Zeitung Heute : Das Ambiente, wo sich Hollywoods Tarzan zu seiner Jane hangelt

ROLAND MISCHKE

Kubas Cayo Largo - fast surrealistisch schön VON ROLAND MISCHKE

Cayo Largo, die Palmeninsel in der Karibik, wird von Havanna konsequent zum devisenbringenden Urlaubergetto ausgebaut.Mit gutem Erfolg.Doch das wahre Kuba ist für Touristen weit entfernt, Einheimische sind hier nur als Dienstpersonal zugelassen.Kolumbus war ein rauher Seebär, aber nachdem er 1492 Kuba entdeckt und als erster Europäer die Insel betreten hatte, wurde er beinah zum Lyriker."Die außergewöhnliche Schönheit übertrifft alles andere an Zauber und Anmut, so wie der Tag die Nacht an Glanz übertrifft.Ich bin überwältigt beim Anblick solcher Schönheit, daß ich nicht weiß, wie ich sie beschreiben soll", vertraute er seinem Tagebuch an. Das sollte der Wasserarbeiter auch lieber den Wortarbeitern überlassen, von denen schon manche hymnisch in die Saiten gegriffen haben, wenn es galt, dieses noch großteils naturbelassene Stück Erde zu schildern.Die Lobpreisung nimmt kein Ende.Passatwinde wiegen endlos hochgewachsene elegante Königspalmen und robuste Pinien.Wolkenschatten jagen über das Grün der Wildnis.Vögel in betörender Farbenpracht zwitschern, trillern und jubilieren ausgelassen in üppiger Vegetation.In abgelegenen Sümpfen liegen baumlange Alligatoren im Wasser und spielen scheintot, um plötzlich blitzschnell abzutauchen.Möwen steigen auf, einzeln, paarweise, kreischend, ihren Flug mit Flügelschlägen exzellent ausbalancierend.Pelikane schweben über dem türkisfarbenen Meer, falten sich wie Altherrenregenschirme zusammen zum langen spiraligen Flug ins Wasser, aus dem sie sofort wieder aufsteigen mit Silber im bauchigen Schnabel und sich hinaufkämpfen in die flirrende Luft.Cayo Largo, eine winzige, von warmen Wellen bespülte Scholle, ist fast surrealistisch schön. Die Bucht, in der der Entdecker der Neuen Welt vor Anker ging, war gar nicht so weit entfernt von dem kleinen Eiland, das beim Anflug mit der heftig rüttelnden Iljuschin in der Karibischen See funkelt wie eine Perle und das der kubanische Staat, chronisch devisenbedürftig, zügig zur perfekten Urlauberinsel ausbaut.Viel anders wird die Bucht, in der Kolumbus vor einem halben Jahrtausend geschwärmt hat, auch nicht ausgesehen haben.Die 38 Quadratkilometer große Insel Cayo Largo gehört zum Canarreosarchipel und ist dessen größte und östlichste Sandbank.Viele Kuba-Reisende haben sie längst als die reizvollste unter den insgesamt 4195 Inseln und Sandbänken, die zum kubanischen Staatsgebiet gehören - einem Territorium von der Größe Englands -, ausgemacht. Die Cayo Largo ist Teil des Landbogens, der den westlichen Teil Kubas, den landschaftlich interessantesten der größten Antilleninsel, formt.Das 19 Kilometer lange und drei Kilometer breite Eiland versammelt geographische Attraktionen auf kleinem Raum: Am nördlichen Küstenabschnitt sind seichte, von Pflanzenwildwuchs durchzogene Lagunen.Genau das Ambiente, in dem Hollywoods Tarzan sich zu seiner Jane hangelt.Der Süden Cayo Largos zeigt sich völlig anders als der Norden.Weiße Sandstrände gehen in ein Korallenriff über, von dem aus das Wasserbett sofort bis zu einer Tiefe von 1850 Metern abfällt.Ideal für Taucher.Bunt lockt die Tiefe der Karibischen See.Doch auch Ornithologen kommen hier voll auf ihre Kosten: In der Vogelwelt dieser Sandbank sind 125 Arten von Wandervögeln und 50 einheimische Arten verbucht.In den von Mangroven gesäumten schmalen Buchten des Nordens nisten Kolonien von Kormoranen und Pelikanen und nicht selten schwebt ein einsamer Albatros von gewaltiger Spannbreite vorbei, der sich ohne Flügelschlag in der Thermik hält.Haifische und Schildkröten verdunkeln die See, während Leguane tollpatschig über Felsen klettern.Die intakte natürliche Wildnis, der ständige Sonnenschein und das klare, immer warme Wasser, dessen Temperatur nie unter 25 Grad fällt, haben aus der Sandbank ein begehrtes Fleckchen für die Tourismusindustrie gemacht.Die soll der maroden kubanischen Wirtschaft zum Aufschwung verhelfen, und deshalb fällt auch Cayo Largo eine Anschubfunktion zu.Ein Regierungsentscheid hat, diskriminierend für die Einheimischen, festgelegt, daß Cayo Largo ganz den devisenschweren Ausländern überlassen bleibt.Kubaner sind auf der Insel nur als Dienstpersonal zugelassen.Manche der eingeflogenen Touristen müssen ihnen vorkommen wie ihre Vorfahren die Piraten, die früher in diesen küstennahen Gewässern gern kreuzten und zeitweise die Insel okkupierten. Das Motto, das den Besucher der Insel unverzüglich nach dem Aussteigen aus dem Flugzeug erreicht, lautet: Urlaub total, Freizeit als Spaß rund um die Uhr.Der kubanische Tourismus übt hier alle Faszination und Unarten des modernen Urlaubergeschäfts.Nicht einmal vor Animateuren hat man zurückgeschreckt, die im übrigen auch gelegentlich ein sächsisch eingefärbtes Deutsch sprechen.Da stellt sich heraus, daß der eine oder andere von ihnen einst Germanistik in Leipzig studiert oder eine Fachhochschule in Chemnitz, das hier selbstverständlich immer noch Karl-Marx-Stadt heißt, absolviert hat.Jetzt verhelfen ihm seine Sprachkenntnisse zu einem der überaus begehrten Arbeitsplätze im Tourismus, die krisensicherer sind als alle anderen, die Kubas Wirtschaft zu bieten hat. Am Flughafen, der abends zur Freilicht-Disko wird, gibt es heiße Rumba-Rhythmen und einen exotischen Begrüßungstrunk.Kleinbusse bringen die Besucher zu den drei Hotels, die alle auch über weiträumige Anlagen mit strohgedeckten Bungalows und zahlreichen Sportplätze verfügen.Sie liegen direkt am feinsandigen, schneeweißen Strand, von dem Cayo Largo - wegen der Einbuchtungen und kleinen Halbinseln - insgesamt 27 verführerische Kilometer aufzuweisen hat.Die Hotelanlagen lassen kaum Wünsche übrig, zwei weitere sind zunächst geplant, eine ist bereits im Bau.Die kubanischen Planer versichern, die Insel nicht zu zersiedeln und nur einen sanften Tourismus mit begrenzter Gästeanzahl zuzulassen.Ob sie ihre guten Vorsätze durchhalten, wenn rasche Deviseneinnahmen locken, ist abzuwarten.Es wäre der schönsten aller kubanischen Sandbänke zu wünschen, daß sie nicht durch Menschenhand irreparabel beschädigt wird. Trotz der vehementen Bemühungen, Touristen hier zu schröpfen - es gibt allerdings recht moderate Preisangebote der großen Touristikgesellschaften und der Urlaub hier ist allemal viel günstiger als auf Mallorca -, werden sich auf Cayo Largo für mehrere Tage oder gar Wochen nur solche Urlauber wohlfühlen, die entweder Wassersportler oder naturverbunden sind.Außerhalb des Flughafengeländes, auf dem allnächtlich Europäer und Scharen von Kanadiern vom Rhythmus der Musica Salsa überzeugt werden und der Rum, sonst nur genippt, gekippt wird, ist auf dem Eiland nichts anderes zu erleben als die Entdeckung der Langsamkeit.Der Langzeiturlaub wird zur Psychotherapie.Man muß sich ertragen können, denn man ist auf Cayo Largo ganz auf sich zurückgeworfen.Nachdem man sich an das verläßlich weiß strahlende Licht gewöhnt und mit dem soliden chinesischen Fahrrad, das ausgeliehen werden kann, strampelnd die Insel erkundet hat, durch die nur eine einzige Piste führt, ist da nichts mehr an Abwechslung. Die meisten würden sich viele Bücher mitbringen, sagt Roberto Diaz, einer der wenigen Kubaner in dem von Ausländern, vor allem Kanadiern und Spaniern, dominierten Management.Er sächselt nicht, sondern berlinert.Zwei Jahre, erzählt, hat er im Stadtbezirk Weißensee gewohnt.Es sei dort sehr kalt gewesen, fügt er vieldeutig hinzu. Die Restaurants sind gut und bieten abwechslungsreiche Menüs, an jedem Bartresen herrscht eine polyglotte Atmosphäre und das Wetter ist das Verläßlichste überhaupt, weil es im Jahresmittel immer um 25 Grad liegt, weil stets kühlende Winde wehen und aus dem Äquatorialgebiet des amerikanischen Kontinents pausenlos vorgewärmte Wassermassen herangewälzt werden.Neugierige stecken allerdings fest in der touristischen Enklave, lernen Kubaner nur als servile Geister kennen, allgegenwärtig zwar und mitunter in Kompaniestärke, aber genau so vom Festland und seinen derzeit drängenden Problemen abgeschnitten wie der Tourist.Daß Kuba gerade den Herbst seines Patriarchen erlebt, daß die Gesellschaft in Agonie liegt und alle sich verschärfenden Probleme auf eine explosive Lösung hindeuten - auf der Idylle Cayo Largo wird einem davon kaum etwas bewußt.Darum ist es ratsam, doch einmal die Iljuschin nach Havanna zu nehmen, wo kubanisches Alltagsleben stattfindet.Nach dieser Visite wird man das Leben auf dem Inselchen mit anderen Augen sehen, aber nach wie vor seine Natürlichkeit zu schätzen wissen. Einreise: Noch sechs Monate gültiger deutscher Reisepaß.Pauschalurlauber erhalten die Touristenkarte zur Einreise mit den Reise-Unterlagen.Ausgefüllt und vom Reisebüro abgestempelt, ist das Original an das Konsulat der Kubanischen Republik, Kennedyallee 22-54, 53175 Bonn zu senden.Es muß spätestens drei Tage vor der Reise dort ankommen; die beiden Kopien sind in Kuba mit dem Paß bei Einreise vorzulegen.Keine Impfungen. Geld:Landeswährung ist der Kubanische Peso (CIP); für Touristen der US-Dollar.Bar oder als Travellerscheck mitnehmen, außerdem werden häufig Kreditkarten akzeptiert.Seit August 1993 ist der US-Dollar auch für die Einheimischen freigegeben. Sprache: Spanisch, Englisch wird - außer im Hinterland - meist gut verstanden, Deutsch vielfach schon in Ferienanlagen. Klima:tropisch; kühlste Monate Oktober bis April (26 bis 30 Grad), im Sommer bis 40 Grad heiß und starke Luftfeuchtigkeit (72 bis 83 Prozent), öfters heftige Tropenschauer, aber immer genug Sonne.Nur legere Baumwollkleidung zu empfehlen, gute Wanderschuhe und für klimatisierte Räume und im Gebirge/auf Booten Windjacken, Pulli.Badeschuhe mitnehmen. Cayo Largo: 38 Quadratkilometer groß und 27 Kilometer lang, schmal wie eine Eidechse, ein bis sechs Kilometer breit, durchgehend 25 Kilometer Strand.Die Vegetation: hauptsächlich Mangroven und Tamarisken, wenig Palmen. Ausflüge: Tagestouren im Katamaran de Luxe für 6 bis 25 Personen mit Lunch 55 Dollar, zur Insel Cayo Iguana 12 Dollar, nach Cayo Rico mit Lunch 49 Dollar, Schnorcheln am Korallenriff von Playa Sirena, täglich ab Sirena 14 Dollar, Hochseeangeln maximal vier Personen vier Stunden 150, acht Stunden 280 Dollar. Cayo Iguana: 15 Minuten per Schiff, Ausstieg am kleinen Leuchtturm an der Nordwestküste.Nur hier an der ausgezackten "Hundezähne-Küste" leben die Leguane, die prähistorische Tierart ist eine Abart von den Rhinozeros-Leguanen Cyclura Cornuta.300 Tiere leben auf der nur etwa ein Kilometer langen und 300 Meter breiten Insel, betreut von Carlos Lobos (47 Jahre), der sich wissenschaftlich mit den Tieren beschäftigt.Gäste dürfen nur gegen Voranmeldung kommen.Von der Playa Sirena gibt es im Stundentakt eine Verbindung mit einer Lancah (4 Personen mit Guide) je 12 Dollar. Isla Juventud: ist besser von Havanna per Flug zu erreichen, mit Schiff mindestens eine Tagesfahrt für 130 Kilometer ohne Stopps.Erst seit 1978, seit den Jugendweltfestspielen heißt die Insel der Pinien und Pampelmusen Insel der Jugend.Seither leben junge Leute aus Afrika, Korea, Nicaragua und anderen Staaten auf der Insel, gehen dort zur Schule und arbeiten nachmittags auf den Plantagen. Pauschalangebote: Jahn Reisen etwa bietet zwei Wochen im 3-Sterne-Hotel Pelicano mit Flug und Halbpension ab 2550 Mark.Anschlußprogramme wie sieben Tage Havanna und Kubas Westen mit Vollpension ab 804 Mark.Auf Cayo Largo gewährt der Veranstalter hohe Kinderermäßigungen: zwei Kinder im separaten Doppelzimmer zahlen je halben Preis, zu vielen Terminen auch Festpreis ab 1165 Mark.Die Flüge finden mit LTU ab Tegel via Düsseldorf und Havanna statt.Auskünfte und Buchungen in allen Reisebüros mit LTT-Vertretung.

Auskunft: Kubanisches Fremdenverkehrsbüro, An der Hauptwache 7, 60313 Frankfurt; Telefon: 069/288322, Telefax: 069/296664.

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