekonstruiert wie in Charlottenburg zum Beispiel.

Ist die Verbindung von Skulptur und Gemälde nicht eine Rückbesinnung auf Bode?

L: Dort, wo sich inhaltliche und ästhetische Zusammenhänge ergaben, hat die Gemäldegalerie Werke beigesteuert, vor allem im Mittelalter. Die Altarbilder zeigen, wie über das Phänomen der farbig gefassten Skulptur im Rahmen eines Gemäldes reflektiert wird.

E: Die Bilder verdeutlichen die inneren Zusammenhänge. Es ging nicht darum, Bilder hinzuzufügen, damit es nicht langweilig ist. Gerade bei den Flügelaltären sieht man, wie schädlich es ist, diese Kunstwerke auf getrennt geordnete Museen zu verteilen. Bei uns wird Kulturgeschichte wieder lebendig.

L: Ich werde dauernd gefragt, wie viele Bilder ich „abgebe“ – als ob das Bode-Museum in Nowosibirsk läge. Die Mauer steht seit 16 Jahren nicht mehr; es geht um die optimale Präsentation. Die Zeit des Kästchendenkens sollte vorbei sein.

Skulpturen gelten als spröde. Zeigen Sie Gemälde, weil Sie befürchten, die Besucher könnten von einem reinen Skulpturenmuseum abgeschreckt sein?

L: Bilder erzählen Geschichten und bilden sehr viel Farbe auf der Fläche ab.

E: Und Skulpturen sind anwesende Personen im Raum.

L: Gleichzeitig sind sie Bruchstücke. Das Beispiel Flügelaltar zeigt: Gemälde kommen in die Gemäldegalerie, wo sie ihre Geschichte erzählen, Skulpturen in die Skulpturengalerie. Obwohl die zeitgenössische Kunst mit dem Aspekt des Torso arbeitet, lässt sich das Publikum nicht zur alten Skulptur zurückbringen.

E: Natürlich kann man erkennen lernen, wo eine Skulptur einmal stand – wir zeigen auch vollständige Ensembles. Aber im Grunde muten wir den Menschen in dieser Konfrontation viel zu.

L: Bei den Gemälden gibt es einen stärkeren Gleichklang in Farbe und Format. Bei den Skulpturen divergieren Größenverhältnisse und Materialien; sie reichen von Metallen, Terrakotta, gefassten Holzskulpturen bis zu Marmor. Es gibt ein intensiveres Angebot an Reizen.

Gleichzeitig gibt es Pläne, dass die Gemäldegalerie vis-à-vis des Bode-Museums ein eigenes Haus erhalten und auf die Museumsinsel zurückkehren soll.

L: Natürlich ist die Gemäldegalerie inhaltlich sinnvoller auf der Museumsinsel untergebracht, aber die Skulpturensammlung füllt das Bode-Museum, und für die Gemäldegalerie ist der Bau am Kulturforum zugeschnitten. Es wäre unmöglich, beide Sammlungen im Bode-Museum unterzubringen. Es geht hier um sechs Jahrhunderte Kunstgeschichte. Das sind andere Dimensionen als die Sammlung des 20. Jahrhunderts, die als Nachfolger am Kulturforum im Gespräch ist.

Welche Auswirkungen hätte eine Gemäldegalerie auf dem Kasernengelände für das Bode-Museum? Bliebe die Trennung zwischen Gemälden und Skulpturen?

E: Wir würden beides gemeinsam nutzen. Wir würden im Bode-Museum italienische Skulpturen und Gemälde zeigen. Das neue Museum würde nordalpine Skulpturen und Gemälde beherbergen.

L: Die Trennung zwischen nord- und südalpiner Kunst ist durchgesetzt. Im Bode-Museum gibt es im Obergeschoss Räume mit Oberlicht und hochliegenden Seitenfenstern, die sich für Gemälde eignen, im Untergeschoss sind Räume mit Seitenlicht günstig für Skulpturen. Man müsste diese Struktur nur wiederholen.

Die andere große Attraktion ist beim Bode-Museum das Gebäude selbst. Wie wollen Sie das Haus im Gespräch halten?

E: Bislang wagt noch keiner, über den 17. Oktober hinauszusehen. Doch das muss geschehen. Ich höre jetzt schon den Vorwurf: Das Haus kostet 3,4 Millionen Euro Betriebskosten im Jahr – wird das durch Besuchergelder eingespielt? Doch schon bei 1000 Besuchern pro Tag ist das Haus von der Infrastruktur her überfordert.

L: Das gilt für die ganze Museumsinsel. Die Gebäude sind auf einen extrem schmalen Besucherzustrom berechnet. Die Museumsinsel ist erst seit 1904 mit Eröffnung des Bode-Museums für Publikum offen. Am Eingang stand ein livrierter Diener, der die Mäntel in Empfang nahm. Keines der Häuser ist auf die heutige Situation eingestellt, bei der das Gros per Bus kommt und mit einem Schlag 70 Besucher an der Garderobe stehen.

Sie haben nun ein wunderbares Haus, gibt es noch offene Wünsche?

E: Wir sind in der seltsamen Situation, nichts verteidigen zu müssen, außer die dicken Beine der Vitrinen von Heinz Tesar.

L: Das Haus bietet ungeheuer viele Reize und ist gleichzeitig ein modernes Museum. Ich vergleiche es immer mit einer Benjaminischen Passage des 19. Jahrhunderts, mit seiner großen Mittelachse, von der aus sich der Flaneur in die seitlichen Arme verlaufen kann. Selbst bei den vielen Besuchern des Pergamonmuseums weiß nicht jeder, was ihn erwartet. Auch das Bode-Museum mit seiner Aura kann dies erreichen: allein durch die Existenz dieses Gebäudes, seine Außenwirkung, die Möglichkeit, sich von diesem grandiosen, schamlosen wilhelminischen Paukenschlag gefangen nehmen zu lassen. All das wird überzeugen.

Das Gespräch führten Nicola Kuhn

und Christina Tilmann.

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